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Laut Experten wären die meisten Auffahrunfälle mit der heute verfügbaren Technik vermeidbar.
Laut Experten wären die meisten Auffahrunfälle mit der heute verfügbaren Technik vermeidbar.(Foto: dpa)
Donnerstag, 08. März 2018

Schwere Unfälle vermeidbar?: Lkw rasen immer häufiger ins Stauende

Moderne Notbremssysteme könnten die meisten schweren Lastwagenunfälle an Stauenden verhindern - jedenfalls in der Theorie. Denn oftmals stellen Fahrer die Technik gänzlich ab, die Folge sind schwere Crashs, deren Anzahl dramatisch ansteigt.

Auf Deutschlands Autobahnen gibt es immer häufiger schwere Lastwagenunfälle an Stauenden. Das zeigen nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Untersuchungen der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern, die in den vergangenen Jahren speziell diese Art von Lkw-Crashs überprüft haben.

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Während NRW beispielsweise im Jahr 2013 noch 135 schwere Lastwagenunfälle an Stauenden registrierte, waren dies 2017 schon 194. In Baden-Württemberg erhöhte sich die Zahl solcher Unfälle im selben Zeitraum nach Angaben des Innenministeriums von 149 auf 191. "Die meisten Auffahrunfälle wären mit der heute verfügbaren Technik vermeidbar oder würden glimpflicher ablaufen", sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung des Branchenverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) der Zeitung. Dafür dürften die in vielen Lkw bereits vorhandenen Notbremssysteme aber nicht vom Fahrer dauerhaft abgestellt werden. Es gebe Systeme, mit denen eine Kollision gänzlich vermieden werden könne, betonte Brockmann. Er forderte verpflichtende Regelungen auf europäischer Ebene.

Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, kritisierte den Umgang der deutschen Regierung mit den Lkw-Unfällen und ihren Ursachen. Der Vorschlag des damaligen Bundesverkehrsministers Alexander Dobrindt (CSU) aus dem September an die zuständige Europa-Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen (UNECE), die Abschaltung der Notbremssysteme in Lastern ab einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde nicht mehr zuzulassen, sei "ungenügend".

Gesetzgeber bessert nach

Automatische Notbrems-Assistenten können dank Kameras und Radarsensoren Hindernisse auf der Fahrbahn erkennen. Sie warnen den Fahrer mit Warnlicht und Warnton und bremsen - falls der Fahrzeuglenker nicht rechtzeitig reagiert - zur Not auch automatisch ab. Damit lässt sich ein Aufprall zumindest abmildern, bei den modernsten Notbrems-Assistenten im Idealfall auch ganz verhindern.

Aktuell schreibt der Gesetzgeber vor, dass Notbremsassistenten bei Lkws die Geschwindigkeit lediglich um zehn Kilometer pro Stunde senken müssen. So muss das System die Höchstgeschwindigkeit von 80 Kilometer pro Stunde vor Aufprall mit einem stehenden Hindernis auf 70 Kilometer pro Stunde reduzieren.

Dieses Tempo verringert zwar die massive Krafteinwirkung im Fall eines Auffahrunfalls, birgt aber immer noch verheerendes Zerstörungspotenzial - schließlich sind die Lkw mit einem zulässigen gesamtgewicht von bis zu 40 Tonnen auf den Straßen unterwegs. Ab November dieses Jahres tritt eine neue Regelung in Kraft, nach der die Geschwindigkeitsreduktion durch Systeme 20 Kilometern pro Stunde betragen muss. Damit bleibt im Fall eines Aufpralls aufs Stauende noch immer eine Restgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde.

Quelle: n-tv.de