Sanfter Blick auf die Lombardei"Männer sehen die Berge als eine Art Sportgerät"
Von Thomas Schmoll
Die Münchnerin Ingrid Weiß zieht vor mehr als 30 Jahren nach Italien, kauft eine Alm und lebt zum Teil von Ziegen. Nachdem die Viehwirtschaft zu anstrengend wird, konzentriert sie sich ganz auf den sanften Tourismus - der Männer ausschließt.
Etwas mehr als elf Kilometer lang ist die serpentinenreiche Straße von Gravedona am Ufer des Comer Sees hinauf zur Crotto Dangri, einem rustikalen Ausflugslokal direkt neben einem urigen Wasserfall. Gleich dahinter führen Wanderwege in alte, unbewohnte Ortschaften, die bis heute nicht mit Autos zu erreichen sind. Einer windet sich durch idyllische Landschaft hinauf nach Provego und Pianezzola, zwei Almdörfer mit wenigen Häusern, viele davon verfallen.
Ingrid Weiß ist den Pfad, der sich über rund 400 Höhenmeter erstreckt, Hunderte Male hoch- und runtergelaufen. Wie oft genau, kann sie nur schätzen. "Mindestens 1500, eher 2000 Mal. Vielleicht sogar mehr", sagt sie. 1990 kam die gebürtige Münchnerin in die Lombardei und verliebte sich in die Bergwelt im Norden Italiens. Sie blieb, wurde heimisch und kaufte Mitte der Neunziger eine Alm oberhalb von Provego. Mit Hilfe von Freunden renovierte sie die verfallenen Gebäude, schaffte sich Ziegen an und lebte 20 Jahre mit und zum Teil von ihnen.
Erzählt Weiß von den Tieren, leuchten ihre Augen. "Ich habe meine Ziegen geliebt. Trotzdem musste ich sie abgeben. Den Aufwand konnte ich irgendwann nicht mehr stemmen", berichtet sie, wobei sie nicht nur den finanziellen Aspekt meint. Die Viehhaltung kostete viel Kraft. "In der Zeit des Almbetriebs schleppte ich oft 15 bis 20 Kilo Material und Lebensmittel hoch, in Öl eingelegten Käse und nicht kompostierbaren Müll runter." Dabei merkt man ihr keine Müdigkeit an. Die 65-Jährige läuft in gleichmäßigem Schritt ohne Halt. Falls sie nicht doch abrupt stoppt, um eine Bananenschale aufzusammeln und - mit bayerischem Dialekt - empört auszurufen: "Ja glaubst du das!"
Wandern ohne Leistungsdruck
Weiß begann, sich ganz auf sanften Tourismus zu konzentrieren. Nun lebt sie davon. Die Bayerin bietet geführte Wanderungen in den Bergen und Übernachtungen auf ihrer Alm an - und zwar nur für Frauen. Warum nicht auch für Männer? Weiß gibt verschiedene Gründe an: Nach dem Studium der Psychologie in Deutschland und später auf ihrer Alm habe sie mit traumatisierten Mädchen und Frauen gearbeitet, berichtet sie. "Es war nur logisch, diesen Weg fortzusetzen, nur eben anders. Ich will Frauen vermitteln, dass sie ohne ständige Mitarbeit von Männern in einem Naturraum leben können, in dem viele Fähigkeiten notwendig sind, die hauptsächlich Männern zugeschrieben werden."
Als weiteren Punkt nennt Weiß den Konkurrenzkampf innerhalb und zwischen den Geschlechtern. "In gemischten Gruppen neigen Frauen und Männer viel stärker zur Selbstdarstellung, um möglichst das andere Geschlecht zu beeindrucken", sagt sie. Reine Frauengruppen erlebe sie generell als viel entspannter. "Männer bringen viel eher einen Leistungsgedanken mit rein: Wie hoch, wie schnell, wie super. Anders als Frauen sehen sie die Berge als eine Art Sportgerät." Und last but not least: "Flirts, Knistern, Eifersüchteleien - das ist für manche zu anstrengend." Es gehe dann viel mehr um persönliche Befindlichkeiten als um das Urlaubsgefühl.
Das beschreibt Weiß so: "Bei mir gibt es den Luxus eines einfachen, auf das Wesentliche reduzierten Lebens im Rhythmus mit der Natur." Wer dahinter Klischee oder PR-Gedöns vermutet, wird eines Besseren belehrt, sobald man (frau) die Alm erreicht hat. Dort zu sein, zu übernachten, heißt Urlaub in archaisch wirkenden Steinhäusern - garantiert nicht jederfraus Sache.
Die Hütten sind renoviert, aber im Kern so, wie sie vor etwa 300 Jahren gebaut worden sind: dunkel da ohne Fenster, mit offener Feuerstelle im Inneren, wie man unschwer an den außen verrußten Töpfen und Pfannen erkennt. Nachts kann es selbst im Hochsommer empfindlich kalt werden. Strom gibt es nicht, dafür Internet - und einen unvergesslich schönen Blick hinunter ins Tal bis zum Comer See, der wegen seiner steilen Berghänge an vielen Stellen wie ein Fjord erscheint.
Einlassen auf eine uralte Welt
"Ich will nur Frauen hier haben, die sich einlassen wollen auf diese uralte Welt, die es in Deutschland so nicht mehr gibt", sagt Weiß. Tagesaufenthalte oder Übernachtungen auf ihrer Alm bedeuten auch, mit anzupacken, zu kochen, abzuwaschen, Brennholz zu sammeln oder im Gemüsegarten zu helfen. Der von einem hohen Zaun umgeben ist, damit ihn die Hirsche nicht abernten. "Einmal übersprang eine Hirschkuh die Begrenzung. Sie hat nichts für mich übrig gelassen. Ich war sauer. Aber wir haben uns wieder vertragen", sagt Weiß in einem Mix aus Ironie und Ernsthaftigkeit.
Bei den Wanderungen - für den Reporter machte Weiß eine Ausnahme von der Frauenregel - erzählt sie die Geschichte der Landwirtschaft in der Region, von der der Großteil der Bevölkerung bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts lebte. Die ausgedehnten Kastanienwälder waren Lebensgrundlage für Mensch und Tier. Zu sehen ist das noch immer. Kastanienbäume, die eine ganz eigene Aura erzeugen, dominieren die Landschaft in den Bergen.
"Auch damals waren die Dörfer und Almen weit oben nicht ganzjährig bewohnt, die Menschen lebten nur im Sommer dort", erfährt man beim Laufen. "Ich versuche, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Von Jahr zu Jahr wird es schwieriger", sagt Weiß ohne jede Melancholie. "Auch ich werde älter. Aber solange ich kann, bleibe ich hier oben auf meiner Alm und genieße das einfache Leben ohne Stress und Lärm, sehe ich mal vom Dauerrauschen des Bachs ab."