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Abenteuer Vollzeitvater "Mein Vaterbild war antiquiert"

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Das Vaterleben ist kein Bällebad, das weiß Haake inzwischen.

(Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ)

Früher einmal kamen Väter im Familienalltag kaum vor. Für Kinder, Kühlschrank und Klavierstunden waren die Mütter zuständig. Doch so wie die Familienbilder sich wandeln, steigen auch immer mehr Väter in die Familienarbeit ein. Manchmal sogar in Vollzeit, so wie Gregor Haake.

n-tv.de: Hausmann oder Vollzeitvater, welcher Titel ist Ihnen am liebsten?

Gregor Haake: Geht beides. Aber am besten finde ich den Begriff Familienmanager, weil Hausmann und Vollzeitvater in der Kombination doch sehr komplexe Aufgaben sind. Die Kinder sind natürlich meine größte Herausforderung, andererseits habe ich mit ihnen auch den größten Spaß.  

Es klingt auch ein bisschen cooler, oder?

Deutlich cooler! Aber der Job bleibt ja derselbe - mit allen Höhen und Tiefen. Egal, welches Etikett draufpappt. Als ich Vollzeit in die Familienarbeit eingestiegen bin, habe ich es nicht für möglich gehalten, dass ich das mal mit einem Managerjob vergleichen würde. Ich habe echt gedacht, das kann so schwer ja nicht sein. Das bisschen Haushalt und das bisschen Kindererziehung - schaffe ich schon. Nach ein paar Monaten musste ich mir aber eingestehen: Der Daheim-Job ist eine echte Herkules-Aufgabe. Respekt vor den Müttern, die das in erster Linie sonst machen.

Welche Veränderungen haben Sie in diesen inzwischen fünf Jahren durchgemacht?

Ich musste begreifen, dass das Leben mit Kindern nur zum Teil planbar ist. Irgendwas kommt immer dazwischen. Man muss lernen, loszulassen und zu improvisieren. Der Große ist jetzt ein Teenie, unser Mädchen noch ein Kind. Dafür brauchen Sie gute Nerven. Hausaufgaben, Kinder hin- und herfahren, Essen kochen, den Kühlschrank bestücken, die Waschmaschine anschmeißen ... Das muss alles ineinandergreifen. Aber jetzt läuft es reibungslos. Okay, meistens jedenfalls. Ich habe Geschenke-Kisten, falls ich mal wieder verpennt habe, etwas für einen Kindergeburtstag zu besorgen. Und Bastel-Kisten zur Kreativ-Bespaßung. Und sämtliche Folgen "Bibi & Tina" auf dem iPad, falls gar nichts mehr geht.

Sie sind voller Bewunderung für Ihre Frau, die das vorher gewuppt hat. Warum waren die Anforderungen so überraschend für Sie?

Ich war völlig naiv. Ich habe mich damit nicht befasst. Ich habe nie so genau hinterfragt, warum das bei uns so gut funktioniert. Lief ja alles, also hab ich mir keine Gedanken darüber gemacht, warum. Wie viel Planung in einem Wocheneinkauf oder einer Urlaubsorganisation stecken, ist mir erst klargeworden, als ich es selbst gemacht habe.

Zuvor haben Ihre Frau und Sie beide viel gearbeitet, dann haben Sie sich für diese Arbeitsteilung entschieden. Gab es dafür einen Auslöser?

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Als wir vor einigen Jahren nach Berlin gezogen sind, war tatsächlich die Herausforderung groß. Wir waren in einer neuen Stadt, mit neuen Jobs, einer neuen Wohnung, neuer Schule, neuer Kita. Ein ganz anderes Leben mit enormer Hektik. Das war in Summe wirklich viel. Die Kinder brauchten uns - aber wir haben beide super viel gearbeitet, die Kids waren ständig fremdbetreut. Das wollten wir so nicht mehr. Deshalb haben wir gesagt: Schluss jetzt, einer bleibt zu Hause, um Zeit für die Kinder zu haben. 

War das gleich klar, dass Sie den Familienjob machen?

Meine Frau verdient mehr als ich. Trotzdem hab ich mit mir gerungen und viel darüber nachgedacht. Ich hatte natürlich Bedenken. Was macht das mit mir?  Komme ich wieder in den Job rein, wenn ich zurück will? Was passiert mit unserer Ehe? Was denken meine Freunde, die Kollegen? Aber irgendwann hatte ich dann richtig Lust, das auszuprobieren und mit voller Kraft einzusteigen. Und seither mache ich es auch aus vollstem Herzen.

Mit welchem Vaterbild sind Sie in Ihre eigene Vaterschaft gestartet?

Mein Vaterbild war aus meiner heutigen Sicht antiquiert. Ich habe immer gedacht, ich gehe da raus und muss die Welt retten, das Mammut erlegen und in die Höhle schleppen, damit die Kinder satt werden. Den Rest machen meine Frau und die Schule. Da habe ich mich in meiner Vollzeitvaterzeit doch stark weiterentwickelt.

Inwiefern hängen dabei Vater- und Männlichkeitsbilder zusammen?

In unserer Gesellschaft definiert sich Männlichkeit eben immer noch zu einem großen Teil über Job und Karriere. Ich dachte: Vätern, die zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern, wird sicher unterstellt, dass sie Weicheier sind, die ihren Namen tanzen und in Funktionshosen rumlaufen. Stimmt so natürlich überhaupt nicht. Ich definiere heute meine Männlichkeit nicht mehr nur über Erfolg im Job oder im Sport. Dennoch sind sie mir wichtig. Ich fahre weiter mit meinen Jungs in den Urlaub und trinke mein Bier immer noch aus der Flasche. Und wenn ich ein Handballspiel oder Training habe, stehe ich der Familie nicht zur Verfügung. Diese Unabhängigkeit, das Stück eigenes Leben, ist wichtig.

Wie sehen Ihre Kinder denn Ihr Konstrukt?

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Haake und seine Frau, "Bild"-Vizechefredakteurin Ulrike Zeitlinger, haben zwei Kinder.

(Foto: Privat)

Die wissen mittlerweile: Mama ist nur noch abends der Boss - und am Tag macht Papa die Ansagen. Es hat ein bisschen gedauert, bis sie das gecheckt haben. Und dann hat es nochmal gedauert, bis das auch in der Kita, bei Freunden, beim Kinderarzt und überall angekommen ist. Aber ehrlich gesagt ist es den Kindern komplett egal, wer mit ihnen im Zoo das neue Eisbärenbaby anschaut, wer Bolognese kocht oder die Hausaufgaben kontrolliert. Hauptsache, es ist jemand da und hat auch abends noch die Nerven, eine Präsentation zu basteln oder das Sonnensystem aus Styropor nachzubauen. Am schönsten ist es aber, wenn wir alle vier zusammen sind. Deshalb ist uns der Samstagvormittag heilig. Da liegen wir morgens im Elternbett, trinken Kaffee und Kakao, lesen uns vor, halten Familienrat und besprechen die Woche.

Und die Freunde Ihrer Kinder?

Die fragen sich nicht, ob das "normal" ist, dass bei uns der Papa zu Hause ist. Die wollen essen. Die finden, dass die Kinder einen tollen Vater haben (lacht). Ich bin zwei Meter groß, habe lange Haare, einen Bart und spiele ziemlich passabel Handball. Das gibt bei den Jungs Bonus - und bei den Freundinnen meiner Tochter punkte ich mit der Bastelkiste und Fachwissen zu "My little Pony".

Wenn Sie nicht nach Berlin gezogen wären, hätten Sie Ihr Vatersein dann auch so stark hinterfragt?

Bestimmt nicht so konsequent. Dadurch, dass wir quasi nochmal neu angefangen haben, war die Bereitschaft, ganz offen nachzudenken und zu diskutieren, größer. Ich liebe meine Kinder und war schon vorher ein präsenter Vater. Ich bin ein Familienmensch. Und natürlich merkt man an Kindern, wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt ist unsere Tochter schon in der Schule und der Sohn in der Pubertät. Ich wollte das auch nicht verpassen. Das Problem, dass sie die Kinder weniger oft sieht, als sie gerne würde, und auch das schlechte Gewissen, das damit einhergeht - das hat nun meine Frau.

Väter werden noch sehr stark mit erlernten Geschlechterrollen und Stereotypen konfrontiert. Denken Sie darüber nach, was Ihr Sohn mit dieser Prägung für ein Vater werden könnte?

Ich glaube, dass die Tatsache, wie wir leben, ihn sicher positiv beeinflusst. Ich bin fest überzeugt, dass er ein souveräner Mann und guter Vater sein wird. Jeder Papa, der ein bisschen länger zu Hause war, auch die oft beschriebenen zwei Vätermonate der Elternzeit, hat sicher nochmal ein anderes Gefühl für diese Verantwortung. Meine Erfahrung ist, dass diese Väter auch später mehr mit anpacken. Weil alle davon profitieren. Ich finde es auch für unsere Tochter wichtig, die in einem Umfeld groß wird, wo Familienarbeit selbstverständlich eben auch vom Vater gemacht wird.

Wenn Sie eine Frau wären, stünde jetzt die Frage im Raum: Wie gleicht sich das alles aus? Was ist mit Ihrer Rente, falls Ihre Beziehung doch irgendwann scheitert? Haben Sie darüber auch nachgedacht?

Ich liebe meine Frau und sie mich - und ich gehe davon aus, dass wir immer zusammenbleiben. So leben wir. Auf diesem Vertrauen basiert unser Modell. Aber diese Fragen habe ich mir trotzdem gestellt. Was macht das mit mir? Wie sieht es mit der Altersvorsorge aus? Das haben wir geregelt. Das ist wichtig! Und interessanterweise machen das nach meiner Erfahrung Frauen, die zu Hause bleiben, viel zu oft nicht! Davon abgesehen gilt bei uns: Jeder macht seinen Job und das Geld, das reinkommt, gehört uns beiden.

Ist das für Sie ein dauerhaftes Lebensmodell?

Ich sehe das Leben von einer anderen Seite, dafür bin ich unendlich dankbar. Jetzt kann aber auch mal wieder etwas Neues kommen. Meine Frau und ich haben immer offen diskutiert, was ist, wenn die Kinder uns nicht mehr so viel brauchen. Ich weiß nicht, ob wir die Rollen wieder zurücktauschen werden. Eher nicht. Aber wir sind da wie immer für alles offen. Ich habe Lust, irgendwann wieder im Büro zu arbeiten. Vollzeit aber vorerst vermutlich nicht mehr. Dafür ist mir die Zeit mit den Kindern zu wertvoll.

Mit Gregor Haake sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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