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Bei Hochwasser in Städten "Menschen machen leider das völlig Falsche"

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Menschen sollten den Notfallplan für eine Hochwasserkatastrophe gedanklich schon durchspielen, sagt der Hydrologe Merz.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Über 40 Menschen sterben nach dem Starkregen in New York - viele ertrinken in ihren Autos. Solche Naturkatastrophen werden auch in deutschen Großstädten wahrscheinlicher, sagt der Hydrologe Professor Ralf Merz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Umso wichtiger ist es, zu wissen, was im Notfall zu tun ist.

ntv.de: Die Folgen des Hurrikans "Ida" sind verheerend. In Großstädten wie New York City ziehen reißende Flüsse durch die Straßen, Autos werden weggespült und Menschen ertrinken. Anders als bei der Flutkatastrophe in Ahrweiler ist jedoch nicht etwa der Hudson übergetreten und hat die Stadt überschwemmt. Wie kam das Hochwasser in der Metropole zustande?

Ralf Merz: Die Katastrophe in New York war kein Flusshochwasser wie beispielsweise in Ahrweiler. Es war ein Starkregenereignis, das in dieser Größe bisher noch nicht in New York beobachtet wurde. In der Stadt gibt es hauptsächlich versiegelte Flächen, wie asphaltierte Straßen und Wege. Das Wasser, das auf den Boden fällt, kann demnach nicht im Boden versickern, sondern sammelt sich schnell in den Straßen und läuft dem Gefälle nach. Auch die Kanalisation, die für den Ablauf des Wassers gedacht ist, ist bei solch einem Starkregen natürlich schnell überlastet. Der Regen läuft einfach wieder aus dem Gully heraus. So kommt es, dass das Wasser zusammenläuft und die Stadt überschwemmt.

Inwieweit fördert die Infrastruktur einer Stadt das Hochwasser?

Der wichtigste Faktor ist der versiegelte Boden. Wenn eine Stadt viele Grünflächen hat, kann das Wasser dort natürlich infiltrieren, also im Boden verschwinden. Allerdings hilft das bei solch einem Starkregen auch nur bedingt, da der Boden ab einem gewissen Punkt gesättigt ist. Der Boden im Central Park in New York ist weniger versiegelt, trotzdem gab es bei diesem Starkregen auch dort Überschwemmungen. Das heißt, es ist ganz wichtig, wie viele Grünflächen eine Stadt hat und wie diese angeordnet sind.

Was macht Hochwasser in Städten so gefährlich?

Das Gefährlichste ist, dass die Ereignisse unverhofft kommen. Es regnet plötzlich ein, zwei, drei Tage intensiv. Solche Starkregenereignisse können längerfristig, das heißt Tage oder sogar Wochen vorher noch nicht sehr zuverlässig vorhergesagt werden. Somit ist auch die Vorwarnzeit relativ kurz. Bei einem Starkregenereignis fließt gerade in der Stadt das Wasser mit einer großen Geschwindigkeit ab. Somit kann ein Hochwasser in der Stadt innerhalb weniger Stunden, vielleicht sogar Minuten, entstehen. Wir brauchen hier gut funktionierende Warnketten und die Bevölkerung muss genau wissen, was in einem solchen Fall zu tun ist. Das sieht man ja auch: In der Region, in der Naturkatastrophen regelmäßiger vorkommen, haben die Menschen eine gewisse Erfahrung und verhalten sich meistens richtig. Wenn ein Unwetterereignis aber unerwartet vorkommt, vielleicht das erste Mal in 30, 40, 50 Jahren, dann wissen die Leute oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Das hat zur Folge, dass Menschen sich falsch verhalten. Möglicherweise führt das zu noch größeren Schäden, im schlimmsten Fall sogar zu Todesopfern.

Inwiefern verhalten sich die Menschen falsch?

Vor allem, indem sie in tiefer gelegene Orte wie U-Bahn-Tunnel flüchten. U-Bahn-Tunnel und Unterführungen sind natürlich genau die falschen Orte, um Schutz zu suchen, denn da läuft das Wasser rein und kommt nicht wieder raus. Wenn das Wasser in den Unterführungen 20 Zentimeter hoch ist, denken viele Menschen, da können sie mit dem Auto noch schnell durchfahren. Dann merken sie schnell, dass es doch nicht funktioniert stecken fest. Eigentlich müssten sie dann das Auto verlassen. Auch Menschen in tief gelegenen Wohnungen sollten flüchten. Ist man allerdings unerfahren, ist es schwierig, die spontane Entscheidung zu treffen, völlig unvorbereitet aus dem Haus oder dem Auto zu stürmen. Daher machen Menschen manchmal leider das völlig Falsche.

Wie sollten sich die Menschen verhalten?

Das Wichtigste ist, dass die Menschen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Extremwetterereignisse wie Starkregenfälle vorkommen können. Wenn es Warnungen gibt oder der Wetterbericht Starkregen ankündigt, müssen sie reagieren. Sie müssen sich vorher schon Gedanken gemacht haben und am besten einen Plan entwickeln, was sie in einem solchen Fall tun. Wo gibt es Plätze, die etwas höher gelegen sind und vor Hochwasser wahrscheinlich sicher sind? Wie kann ich möglichst schnell zu diesen Plätzen kommen? Was muss ich in meiner Wohnung oder meinem Haus machen, damit der Sachschaden möglichst gering ist? Was muss ich unbedingt mitnehmen, falls ich ein paar Tage nicht in meine Wohnung kann? Was brauche ich unbedingt? Menschen müssen die Situation schon einmal gedanklich durchgespielt haben. So können sie im Notfall, in dem es ja schnell gehen muss und in dem die Belastung groß ist, ein etwas routinierteres Programm abspielen.

Könnte eine Hochwasser-Katastrophe wie jene aus New York auch in deutschen Großstädten, etwa Hamburg, Berlin oder Frankfurt, passieren?

Im Prinzip ja. Aufgrund des Klimawandels werden solche Extremwettereignisse auf der ganzen Welt stärker und wahrscheinlicher. Wetterlagen werden aufgrund der Veränderung des Jet Streams stabiler. Früher hatten wir einen ständigen Wechsel zwischen Tief- und Hochdruckgebieten. Nun bleiben sie länger an einem Platz. Das heißt, wenn es regnet, kann es sein, dass es länger sehr intensiv regnet. Wir müssen in Zukunft auf veränderte Klimabedingungen vorbereitet sein. Die Bemessungen für Hochwasser, die wir ja auch in Deutschland haben, basieren auf den gemessenen Daten der vergangenen Jahre. Sie bestimmen zum Beispiel, wie viel Starkregen die Kanalisation in einer gewissen Zeitspanne aufnehmen können muss. Nun, wo Starkregen intensiver und häufiger wird, müsste der Bemessungswert und die entsprechende Infrastruktur geändert werden. Das wurde in Deutschland zwar bereits angestoßen, es ist aber ein langer Prozess.

Mit Ralf Merz sprach Sarah Platz

Quelle: ntv.de

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