Panorama

Bluttat im Regionalexpress Messer-Angreifer war polizeibekannt

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In einem Regionalexpress zwischen Kiel und Hamburg richtet ein Mann am Mittwochnachmittag ein Blutbad an. Er sticht mit einem Messer auf andere Fahrgäste ein, tötet zwei Menschen und verletzt drei weitere schwer. Der Täter war zuvor schon mehrfach als Gewalttäter in Erscheinung getreten.

Es müssen fürchterliche Szenen in dem Regionalexpress gewesen sein: Ein Angreifer hat in dem Zug auf der Fahrt von Kiel nach Hamburg zwei Menschen getötet und sieben verletzt, drei von ihnen schwer. Dutzende Menschen wurden Zeugen des Verbrechens, mutige Passagiere verhinderten wohl Schlimmeres. Bei dem Angreifer handelt es sich um einen staatenlosen Palästinenser, wie Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack am Abend am Bahnhof in Brokstedt sagte. Der 33-Jährige kam nach Polizeiangaben mit mittleren Verletzungen in ein Krankenhaus.

"Die Hintergründe sind noch unklar, ebenso wie die Identitäten der Geschädigten", sagte eine Polizeisprecherin. Aus Sicherheitskreisen hieß es, es gebe erste Hinweise, dass der Angreifer geistig verwirrt sein könnte. Nach vorläufigen Erkenntnissen war er in Norddeutschland bislang nicht als Extremist aufgefallen, man ermittle aber in alle Richtungen. Nach Informationen von "Spiegel" und "Welt" soll der Mann aber mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten sein, laut NDR ist er mehrfach vorbestraft. Unter den Straftaten, die ihm zu Last gelegt wurden, sollen ein sexueller Übergriff und zweimal gefährliche Körperverletzung sein. Bis letzte Woche war er demnach inhaftiert.

Laut NDR und "Spiegel" hatte er zuletzt in Untersuchungshaft gesessen. Der 33-Jährige sei in Gaza geboren und 2014 nach Deutschland gekommen, schreibt der "Spiegel", wo er 2016 subsidiären Schutzstatus erhalten habe. Derzeit laufe aber bereits ein Verfahren, ihm den Titel abzuerkennen. Der Mann attackierte anscheinend wahllos Passagiere, nach Informationen der "Bild"-Zeitung soll er einer Frau in den Hals gestochen haben, bevor andere Fahrgäste ihn überwältigen konnten. Die Zeitung zitiert einen Zeugen, der berichtet, der Täter habe erst in einem anderen Zugabteil um sich gestochen, "dann tauchte er bei uns auf, hob das Messer. Ein Reisender warf einen Koffer auf ihn", so der 61-Jährige.

Fahrgäste konnten Täter überwältigen

Zeugen hätten den Angreifer festgehalten, erklärte die Polizei. Demnach sei es den Helfern unmittelbar nach der Tat gelungen, den Verdächtigen zu stoppen, bis die Einsatzkräfte eintrafen. Sie hätten "wohl den Täter davon abgehalten, Schlimmeres zu begehen", sagte Sütterlin-Waack und dankte denjenigen, die "so mutig" gewesen seien, sich "dem Täter entgegenzustellen". Über den bisherigen Erkenntnisstand will die Innenministerin am Donnerstagmorgen auf einer Pressekonferenz berichten. Die Bahn richtete eine Hotline für Betroffene und Angehörige ein.

Gegen 15 Uhr hatte die Polizei mehrere Anrufe von Fahrgästen erhalten. Auf Benachrichtigung wurde der Zug gestoppt, woraufhin sich das Geschehen auf den Bahnsteig verlagert habe, so die Sprecherin. Das Verbrechen ereignete sich kurz vor der Ankunft des Zuges im Bahnhof Brokstedt im Kreis Steinburg. Brokstedt ist eine kleine Gemeinde an der Bahnlinie zwischen Elmshorn und Neumünster.

Zum Zeitpunkt der Attacke waren rund 120 Menschen in dem Zug, sagte eine Sprecherin der Polizei in Itzehoe. "Das muss ein sehr großes Chaos gewesen sein." Etwa 70 Zeugen wurden von der Polizei in einem nahe gelegenen Gasthof befragt und betreut. Der Zug wurde wenige Stunden nach der Tat vom Bahnhof in Brokstedt weggefahren. Die Spurensicherung war mit mehreren Kräften im Einsatz. An einem Bahnübergang mit geöffneten Schranken arbeiteten Spurensicherer in weißen Schutzoveralls.

Eine Frau aus Bad Bramstedt wartete wenige Meter entfernt vom Bahnhof auf ihre Tochter. Die 18 Jahre alte Studentin war mit dem Zug auf dem Rückweg von der Uni in Kiel. "Sie hat gesehen, wie ein Mensch vier Reihen vor ihr auf jemanden eingestochen hat", sagte die Mutter. Sie könne derzeit noch nicht mit ihrer Tochter sprechen, nur schreiben, sagte die sichtlich bewegte Frau. Die Tochter warte noch darauf, bei der Polizei eine Aussage zu machen. Die junge Frau sei zwar unverletzt. "Ich glaube aber, es geht ihr schlecht. Was sind das für Menschen, die so etwas machen?", sagte die Mutter.

Schleswig-Holstein setzt Flaggen auf Halbmast

"All unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser furchtbaren Tat und ihren Familien", twitterte Bundesinnenministerin Nancy Faeser und sprach von einer "erschütternden Nachricht". Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther sprach von einer schrecklichen und sinnlosen Tat, die zwei Menschen das Leben gekostet habe. "Schleswig-Holstein trauert - das ist ein furchtbarer Tag", sagte Günther in Kiel. Zum Gedenken an die Opfer gilt in Schleswig-Holstein am Donnerstag Trauerbeflaggung.

In Brokstedt zeugten auf dem Bahnsteig verteilte kleine Schilder mit Nummern von den schrecklichen Geschehnissen, die sich in dem Zug kurz zuvor abgespielt hatten. Ermittler liefen mit Kameras den Bahnsteig ab, neben dem der Regionalzug RE70 in Richtung Hamburg Hauptbahnhof stand. Eine nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt gelegene Bäckerei schenkte Rettungskräften und Fahrgästen heiße Getränke und Backwaren aus. "Für uns eine Selbstverständlichkeit", sagte eine Verkäuferin.

Der Zugverkehr zwischen Flensburg und Hamburg sowie zwischen Kiel und Hamburg war über mehrere Stunden beeinträchtigt. Die Deutsche Bahn teilte am Abend mit: "Den Angehörigen der Opfer gehört unser tiefes Mitgefühl. Den Verletzten wünschen wir eine baldige und vollständige Genesung."

Quelle: ntv.de, ino/dpa

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