Wie kommt er darauf?Minister Backhaus "weiß", dass der Wal lebt
Von Max Patzig
Experten sind sicher, dass der wochenlang in der Ostsee gestrandete Buckelwal inzwischen tot ist. Doch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister glaubt den Walrettern blind: Das Tier lebe und sei wohlauf. Er "arbeitet faktenbasiert", ohne Fakten zu haben.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus zeigt sich in einem Interview überzeugt, dass der mehrfach in der Ostsee gestrandete Buckelwal noch immer lebt und durch die Nordsee schwimmt. "Ich kann Ihnen heute sagen: Der Wal lebt", sagt Backhaus am gestrigen Mittwoch in einem bemerkenswerten Interview des NDR. Daten des angebrachten Senders würden beweisen, dass das Meereslebewesen noch immer aktiv sei und regelmäßig auftauche.
Backhaus stützt sich in seiner Aussage jedoch nicht auf Daten des angebrachten Trackers, sondern auf Aussagen der privaten Rettungsinitiative und deren Initiatorin Karin Walter-Mommert. Entgegen einer vor der Rettungsaktion getroffenen Vereinbarung lieferten die Walretter bislang keine Erkenntnisse des Wal-Senders an den Landesumweltminister, wie er erklärt. Warum das nicht geschehe, müsse man die Initiative fragen, sagt er im Interview. Er vertraue auf die Angaben der Walretter. Wie überzeugt Backhaus von den Informationen der Privatleute ist, zeigt sich wenig später: "Ich weiß alles von dem Wal", kurz nachdem er noch gestehen musste, nicht zu wissen, wie es dem Säugetier geht.
Der Tracker sei nach Angaben der Rettungsinitiative aus Amerika eingeflogen worden, so Backhaus. Er beteuert, dass es sich nicht um ein Gerät für Hunde handle. Es sei zudem dokumentiert worden, dass der Sender am Wal "angeschraubt" wurde. Ob das tierrechtlich überhaupt vertretbar sei, kann Backhaus nicht sagen. "Das müssen Sie die Initiative fragen. Das ist außerhalb unseres Hoheitsgebiets passiert", versucht sich der Minister gleichzeitig der Verantwortung zu entziehen.
Der SPD-Politiker nehme zur Kenntnis, dass es Hinweise darauf gebe, dass der Wal lebe. "Wer etwas anderes behauptet, soll das beweisen", sagt Backhaus schnippisch. Im Gespräch fällt auf, dass der Umweltminister sichtlich nervös wirkt, permanent an seinen Fingern herumspielt. Er gerät häufig in Erklärungsnot und verweist an die Rettungsinitiative, die - so wirkt es - weitgehend freie Hand bei ihrem Vorgehen hatte.
Till Backhaus: "Ich arbeite faktenbasiert"
Die Retter mussten beispielsweise nicht vorlegen, welcher Tracker genau an dem 14-Meter-Tier angebracht wird und konnten ihre Mission mit einer Barge antreten, die für diese Art Gewässer gar nicht geeignet war. "Im Nachhinein weiß man alles ganz genau", startet Backhaus einen erneuten Versuch, seine Lage zu erklären. Doch gerade für Schiffe und Bargen gibt es Zulassungen, die das genau regeln. Ein Minister sollte in der Lage sein, die Daten entsprechend zu interpretieren und dann Genehmigungen zu erteilen oder aber zu verweigern. Backhaus gerät ins Straucheln, will sich immer wieder auf den Tracker berufen, von dem keinerlei Daten an Experten oder das Ministerium weitergegeben werden, und bekräftigt immer wieder die Hoffnung, dass der Wal noch lebt.
Den Höhepunkt erreicht das 15-minütige Gespräch mit NDR-Reporter Thilo Tautz, als es um die Walexperten geht, die davon ausgehen, dass der 12 Tonnen schwere Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit tot sei. "Ich nehme das zur Kenntnis. Ich kann Ihnen heute sagen, mit diesen Vermutungen kann ich nicht arbeiten und ich spekuliere nicht, sondern ich arbeite faktenbasiert. Und da habe ich zur Kenntnis genommen: der Wal zeigt Regung, der Wal kommuniziert", zählt Backhaus auf. Er wisse das, "weil ich am Wal war". Zwar war Meck-Pomms Umweltminister wirklich bei dem gestrandeten Tier - ganze elfmal, wie er stolz erzählt -, aber das ist bereits Wochen her. Abermals berichtet Backhaus vom Tracker und den Daten, die dieser senden würde. "Jetzt wollen wir doch mal warten, wie sich das Puzzle zusammensetzt."
Dass die Walretter die Daten des Trackers nicht der Weltöffentlichkeit zugänglich machen wollen, um "Waltourismus" nicht zu begünstigen, ist nur verständlich. Doch Wissenschatlerinnen und Wissenschaftler, an den Rettungen eingebundene Expertinnen und Experten sowie das Umweltministerium, mit dem eine solche Vereinbarung getroffen wurde, sollten Zugang zu den Daten erhalten, damit sichergestellt werden kann, wie es dem Tier geht. Sie seien zur Aufarbeitung, aber auch "für den Umgang mit zukünftigen Lebendstrandungen von Großwalen (...) von enormer Bedeutung", wie das Deutsche Meeresmuseum zuletzt mitteilte. Am Ende sei es auch im Interesse der Retter, Forscher von ihrem Erfolg zu überzeugen, gab die Einrichtung aus Stralsund zu bedenken.