"Meistgesuchter Täter Europas"Mörder aus Wald in Halle könnte zurück in Deutschland sein

Im September 2019 wird der Amateurboxer Ismail P. in einen Wald gelockt und getötet. Die Ermittler fahnden nach einem 34-Jährigen, vermuten ihn allerdings im Ausland. Nun führen die Spuren eines der meistgesuchten Verbrecher Europas zurück nach Deutschland.
Im Fall des 2019 getöteten Amateurboxers Ismail P. könnten die Ermittler vor einem Durchbruch stehen. Der 27-jährige Albaner wurde vor sechseinhalb Jahren in einen Wald im sachsen-anhaltinischen Halle gelockt und dort erstochen. Der oder die Täter konnten bis heute nicht gefasst werden. Im vergangenen Jahr präsentierten die Polizei und das Bundeskriminalamt schließlich einen Hauptverdächtigen: Der heute 34-jährige Shpendi Malo soll hinter der Tat stecken. Auch Europol schaltete sich ein. Denn von dem Mann, der ebenfalls aus Albanien kommt, fehlte weiterhin die entscheidende Spur - offenbar bis jetzt.
Malo soll von Zeugen entdeckt worden sein, berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf Ermittlerkreise. Demnach erkannten Reisende ihn vor wenigen Wochen in einem Intercity-Zug. Wohin der Verdächtige genau unterwegs war, verraten die Beamten aus ermittlungstaktischen Gründen nicht, heißt es weiter.
Die Sichtung ist vor allem deshalb entscheidend, da die Ermittler Malo bisher im Ausland vermuteten. Nun liegt nahe, dass er sich wieder in Deutschland aufhält, heißt es in dem Bericht. Die Beamten würden dem Hauptverdächtigen damit deutlich näherkommen. Über eine Festnahme ist bisher jedoch nichts bekannt.
"Europe's Most Wanted"
Die Spur bringt nach knapp einem Jahr erneut Dynamik in den Cold Case. Im vergangenen Mai bat die Polizei Sachsen-Anhalt die Öffentlichkeit mithilfe eines Fotos von Malo um Hilfe bei der seit Jahren andauernden Fahndung. "Über Spuren konnte als einer der beteiligten Täter Shpendi Malo identifiziert werden", hieß es in dem Aufruf der Polizei. "Der aus Albanien stammende Täter verließ Deutschland jedoch kurz nach der Tat und wurde zur internationalen Fahndung ausgeschrieben", erklärte die Polizei in ihrem Aufruf. Berichten zufolge hatte auch ein Treffer in der DNA-Datenbank zu dem Albaner geführt.
Zudem wurde der Verdächtige bei "Aktenzeichen XY" im Rahmen der "Europe's Most Wanted" vorgestellt. Denn: Seit Juni 2025 fahnden nicht nur die Ermittler in Deutschland, sondern auch Europol nach Malo. "Der Mann ist auf die Liste der 20 meistgesuchten Verbrecher Europas gesetzt worden", sagte Dennis Cernota, Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Halle, dem MDR.
Die Ermittler gehen davon aus, dass Malo sein Opfer im September 2019 gezielt nach Halle gelockt hat. Ismail P. war Amateurboxer, sein Kampfname lautete "King", wie in der Sendung "Kripo live" berichtet wurde. Dem Bericht zufolge lebte P. in Albanien, hatte in der Vergangenheit jedoch eine Zeit lang in Halle gewohnt und pflegte weiterhin Kontakte in die Saalestadt. Einen dieser Kontakte bezeichnete er offenbar sogar als Freund - es handelt sich um den mutmaßlichen Täter Malo. Die beiden Männer sollen zeitweise Mitbewohner gewesen sein, berichtet die "Bild"-Zeitung.
Opfer bat Taxifahrer, zu warten
Am 11. September kam P. mit mehreren Koffern am Hauptbahnhof in Halle an, hieß es bei "Kripo live". Was sich in den Koffern befand, ist nicht bekannt. Die Ermittler fanden jedoch heraus, dass sich P. mit jemandem treffen wollte. So stieg er am Abend desselben Tages ohne seine Koffer am Marktplatz in ein Taxi. Er gab zunächst ein anderes Ziel an, heißt es in mehreren Berichten. Laut den Ermittlern wirkte P. keineswegs beunruhigt, schrieb lediglich ein paar Textnachrichten, als er ins Auto stieg.
Während der Fahrt begann P. ein Telefonat, bei dem es zu Diskussionen kam - im Laufe dessen änderte sich das Fahrtziel schließlich zur Dölauer Heide, dem Stadtwald von Halle. Es wirkte, als hätte die Person am Telefon P. genaue Anweisungen gegeben, wo dieser hinkommen soll, berichtete "Kripo live". Dass der 27-Jährige von einem kurzen Treffen im Wald ausging, belegte demnach sein Verhalten: Er bat den Taxifahrer, am Waldrand auf ihn zu warten; er sei gleich zurück. Danach wurde er nicht mehr lebend gesehen.
Der junge Boxer wurde im Wald niedergestochen, wie die Kriminaltechniker später herausfanden. "Bei der Obduktion wurden verschiedene Gewalteinwirkungen festgestellt. Sowohl Schussverletzungen als auch Stichverletzungen. Letztere waren todesursächlich", sagte Oberstaatsanwalt Ulf Lenzner damals dem MDR. Der oder die Täter versuchten anschließend, die Leiche anzuzünden, was offenbar misslang. Sie warfen P. daher in einen Graben und bedeckten ihn mit Laub. Drei Tage später entdeckten Passanten den toten Körper.
Heimtücke "liegt nahe"
Die Soko "Heide" nahm sofort die Ermittlungen auf. Durch die Obduktion konnte die Identität des Opfers bestätigt werden. Die Beamten gehen zudem Spuren nach, die auf mehrere Täter hindeuten. Um welche Hinweise es sich dabei handelt, ist nicht bekannt. Im vergangenen Jahr teilte Oberstaatsanwalt Cernota mit, dass zunächst wegen Totschlags ermittelt werde. Eine Anklage wegen Mordes sei jedoch nicht unwahrscheinlich. "Es liegt nah, wenn der Täter das Opfer in den Wald gelockt hat, um es zu töten, dass er heimtückisch gehandelt hätte. Das wäre ein sogenanntes Mordmerkmal", erklärt er. Den Berichten zufolge war P. völlig arglos, als er den Wald betrat.
Für eine Anklage müsste der Verdächtige jedoch zunächst festgenommen werden. Diesem Schritt scheinen die Beamten nun - dank der Zeugenaussage - deutlich näher gekommen zu sein. Die Polizei nimmt weiterhin Hinweise zur Tat und vor allem zum Verbleib des Verdächtigen entgegen. Bereits vor einem Jahr riet Cernota jedoch auch, Malo unter keinen Umständen anzusprechen. "Der Mann ist aus unserer Sicht gefährlich", so der Oberstaatsanwalt.