Panorama

Durchbruch in Fürther Cold Case?Neue Spur zeigt entscheidende Parallele bei zwei Mädchen-Morden

21.01.2026, 15:16 Uhr IMG-7408Von Sarah Platz
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Die Polizeibehörden in Fürth und in Kempten bitten die Öffentlichkeit Jahrzehnte nach den Taten um Mithilfe. (Foto: Polizeipräsidium Mittelfranken)

Im Juli 1973 verschwindet die zwölfjährige Marion Baier nach einem Stadtfest im bayerischen Zirndorf. Die Leiche des Mädchens wird am nächsten Morgen gefunden - der Täter bis heute nicht. Das könnte sich nun jedoch ändern: Eine Spur bringt den Mord mit einem ähnlichen Fall aus Kempten in Verbindung.

Sie wolle nur kurz die Oma besuchen. Das ruft Marion Baier ihrer Mutter am Nachmittag des 1. Juli 1973 zu, als sie die Wohnung verlässt, wie Zeitungen damals schrieben. Möglicherweise eine kleine Flunkerei eines Teenagers, denn bei der Großmutter kommt die Zwölfjährige nie an. Stattdessen wird Marion von einer Schulfreundin auf dem Fischerfest im Nachbarort Zirndorf gesehen. Anschließend will sie sich noch mit einem jungen Mann treffen, wie eine Schulfreundin später der Polizei erzählen wird. Ob es wirklich zu diesem Treffen kommt, ist ungewiss. Gegen 20 Uhr verliert sich Marions Spur auf dem Stadtfest - zumindest bis zum nächsten Morgen. Am frühen Montag, den 2. Juli 1973 findet ein Arbeiter die Leiche des Mädchens im damaligen Neubaugebiet in der Hainbergstraße im bayerischen Oberasbach.

Weil sie zum Teil entkleidet wurde, gehen die Ermittler schnell von einem Sexualverbrechen aus. Die Untersuchung ergibt, dass Marion offenbar mit einem Stein erschlagen wurde. Wer ihr das antat, konnte hingegen bis heute nicht herausgefunden werden.

Rund 52 Jahre später soll die Arbeitsgruppe "Hainberg" daran etwas ändern. Die Ermittler wagen einen neuen Versuch, den Cold Case zu lösen. Dafür rollen sie den Fall auch öffentlich neu aus: Seit Tagen rufen die Beamten mögliche Zeugen von damals zur Mithilfe auf und am Abend wird der Fall erneut in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" rekonstruiert.

Silbermedaillon und Adidas-Schuhabdruck

Nach mehr als fünf Jahrzehnten scheint dies ein ungewöhnlicher, gar aussichtsloser Schritt der Behörden zu sein. Immerhin verblassen die Erinnerungen von Menschen bekanntlich schnell. Dass mögliche Zeugen in der Zwischenzeit verstorben sind, ist in diesem Fall ebenfalls nicht unwahrscheinlich. Die Hoffnung der Ermittler keimt jedoch aus gutem Grund: DNA-Material, das vor mehr als 50 Jahren sichergestellt werden konnte, lieferte eine Verbindung zu einem weiteren Mordfall aus Kempten, wie die Behörde jüngst mitteilte. Es könnte die entscheidende Spur sein, um gleich zwei Verbrechen aufzuklären.

Inspiziert man den Fundort der Leiche von Marion Baier heute, drängt sich die unauffällige Kleinstadt-Idylle förmlich auf: In unmittelbarer Umgebung finden sich ein paar Cafés, ein Restaurant namens "Kuperkanne", ein Discounter, ein Spielplatz. Rechts begrenzt der Hainberg selbst die Straße, ein teils dicht bewaldetes Wandergebiet mit Weiher. Die Ermittlungsgruppe dürfte sich bei ihrer Namenswahl vor allem deshalb auf die Straße bezogen haben, da die entscheidenden Beweismittel und Indizien im Fall Marion Baier allesamt von diesem Ort stammen.

Damaligen Zeugen fielen etwa zwei Autos und ihre Fahrer auf, die in der Tatnacht in der Hainbergstraße, in unmittelbarer Nähe zum späteren Fundort der Leiche, unterwegs waren. Nähere Details zu den Fahrzeugen und ihrer möglichen Rolle in dem Fall sind jedoch nicht bekannt. Deutlich konkreter ist der Fund eines Schmuckstücks: In der Nähe der Leiche sicherten die Beamten ein Silbermedaillon mit dem Abbild des Heiligen Christophorus, Schutzpatron der Reisenden und Autofahrer. Auf der Rückseite prangt der Schriftzug "Gott schütze dich", wie auf von der Behörde veröffentlichten Fotos zu sehen ist. Nach Einschätzung der Ermittler stammt das Medaillon vom Täter. Ebenfalls könnten ihm Schuhabdrücke, die damals sichergestellt wurden, zuzuordnen sein: Adidas-Sneaker in Größe 43, möglicherweise das Modell "Olympia", "Gazelle blau" oder "Allround". Und schließlich stellte die Spurensicherung an der Bluse jenes DNA-Material sicher, das vor wenigen Tagen zu einem ersten Durchbruch im Fall geführt hat.

Treffer in der Datenbank

Die Möglichkeit, gesichertes DNA-Material mit einer Datenbank für Straftäter und Beschuldigte abzugleichen und einem Verdächtigen so auf die Spur zu kommen, gab es 1973 noch nicht. "Viele Spuren, die man hatte, waren damit eine Sackgasse. [...] Ermittler blieben oft ratlos zurück", erzählte Alexander Bachmann vom Bundeskriminalamt in einem Gespräch mit ntv.de über die Zeit vor der DNA-Datenbank. Diese wurde erst 1998 eingerichtet. Mittlerweile speichert sie das DNA-Identifizierungsmuster von mehr als 800.000 bekannten Personen und rund 400.000 Spuren.

Spuren in Form von DNA-Material, mit dem Ermittler vor 1998 oft noch nicht viel anfangen konnten, werden mithilfe der Datenbank Jahrzehnte nach der Tat nicht selten zum entscheidenden Hinweis in Cold Cases. So gelang dem Landeskriminalamt Hessen 2023 etwa auf genau diese Weise nach 37 Jahren der Durchbruch im Mordfall an der damals 15-jährigen Jutta Hoffmann aus Lindenfels. Das Mädchen wurde 1986 überwältigt, missbraucht und ermordet - das gefundene Genmaterial konnte jedoch niemandem zugeordnet werden. Bis die Beamten es Anfang 2023 durch die Datenbank jagten. "Plötzlich hatten wir einen Tatverdächtigen", erinnerte Harald Schneider vom LKA Hessen bei ntv.de an den Erfolg.

Im Fall von Marion Baier lieferte die Suche mit der Datenbank keinen konkreten Verdächtigen. Einen Treffer brachte sie trotzdem: Das Genmaterial, das an der Kleidung von Marion Baier gefunden wurde, wurde 1981 auch am Tatort des ebenfalls ungeklärten Mordes an Sonja Hurler in Kempten gesichert. Dass ein- und derselbe Täter für beide Verbrechen verantwortlich ist, wird damit höchstwahrscheinlich. Natürlich hinterfrage man stetig, ob es für die identische Spur auch einen anderen Grund als denselben Täter geben könne, erklärte Kriminalhauptkommissar Jan Frühwald in der "Süddeutschen Zeitung". Das jedoch sei unwahrscheinlich. "Wir sind uns schon relativ sicher", fügte er hinzu.

Parallelen zum Fall Sonja Hurler

So deuten die Umstände beider Fälle auf ein Muster des Täters hin, wie auch Polizeisprecher Michael Konrad gegenüber der dpa deutlich machte. Zwischen beiden Mordfällen liegen rund acht Jahre. Abgesehen davon sind die Parallelen jedoch tatsächlich auffällig: Bei beiden Opfern handelt es sich um Mädchen, ungefähr im gleichen Alter. Beide wurden mutmaßlich sexuell missbraucht und dann getötet. Beide Verbrechen geschahen Anfang Juli. Und: Beide Mädchen verschwanden nach dem Besuch örtlicher Stadtfeste.

Die damals 13-jährige Sonja Hurler besucht am 4. Juli 1981 gemeinsam mit ihrer Mutter ein Schul-Sommerfest in Kempten. Wieder zu Hause streiten sich Mutter und Tochter, wie Zeitungsberichten zu entnehmen ist. Sonja verlässt daraufhin erneut die Wohnung, sie will bei der Großmutter übernachten. Dort kam sie jedoch nie an. Rund drei Monate später wird ihre Leiche unter einem Stadel, einer Art Schuppen, nahe Heiligkreuz gefunden.

Zeugen berichten den Ermittlern von Hilfeschreien eines jungen Mädchens. Andere wollen zudem gesehen haben, wir mehrere junge Männer ein Mädchen durch die Straßen trieben. Indizien, die Ermittler über Jahrzehnte nicht weiterbringen. Der Mörder von Sonja Hurler konnte bis heute nicht ausgemacht werden.

Die Hoffnung

2023 rollten die Ermittler in Kempten den Cold Case neu auf. Auch sie jagten die damals gefundenen DNA-Spuren durch die Datenbank - allerdings ohne Erfolg. Auch eine DNA-Reihenuntersuchung, an der rund 300 Männer teilnehmen mussten, die damals in der Nähe des mutmaßlichen Tatorts lebten, brachte keinen Treffer. Der Fall Sonja Hurler drohte erneut in den Akten zu verschwinden, den österreichischen Ermittlern blieben kaum noch Möglichkeiten. Bis die Arbeitsgruppe "Hainberg" aus Bayern einen Zusammenhang zum Fall Marion Baier feststellte.

Man stehe angesichts der neuen Erkenntnisse in engem Austausch mit den Kollegen aus Kempten, heißt es in einer Mitteilung der bayerischen Ermittler. Auch wurden Profiler zu den Ermittlungen hinzugezogen. Große Bedeutung hat nun die Fernsehausstrahlung am Abend. So könnte das neue Merkmal ausschlaggebend für die möglicherweise entscheidende Erinnerung eines Zeugen sein: Wer kennt eine Person, die in den 1970-er- und 1980-er-Jahren sowohl Verbindungen nach Mittelfranken als auch ins Allgäu hatte?

Die enormen Kraftanstrengungen beider Behörden verdeutlichen die Hoffnung der Ermittler, die Cold Cases zu lösen. Möglich ist, dass sich nach Jahrzehnten schlicht niemand konkret genug an auffällige Umstände von damals erinnert. Möglich ist auch, dass sich jemand erinnert, der Täter aber bereits verstorben ist. Möglicherweise gelingt es jedoch, jenen Menschen nach Jahrzehnten zur Verantwortung zu ziehen, der zwei Mädchen auf grausamste Weise aus dem Leben riss.

Quelle: ntv.de

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