Ermittler getötetMüllmafia lässt Schrottschiffe und Giftfrachter einfach "verschwinden"
Von Andrea Affaticati, Mailand
Eine Zeit lang versenkt die Mafia Müll samt Frachter einfach vor Kalabriens Küsten. Heute gehen Kriminelle anders vor, entsorgen nicht mehr im offenen Meer. Umweltschützer fordern Brüssel zum Handeln auf.
Der Tod von Natale De Grazia beschäftigt Italien seit mehr als 30 Jahren. Woran der Offizier der kalabrischen Hafenbehörde 1995 starb, ist noch immer ungeklärt. De Grazia ermittelte damals zu illegaler Müllentsorgung, die ein großes Problem in Italien war: Schrottreife Schiffe, die vollbeladen von Italiens Häfen ins Meer stachen, verschwanden seit den 1970er Jahren irgendwo vor Kalabriens Küste vom Radar. Sie wurden einfach versenkt.
Das Thema Umweltschutz hatte damals keine Priorität, weshalb die Staatsanwaltschaft der Region Kalabrien erst Anfang der 1990er Jahre ernsthaft zu ermitteln begann. Schon bald stellte sich heraus, dass es sich um sogenannte "Einwegschiffe" handelte, die mit giftigem, oft auch radioaktivem Abfall beladen im Meer versenkt wurden. De Grazia war Anfang 1995 in die Ermittlungen einbezogen worden.
Am 12. Dezember 1995 machte er sich mit zwei Kollegen auf den Weg in die ligurische Hafenstadt La Spezia. Die Mission hatte aber noch gar nicht richtig begonnen, als sie abgebrochen werden musste. Nach dem Abendessen in einem Restaurant, nicht weit von Neapel entfernt, landete De Grazie im Krankenhaus - wo er noch in derselben Nacht starb.
Woran er starb, bleibt bis heute ein Rätsel. War es ein natürlicher Tod, wie die ersten zwei Autopsien ergaben? Oder wurde er vergiftet, wie der vom ermittelnden Parlamentsausschuss beauftragte Mediziner Giovanni Arcudi ein paar Jahre später vermutete?
"Leider ist nach dem Gutachten, das eine Vergiftung als Todesursache vermuten ließ, nichts mehr geschehen", erzählt Enrico Fontana ntv.de. Er ist beim Umweltverband Legambiente zuständig für Öko-Mafias. Laut Chroniken von damals soll De Grazia gefährlich nahe an die Müllmafia geraten sein.
Der Fall De Grazia war einer der Arbeitsansätze bei der in der vergangenen Woche in Brüssel stattgefundenen Tagung "Ships of Shame and Poisons Ships - The role of EU in investigating hazardous and radioactive waste in the Mediterranean" ("Schiffe der Schande und Giftschiffe - Die Rolle der EU bei der Untersuchung von gefährlichen und radioaktiven Abfällen im Mittelmeer"). Organisiert hatte sie Legambiente zusammen mit dem sozialdemokratischen Landsmann und EU-Parlamentarier Sandro Ruotolo. Zu den Referenten zählten Vertreter von Europol und Interpol sowie Vertreter des Projekts Nuclear Ocean Dump Site Survey Monitoring (NODSSUM), das im vergangenen Jahr mehr als 1000 Fässer mit radioaktivem Müll im Atlantik gefunden hat.
80 Schiffe vor Kalabrien versenkt
Zwar betrifft das Problem der illegalen Müllentsorgung nicht nur Italien, trotzdem hat man dort eine besondere Sensibilität diesbezüglich entwickelt. Die Erfahrung lehrt. Die neapolitanische Mafia, die Camorra, hat in der Vergangenheit mit verbranntem Giftmüll ganze Landstriche zwischen Neapel und Caserta verseucht. Daher der Name Terra dei Fuochi, Land der Feuer. 2001 wurde dann ein Gesetz verabschiedet, das den illegalen Handel mit Müll bestraft.
Im Fokus der Tagung stand die Rolle der EU bei der Suche nach gefährlichem Müll und radioaktivem Abfall im Mittelmeer. Also eine ähnliche Mission wie die von NODSSUM. Es "geht um vergangene wie auch gegenwärtige Vorfälle", ergänzt Fontana. Was die Vergangenheit betrifft, sind Recherchen von Legambiente zum Schluss gekommen, dass zwischen 1979 und 2000 vor Kalabriens Küste insgesamt 80 Schiffe plötzlich vom Horizont verschwanden. Es waren schrottreife Frachter, die anstatt rechtmäßig entsorgt zu werden, über Mittelsmänner der organisierten Kriminalität gekauft und sich dann anscheinend in Luft auflösten.
Wie man auf der Plattform Deutsche Flagge des Bundesministeriums für Verkehr erfährt, gibt es für die EU-Schiffe schon seit 2013 eine Recycling-Richtlinie. So dürfen Schiffe, die unter der Flagge eines EU-Staats unterwegs sind, nur noch in bestimmten EU-Werften verschrottet werden. Ähnliche umweltschützende Standards sind von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO verabschiedet worden und gelten seit dem 26. Juni 2025 weltweit.
"Die Frage, die sich jetzt stellt, ist, was ist aus dem Müll geworden", fährt Fontana fort. "In welchem Zustand liegt er am Meeresgrund, wie gefährlich ist der Inhalt für Meer und Mensch? Und da kommt die EU ins Spiel." Eine wichtige Frage ist die der Kontamination, weshalb auch Nicola Irto anwesend war. Er ist Mitglied des italienischen parlamentarischen Ermittlungsausschusses zur Müllentsorgung und Verstößen gegen den Umweltschutz und die Agrar- und Lebensmittelproduktion.
Die Beaching-Methode
Legambiente hat einen Sechs-Punkte-Plan erarbeitet, wie die EU-Kommissarin für Umweltschutz, Jessika Roswall, vorgehen sollte: Sie soll vom zuständigen italienischen Parlamentsausschuss sowie dem UN-Programm für die Umwelt (UNEP) die komplette Dokumentation, die es über die Schiffsversenkungen im Mittelmeer gibt, anfordern. Anschließend soll Roswall mit Italiens Umweltminister ein Rechercheprogramm aufstellen; die fortschrittlichsten Technologien zur Unterwasserforschung einsetzen; EURATOM einbeziehen; genauso wie Europol und Interpol.
Nicht zuletzt fordert man den EU-Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI) auf, zusammen mit dem italienischen Parlamentsausschuss nicht nur in Italien, sondern auch in anderen europäischen sowie afrikanischen Küstenstaaten zu den "Einwegschiffen und Giftfrachtern" zu ermitteln - sowohl was die Vergangenheit als auch die Gegenwart betrifft.
Zum Hier und Jetzt liefert die NGO Shipbreaking Platform, die auch bei der Tagung war, wichtige Daten. Ihren Berichten zufolge wird der Müll weiter illegal verschifft und entsorgt. Der schrottreife Frachter wird aber heutzutage nicht mehr versenkt, sondern viel mehr ge-"beached". Das heißt, dass die letzte Reise oft auf den Stränden (daher der Begriff Beaching) Südasiens endet, wo sie von Menschen auseinandergenommen werden.
2025 sind den Daten zufolge von den 321 Frachtern, die entsorgt werden mussten, 214 in Bangladesch und Indien gestrandet. Beim Zerlegen kamen 11 Menschen ums Leben und weitere 60 wurden schwer verletzt. Hinzu kommt die Umweltverseuchung, schon allein wegen der Abflüsse jeder Art.
"Das Mittelmeer bleibt wiederum eine wichtige Seestraße, um illegale Textilabfälle nach Tunesien oder kontaminierten Eisenschrott in die Türkei zu verschiffen", erklärt Fontana. Allein was die italienische Mafia betrifft, soll dieses Geschäft an die zwei Milliarden Euro im Jahr einbringen. Kein Wunder, dass Recherchen in diese Richtung sehr gefährlich werden können.