Panorama

Weltärztechef Montgomery bei ntv "Müssen mit Ungeimpften mehr Härte zeigen"

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Frank Ulrich Montgomery ist Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes - hier im Gespräch mit ntv-Reporterin Vivian Bahlmann.

Zu wenige Menschen sind geimpft, die meisten Menschen verhalten sich nicht mehr vorsichtig - Ergebnis sind dramatisch steigende Corona-Infektionszahlen. Dass jetzt noch viele Ungeimpfte mit Argumenten überzeugt werden können, glaubt der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, im ntv-Interview nicht.

ntv: Wir haben höhere Corona-Zahlen als im vergangenen Winter. Was haben wir falsch gemacht?

Frank Ulrich Montgomery: Wir sind zu unvorsichtig geworden. Wir impfen zu wenig und wir erlauben den Menschen wieder alles. Wir tun uns sehr schwer damit, die gewählten Freiheiten jetzt wieder zurückzunehmen. Deswegen werden die Zahlen, so meine Prognose, noch weiter steigen.

Die steigenden Zahlen sind ja nicht die beste Werbung für die, die nicht geimpft sind, sich noch impfen zu lassen. Oder?

Das ist ein großer Irrtum. Es ist richtig, dass die Zahlen steigen. Aber der Irrtum ist, dass die Menschen genauso krank werden wie die, die ungeimpft sind. Auf den Intensivstationen liegen vor allem Ungeimpfte. Das ist ein Spiel mit dem Leben, was man da macht. Mit der Impfung verhindert man, wenn man keine anderen Vorerkrankungen und keine besonderen Probleme daneben hat, dass die Krankheit eine richtig schwere Erkrankung wird. Und mit dem Boostern für die, deren Impfung länger als fünf Monate her ist, kann man dann auch noch die Immunitätslage wieder auffrischen. Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor der Infektion. Aber es gibt sehr viel mehr Sicherheit, wenn man geimpft ist.

Sind unsere Impfstoffe wirksam genug oder liegen die steigenden Zahlen primär an den Menschen, die aktuell noch nicht geimpft sind?

Ich glaube, es liegt primär an den Menschen, die nicht geimpft sind. Aber es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, dass Impfungen zu 100 Prozent wirken. Die Grippeimpfung zum Beispiel wirkt auch nur zu 50 oder 60 Prozent. Viren sind ganz teuflische kleine Viecher, die eben auch eine hohe Variabilität haben. Deswegen kämpfen wir so um die Verhinderung jeder Infektion, denn in der Infektion entstehen Mutationen, entstehen Variationen, entstehen andere Viren, die zwar verwandt sind mit dem Ur-Virus, aber nicht identisch. Und mit jeder Variation und Mutation wird das Risiko des Nachlassens der Impfstoffwirkung größer. Deswegen müssen wir die Infektionen jetzt verhindern und das gelingt am besten durch Abstand halten, Maske tragen und natürlich durch Impfen.

Heute erfahren wir, dass der Karnevalsprinz an Corona erkrankt ist. Haben Sie Verständnis dafür, dass heute, unter Auflage der 2G-Regel, der Karneval in Köln startet?

Ich möchte nochmal in Erinnerung rufen, dass auf einer Karnevalssitzung in Gangelt im Kreis Heinsberg alles angefangen hat, mit den großen Ausbrüchen von Corona. Deswegen glaube ich, man kann Karneval feiern, wenn man Abstandsregeln einhält, Masken trägt et cetera. Wenn man das alles einhält, dann geht auch Karneval. Aber ich finde es schon ein Menetekel, dass eigentlich die erste Session schon so belastet wird durch den Ausfall des Prinzenpaars.

Was halten Sie von der 2G-Regel? Ist das der richtige Weg?

Ich finde das richtig. Wir müssen denjenigen, die geimpft sind, auch Freiräume einräumen, sich unter Geimpften aufhalten zu können, ohne diese ganzen Einschränkungen. Und die Ungeimpften müssen dann eben auch die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens tragen.

Karl Lauterbach hat vorgeschlagen, für fehlende 2G-Kontrollen deutliche Bestrafungen einzuführen. Würden Sie da mitgehen?

Ja, da gehe ich im Kern mit. Aber Karl Lauterbach muss aufpassen, dass er nicht ganz unglaubwürdig wird. Denn er fordert gleichzeitig wieder die Kostenfreiheit von Tests und Ähnlichem. Wir müssen den Ungeimpften jetzt mal ein klein wenig mehr Härte und mehr direkte Ansprache zeigen. Ich glaube, wir müssen uns mal entscheiden. Wollen wir konsequent mit Strafe und Härte da rangehen oder wollen wir versuchen, die Leute zu überzeugen? Wir haben die Leute jetzt seit drei bis vier Monaten versucht zu überzeugen, ohne dass es viel gebracht hätte. Jetzt müssen wir mal ein bisschen härter werden. Aber nicht gegenüber den Gastwirten, sondern gegenüber den Ungeimpften.

Sie sprechen sich da also durchaus für eine Impfpflicht aus?

Es gibt eine moralische Impfpflicht in meinen Augen, in den Berufen, wo wir besonders Menschen anvertraut sind, also Pflegende, Ärzte, aber auch Köche in Altenpflegeheimen sollten meines Erachtens geimpft sein - die, die wirklich lebensgefährliche Infektionsbomben sein können für die alten Menschen. Aber eine rechtliche Impfpflicht, wo sie jemanden mit der Polizei zum Impfen vorführen, die kann ich mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen.

Mit Blick auf den Winter, glauben Sie, dass wir uns erneut auf Schulschließungen einstellen müssen oder sogar einen erneuten Lockdown?

Einen generellen Lockdown kann ich mir gar nicht vorstellen. Die FDP, eine der Ampelkoalitionäre, läuft ja rum und verkauft es als Freiheit, dass man jetzt den Leuten möglichst viele Möglichkeiten gibt, sich gegenseitig anzustecken. Für mich ist das ein völlig falscher Freiheitsbegriff. Das ist die Freiheit zum Krankwerden und zum Sterben, aber nicht die Freiheit zum Leben, die wir doch eigentlich brauchen und wollen. Und ja, ich glaube, wir werden mal lokale Schulschließungen haben müssen, da, wo es besonders stark ausbricht, wo vielleicht auch neue Varianten und Mutationen auftreten. Einen generellen Lockdown kann ich mir eigentlich nicht mehr vorstellen. Wenn wir die 2G-Maßnahmen, 2G plus gibt es noch, Masken tragen, Hände waschen konsequent durchsetzen und uns weniger beeindrucken lassen von den Schreihälsen auf der ungeimpften Seite, dann haben wir eine gute Chance, einigermaßen durch den Winter zu kommen.

Mit Frank Ulrich Montgomery sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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