Panorama

Therapeutin über Vergewaltiger "Nach Vergewaltigung kommen Werte wieder durch"

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Die Polizei suchte in Berlin und Brandenburg nach dem mutmaßlichen Vergewaltiger, am Dienstagabend wurde ein 29-jähriger Mann festgenommen.

(Foto: dpa)

Traumatherapeutin Christina Hennen behandelt seit mehr als 30 Jahren Opfer von sexueller Gewalt und arbeitet für die Psychotrauma-Ambulanz Heinsberg. Im Interview mit ntv.de erklärt sie, wieso der mutmaßliche Serienvergewaltiger aus Berlin sich nach seinen Taten um seine Opfer "kümmerte", welche Ursachen zu den Vergewaltigungen geführt haben könnten und mit welchen Folgen die Frauen jetzt zu kämpfen haben.

ntv.de: In Brandenburg wurde ein 29-jähriger mutmaßlicher Serienvergewaltiger festgenommen. Gibt es ein typisches Täterbild bei sexuellen Gewalttaten?

Christina Hennen: Ganz allgemein handelt es sich meist um Täter, denen man nicht anmerkt, dass sie sexuell gewalttätig sind. Häufig sind es hilfsbereite Männer, die in engen Familienbindungen leben und ihren Angehörigen helfen. Oft sind sie aber eher schwach, haben ein geringes Selbstbewusstsein und sind sehr schüchtern. Sie wünschen sich, dominant gegenüber Frauen zu sein und ihre Stärke und Männlichkeit zu beweisen, was sie im Alltag aus welchen Gründen auch immer nicht können oder dürfen, und versuchen so, ihre sexuellen Triebe in Gewalttaten abzuführen.

Nach den Vergewaltigungen in Berlin und Brandenburg soll sich der mutmaßliche Täter den Opfern gegenüber wieder freundlich verhalten haben, soll sich um sie "gekümmert" haben, wie das Landeskriminalamt Berlin berichtet.

Nachdem eben beschriebene Männer Taten begangen haben, kommt oft das Wertekonstrukt wieder durch, das ihnen beigebracht wurde. Sie fühlen sich dann direkt im Anschluss entsprechend schuldig, haben Scham und wollen die Tat wiedergutmachen. Sowas kommt häufig vor.

Der 29-Jährige wollte sich nach den Vergewaltigungen mit den Frauen angeblich verabreden. Worauf ist so ein Verhalten zurückzuführen?

Da kann ich nur mutmaßen, dass es für ihn darum ging, sein schlechtes Gewissen abzubauen und die Tat wiedergutmachen zu wollen. Solche Männer leben wie gesagt meist in engen, rigiden Familienstrukturen und Herkunftsfamilien und tragen Werte wie Hilfsbereitschaft, Wertschätzung und Aufopferung in sich. Wenn die Triebabfuhr geschehen ist, kommen diese Aspekte wieder hoch. Dann wird beispielsweise, wie jetzt im Fall in Berlin, dem Opfer das Fahrrad geliehen. Man will es nicht mehr wahrhaben, weil man ja eigentlich anders erzogen wurde und auch die Gefahr besteht, dass man von der Familie nicht mehr anerkannt wird. Der Täter versucht so, die Vergewaltigung zu verdrängen.

Es heißt, einige der Opfer seien unter dem Eindruck der Taten auf diese Angebote eingegangen.

Das ist ganz typisch. Als Opfer hat man oft nur eine Chance, so eine Situation zu überwinden oder zu überleben: Indem man ein Stück weit eine Allianz mit dem Täter eingeht. Ich versuche, mich dem Täter anzupassen. Je mehr ich mich wehre, desto gefährlicher wird es für mich. Das ist ein automatischer Selbstschutz, denn sonst läuft man Gefahr, umgebracht zu werden. Da entwickelt sich manchmal auch eine Art von Mitleid.

Ist das auch einer der Gründe, warum viele Vergewaltigungsopfer nicht zur Polizei oder zu Hilfestellen gehen?

Dass sich wie jetzt in Berlin viele Vergewaltigungsopfer melden, ist tatsächlich eher selten. Scham spielt da eine große Rolle. Aber es liegt auch daran, dass, wenn eine Anzeige erstattet wird - das habe ich in Jahrzehnten meiner Arbeit immer wieder erlebt - es unheimlich schwer ist, solche Taten den Tätern vor Gericht nachzuweisen. Jetzt in Berlin hat man wohl eindeutige Spuren. Aber oft ist das nicht der Fall, und dann haben die Opfer selten eine Chance auf eine Bestrafung des Täters. Falls eine Anzeige gemacht wird, dauert es in der Regel zwei bis drei Jahre, bis es zu einer Prozesseröffnung kommt. Das schreckt viele Opfer ab. Nach so langer Zeit können sie oft auch nicht jedes Detail genau und emotionsgetreu wiedergeben und gelten dann als nicht glaubwürdig. Es gibt in Deutschland einfach viel zu wenige Richter, um diese Fälle zügig zu bearbeiten.

Sind die Taten in Berlin und Brandenburg eher die Ausnahme, weil laut BKA-Statistiken Vergewaltigungsopfer oftmals in familiärer oder partnerschaftlicher Beziehung zu dem Täter stehen?

Taten wie die in Berlin passieren eher selten. Die meisten sexuellen Straftaten passieren im engeren Kreis und werden nicht durch für das Opfer fremde Personen ausgeübt, sondern durch Partner, Familie, Freunde oder Nachbarn.

Der mutmaßliche Vergewaltiger soll seine Opfer vor der Tat noch nett angesprochen haben, bevor er sie ins Gebüsch gezerrt haben soll.

In diesem Fall waren das geplante Taten, die entstanden nicht aus dem Zufall heraus. Die erste oder zweite Tat kann noch spontan gewesen sein, aber danach war es sehr gesteuert. Fantasien, auch möglicherweise Gewaltfantasien, haben fast alle Menschen. Die meisten setzen die negativen Fantasien aber nicht in die Tat um. Wenn dies aber der Fall ist, dann gibt es meist eben einen traumatischen Hintergrund oder ein bestimmtes Gefühl von Ohnmacht, Schwäche, die Triebsteuerung ist gering vorhanden oder die Impulssteuerung ist außer Kraft gesetzt.

Welche Ursachen spielen hier eine Rolle?

Sehr häufig haben die Männer als Kinder sexuelle Traumata, Gewalt und Ohnmacht erlebt. Die daraus resultierenden Ohnmachtsgefühle sind oft die Triebfeder und müssen irgendwie abgearbeitet werden. Ein Bedürfnis nach Rache und Dominanz, um die Ohnmacht irgendwie wegzubekommen und Herr der Dinge sein zu können, konnte nicht in der Kindheit ausgelebt werden.

Wieso kommt es wie im Berliner Fall zu Serienvergewaltigungen?

Rat und Hilfe bei häuslicher Gewalt

  • Bei akuter Bedrohung: Notruf 110
  • Beratung in Krisensituationen: Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (08000 116 016, Anruf kostenfrei)
  • Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Das Hilfetelefon bietet auch eine Online-Beratung per E-Mail oder Chat an.
  • Frauenhäuser bieten Schutz vor Bedrohung und die Mitarbeiterinnen können bei weiteren Schritten beraten.

Die Täter können oft die Triebabfuhr und das Bedürfnis nach Rache, Macht und Dominanz nicht mehr steuern und hören nicht nach einer Vergewaltigung auf. Das Bedürfnis, weitere Taten auszuüben und die Macht über einen Menschen zu haben, nimmt von Tat zu Tat immer mehr zu. Final könnte es dann dazu kommen, dass das Opfer getötet wird.

Welche Schritte sind für Opfer im Anschluss an sexuelle Gewalt besonders wichtig?

Für die Opfer sind Vergewaltigungen absolut dramatisch und für das ganze Leben prägend. Auf jeden Fall müssen sie nun sofort traumatherapeutisch angebunden werden, mit psychologischen Gesprächen und traumatherapeutischen, ressourcenorientierten Methoden. Es sollte nicht ein halbes Jahr gewartet werden, dann kommen sie umso schneller und vollständiger da heraus. Die Erfahrungen im familiären Umfeld zu erzählen, kann anfangs hilfreich sein, aber wenn ich das nochmal und nochmal erzähle, kann es auch zu einer Retraumatisierung kommen. Das Opfer muss prüfen: Was tut mir gut und was nicht.

Mit welchen psychologischen Folgen kämpfen Frauen nach Vergewaltigungen?

Zwar können die Opfer die Taten verarbeiten, die Emotionen in den Griff bekommen und die Symptomatik reduzieren. Aber es bleibt immer ein Rest: eine Triggersituation, eine hohe Sensibilität, die innere Anspannung, dass so etwas noch einmal passieren könnte. Da gibt es dann spezielle Auslöser, die einen sofort an die Tat erinnern. Ganz weg geht sowas nie.

Mit Christina Hennen sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de