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Lücken im Kontrollsystem Nach Wurstskandal wird Ruf nach Reform laut

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Bei einem Verdacht auf Lebensmittelvergiftung sind in Deutschland 400 Behörden involviert. Das verzögert die Prüfverfahren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das hessische Unternehmen Wilke soll vergiftete Wurstwaren vertrieben haben. Für die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch liegt das Problem nicht nur an dem einen Betrieb. Lebensmittelkontrollen würden zu viele Schwachstellen und Gesetzeslücken aufweisen.

Der Ruf nach mehr Lebensmittelkontrollen greift nach Meinung der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch nach dem jüngsten Wurstskandal zu kurz. Es müsse darum gehen, bekannte Schwachstellen und Gesetzeslücken zu beseitigen, sagte Geschäftsführer Martin Rücker in Berlin. Dazu zähle zum Beispiel die Möglichkeit, Lieferwege von Waren lückenlos zu verfolgen. "Das ist im EU-Recht vorgeschrieben, wird in Deutschland aber nicht umgesetzt", urteilte Rücker. Darüber hinaus sei bei relevanten Gesundheitsgefahren durch Lebensmittel eine sofortige Informationspflicht von Behörden und Verkaufsstellen gegenüber Verbrauchern nötig.

Als Verursacher des jüngsten Lebensmittelskandals gilt das hessische Unternehmen Wilke, das mit Listerien belastete Wurst vertrieben haben soll. Damit wird der Tod von drei Menschen in Verbindung gebracht. Listerien sind Bakterien, die vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem und für Schwangere als Gesundheitsgefahr gelten. Im Fall Wilke hat Foodwatch bereits eine Offenlegung der Händlerliste gefordert. "Nur so können die Verbraucher erfahren, welche Wursttheken, Krankenhäuser, Kantinen und Restaurants die zurückgerufenen Wilke-Produkte abgegeben haben - und damit auch prüfen, ob sie solche Lebensmittel bereits verzehrt haben", sagte Rücker der Funke-Mediengruppe.

Behörden müssten künftig verpflichtet werden, Verbraucher sofort mit Produkt- und Markennamen sowie Verkaufsstellen vor gesundheitsrelevanten Lebensmitteln zu warnen, ergänzte Rücker. Dies geschehe bisher nicht immer - oft aus Angst vor Schadenersatzklagen. Auch der Handel wie zum Beispiel Supermärkte müssten zu solchen Warnungen verpflichtet werden. "Bisher haben sie häufig Sorge, dass Skandale auf sie zurückfallen, obwohl sie nichts dafür können", sagte er.

Ein weiteres Problem sei, dass Lebensmittelkontrollen kommunal seien, Lieferwege aber global. "Bei einem Verdacht sind in Deutschland heute rund 400 Behörden beteiligt", sagte Rücker. "Würden Kontrollen auf Bundesländerebene angesiedelt, wären es nur 16." Ferner gäbe es weniger potenzielle Nähe zu Unternehmen als auf kommunaler Ebene. Um die Arbeit der Lebensmittelkontrolleure transparenter zu machen, fordert Foodwatch seit langem eine Veröffentlichung der Ergebnisse und ein Klagerecht beim Verdacht auf Behördenversagen. Der hessische Wursthersteller Wilke bleibt nach den Keimfunden im Fleisch weiter geschlossen. Das Unternehmen hat mittlerweile vorläufige Insolvenz angemeldet.

Quelle: ntv.de, mba/dpa