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"Bitte bleib. Du bist wichtig."Warum es in der Suizidprävention mehr Mozart braucht

28.02.2026, 21:51 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Aktiv formulierte Hilfestellung kann Suizide vermeiden. (Foto: imago stock&people)

Über Jahrzehnte hinweg ist die Suizidrate in Deutschland gesunken, zuletzt stieg sie leicht an. Kriege und Social Media erfordern mehr Prävention, sagt die Psychiaterin Ute Lewitzka. Helfen soll auch ein neues Mutmach-Portal.

Kulturhistorisch hat Suizid schon einige Deutungen erfahren. In der Antike galt er als ehrenhaft, im christlichen Mittelalter als moralisch verwerfliche Sünde, literarische Stoffe wie "Romeo und Julia" verliehen ihm eine tragisch-romantische Note. Seine Eigenschaft als Tabuthema hat Suizid dagegen bis heute nicht ablegen können. Der Grat ist schmal: Wie spricht man angemessen über den Gedanken, aus dem Leben zu scheiden?

Medien verzichten in der Regel auf Meldungen über Selbsttötungen, um Nachahmungseffekte zu vermeiden. In Anlehnung an Goethes 1774 veröffentlichten Roman "Die Leiden des jungen Werther" spricht man vom "Werther-Effekt". Die Titelfigur nimmt sich wegen unerwiderter Liebe das Leben, was in der Leserschaft bereits im 18. Jahrhundert zu Nachahmungssuiziden führte.

Um bei diesem hochsensiblen Thema nichts falsch zu machen, erscheint es naheliegend, darüber lieber zu schweigen. Damit bleibt es ein Tabu. Hier kommt Mozart ins Spiel. In dessen "Zauberflöte" von 1791 ergeht es der Figur Papageno so wie dem Werther, doch drei Knaben halten ihn von seinem Plan ab: Sie erinnern ihn an die schönen Seiten des Lebens. Aktiv formulierte Hilfestellung, etwa im Freundes- und Familienkreis, kann Suizide vermeiden - der "Papageno-Effekt". Müssen wir für gelungene Prävention also mehr Mozart wagen?

Ohne Sprache keine Hilfe

"Ich würde sogar noch weiter gehen: Wir müssen mehr Mozart fordern!" sagt Ute Lewitzka, Professorin für Suizidologie und Suizidprävention an der Goethe-Universität Frankfurt ntv.de. "Wer das Thema nicht anspricht, kann auch keine Hilfe anbieten." Deshalb sei es wichtig, Berührungsängste abzulegen und Angebote zu unterbreiten. Dazu beitragen soll die neue Plattform Mutpost.de. Dort kann jeder und jede aufmunternde Nachrichten hinterlassen, die im Idealfall dazu beitragen, einen Menschen aus einer dunklen Phase zu führen. Vorbild ist das britische Portal "Reasons to stay", das selbst erst im Januar startete.

Hinter Mutpost steht das Werner-Felber-Institut für Suizidprävention, dessen Vorstand Lewitzka vorsitzt. "Natürlich werden wir damit nicht jeden erreichen, aber es kann in dieser Zeit nicht schaden, Zuspruch zu erhalten und auf positive Gedanken zu kommen", sagt sie. Es handele sich um ein niedrigschwelliges Angebot, das mit überschaubarem Aufwand einen Beitrag zur Prävention leisten könne.

Ein Team prüft die Nachrichten vor ihrer Veröffentlichung, 800 Kurzbriefe sind bereits in der ersten Woche eingegangen. Neben kurzen Zeilen der Aufmunterung teilen manche dort unverblümt eigene Erfahrungen und schaffen Identifikation. "Ich hatte schon häufiger den Drang, mir das Leben zu nehmen", heißt es auf einer der Kacheln, "doch ich bin so froh, niemals diesen Weg gegangen zu sein. Was ich alles verpasst hätte!" Oder auch: "Bitte bleib. Du bist wichtig. Und auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst - Du würdest fehlen."

Häufigste Todesursache zwischen 10 und 25 Jahren

Dass solche Angebote notwendig sind, bestätigt der jüngere Trend. Von 1980 bis 2020 hat sich die Zahl der Suizide in Deutschland dank des gewachsenen Bewusstseins für mentale Gesundheit und des Ausbaus von Hilfs- und Therapieangeboten halbiert. Bis 2023 stieg die Zahl der Fälle allerdings wieder an, um rund 12 Prozent. Durch Suizid sterben dreimal mehr Menschen als in Folge von Verkehrsunfällen. Bei den 10- bis 25-Jährigen ist es die häufigste Todesursache.

"Ich fürchte, dass die Zahlen sogar steigen werden", sagt Lewitzka. Die Faktoren, die Einfluss auf die Selbstmordgefährdung nehmen, seien in der Forschung seit Langem bekannt und momentan allgegenwärtig: "Das sind Krisen, Kriege und Katastrophen. Von alldem gibt es genug, und es hört gefühlt gar nicht mehr auf."

Neben dem aktuellen Weltgeschehen hallt auch ein gesellschaftlicher Einschnitt nach, mit dem wir eigentlich gerne abschließen würden: Die Wissenschaft ist sich einig darin, dass die Spätfolgen der Pandemie noch nicht absehbar sind. Die in mehreren Phasen durchgeführte COPSY-Studie des UKE Hamburg ergab, dass sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen während der Pandemie in etwa verdoppelte. Zwar verbesserten sich die Indikatoren bei Ängsten, Depressionen oder Essstörungen später wieder, sie blieben aber über dem Niveau der Vor-Pandemie-Daten. "Wir hatten schon vor Corona eine Unterversorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und bei psychotherapeutischen Angeboten", sagt Lewitzka. "Jeder Monat, den Menschen auf eine spezifische Behandlung warten müssen, ist für den gesamten Krankheitsverlauf eher ungünstig."

Soziale Medien können auch helfen

Dazu kommen zeitgenössische Phänomene, die vor 30 Jahren noch undenkbar waren: Laut einer aktuellen DAK-Studie nutzen mehr als ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen soziale Medien in riskantem oder sogar krankhaftem Ausmaß. Die Debatte über ein Verbot der Plattformen unter 14 oder sogar 16 Jahren läuft auf Hochtouren. "Social Media ist nicht grundsätzlich schlecht, es kann tatsächlich Gutes bewirken", sagt Lewitzka.

Menschen könnten dort auf der Suche nach Hilfe unterstützt werden, durch Aufklärung verliere das Thema Depression sein Stigma, weshalb besonders Angebote für die jüngere Zielgruppe hier richtig platziert seien. Problematisch seien aber die laxen Schutzmechanismen der Plattformen und die mangelhafte Durchsetzung europäischen Rechts. "Sie finden auf Tiktok Videos, die kreuzgefährlich sind."

Neben der Prävention im Jugendbereich bleibt die Ansprache an ältere Generationen eine Herausforderung, für die es noch passende Werkzeuge braucht. Die Suizidraten steigen mit dem Alter, die meisten Fälle treten ab 50 Jahren auf, besonders bei Männern. Gleichzeitig ist in dieser Gruppe die Zurückhaltung stark ausgeprägt, wenn es darum geht, Hilfsbedarf einzugestehen, Angebote zu suchen und Hilfe anzunehmen.

Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie Suizidgedanken haben oder jemand in Ihrem Umfeld, suchen Sie bitte Hilfe - bei der Telefonseelsorge unter 0800 / 111 0 111, dem Notruf 112, dem medizinischen Notdienst 116 117 oder auf suizidprophylaxe.de

"16-Jährige müssen anders angesprochen werden als Hochbetagte, die schon vereinsamt zu Hause sitzen, oder jemand, der mitten im Berufsleben steht und eine große Lebenskrise hat", sagt Lewitzka. Während Jugendliche über die sozialen Medien gut erreicht würden, brauche es für die höheren Altersgruppen neue und lebensnahe Ansätze. "Wo erreiche ich die Menschen also, welche Gatekeeper können wir einbinden?" Viele ältere Männer müssten irgendwann zum Urologen, Frauen gingen zur gynäkologischen Vorsorge. "Die Fachärzte sollen nicht als Therapeuten auftreten, aber sie könnten nachfragen und auf Angebote aufmerksam machen." Von der Bäckerei über den Chor bis hin zur Häkelgruppe sei keine Idee zu abwegig, um Prävention zu etablieren. "Wir brauchen dringend zielgruppenspezifische Programme, vor allen Dingen für die Alten. Für die nimmt nämlich niemand Geld in die Hand."

Quelle: ntv.de

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