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Partisanen statt Kolonialisten Namibia hadert mit deutschen Straßennamen

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"Bismarck verdient keine Straße", findet die Jugendorganisation, die einen Antrag zur Umbenennung eingereicht hat.

(Foto: picture alliance / Florian Pütz/)

Um 1900 herum herrscht das Kaiserreich skrupellos über Deutsch-Südwestafrika - Zehntausende Menschen werden getötet. Straßennamen der Unterdrücker wecken in Namibia bis heute Erinnerungen an den Völkermord. Doch damit soll nun Schluss sein.

Von der Mozartstraße rollt das Taxi auf die Bismarckstraße, vorbei an der Post- und Vogelsangstraße: Was ein Viertel in Berlin sein könnte, ist ein Ort gut 8000 Kilometer südlich von Deutschland. Mitten in Windhuk, der Hauptstadt Namibias, erregen solche Straßennamen seit Jahrzehnten die Aufmerksamkeit deutscher Urlauber. Lachend zeigen sie auf die Schilder: Eine Bahnhofstraße in Afrika? Das gibt es doch gar nicht, denken viele. Doch für viele einheimische Politiker sind die Namen inzwischen vor allem eine Erinnerung an die dunkle Vergangenheit der deutschen Kolonialherrschaft von 1884 bis 1915. Sie fordern neue Straßennamen.

Ziel der Umbenennungen ist es, von den Helden des afrikanischen Befreiungskampfes zu erzählen, nicht von den brutalen Kolonialisten, wie der Sprecher der Stadt Windhuk, Scheifert Shigwedha, erklärt. Aus der Feldstraße etwa soll laut einem Beschluss der Stadt vom April die Sir-Seretse-Khama Straße werden, benannt nach dem ersten Präsidenten Botsuanas. Komponist Johann Sebastian Bach soll Platz machen für ein früheres Stammesoberhaupt der Herero, Chief Kuaima Riruako. Den Ausspannplatz taufte die Stadt schon Anfang Mai in Agostinho-Neto-Platz um. Namensgeber ist der erste Präsident Angolas.

"Vater des Kolonialismus"

Und jetzt geht es noch dem früheren deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck an den Kragen. Die Jugendorganisation der Regierungspartei Swapo hatte einen Antrag zur Umbenennung eingereicht. Die nationale Identität solle gestärkt werden, heißt es darin. "Bismarck verdient keine Straße." Die Stadt stimmte dem Antrag zu. Bismarck müsse als "Vater des Kolonialismus" angesehen werden und sei damit verantwortlich für Zerstörung und Leid in Namibia, hieß es.

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Andreas Vaatz sieht keinen Grund für die Umbenennung der Straßennamen. Er ist gegen den damit verbundenen Aufwand.

(Foto: picture alliance / Florian Pütz/)

Doch Rechtsanwalt Andreas Vaatz, dessen Kanzlei in der Bismarckstraße liegt, wehrt sich gegen die Umbenennung. "Wenn es ein politisch sehr stark belasteter Name ist - sagen wir mal Adolf-Hitler-Straße - dann kann man das verstehen, dass die Leute sagen, sie wollen nicht andauernd diesen Namen aussprechen müssen", sagt der Deutsch-Namibier. Bismarck halte er aber nicht für stark belastet.

Vor allem aber ärgert Vaatz der Aufwand, der mit einer Umbenennung der Straße verbunden wäre. Dann müsste er allen Geschäftspartnern, Klienten und Bekannten die neue Adresse seiner Kanzlei mitteilen sowie seinen Briefkopf ändern, erklärt er. "Wenn immer Namen geändert werden, schafft das Unsicherheit", sagt Vaatz. "Das ist sehr umständlich für die Menschen, die mit diesen Namen arbeiten müssen."

Auch in Berlin Namensänderungen

Die Umbenennungen in Namibia erinnern auch an die jahrelange Debatte um Straßennamen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding. Mitte April hatte das Bezirksparlament beschlossen, drei Straßen, die an deutsche Kolonialherren erinnern, durch afrikanische Unabhängigkeits- und Freiheitshelden zu ersetzen. In den nächsten Monaten sollen die Straßenschilder ausgetauscht werden, wie Stadträtin Sabine Weißler sagt. Die Lüderitzstraße soll etwa in Cornelius-Frederiks-Straße umbenannt werden. Der 1907 gestorbene Anführer des Widerstands des Nama-Volks gilt in Namibia als Volksheld. Bis heute erinnern in Berlins Afrikanischem Viertel fast zwei Dutzend Straßen und Plätze an die Zeit, als die Deutschen im 19. Jahrhundert neben anderen europäischen Mächten "einen Platz an der Sonne" ergattern wollten.

Das Kaiserreich ging im damaligen Deutsch-Südwestafrika skrupellos vor, um seine Herrschaft zu festigen. Der Widerstand der Herero und Nama wurde von 1904 bis 1908 brutal niedergeschlagen, Zehntausende wurden bewusst in einen Tod durch Verdursten getrieben. Historiker sehen darin den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Trotz allem sind die Spuren des deutschen Einflusses in dem afrikanischen Land mit rund 2,5 Millionen Einwohnern weiter sehr präsent. In Namibia wird etwa bis heute Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, in Geschäften vor Ort sind Landjäger-Würstchen erhältlich. Zudem gibt es mit der "Allgemeinen Zeitung" die einzige deutschsprachige Tageszeitung außerhalb Europas. Schätzungen zufolge ist Deutsch nur noch für rund 14.000 Namibier die Muttersprache, es handelt sich allerdings um eine einflussreiche Minderheit.

Deutsch-Namibier dürften sich trotz der Umbenennungen nicht zu sehr beklagen, sagt auch Vaatz. "Wir haben immerhin eine deutsche Zeitung, wir haben deutsche Schulen hier, wir haben ein deutsches Radio." Zudem gibt es vor der Zentrale der Regierungspartei Swapo in Windhuk eine Straße mit deutschem Namen, die vor einem Namenswechsel sicher zu sein scheint, denn sie wurde erst Anfang der 1990er-Jahre umbenannt - um einem deutschen Außenminister für seine Unterstützung bei Namibias Streben nach Unabhängigkeit von Südafrika zu danken: Es ist die Hans-Dietrich-Genscher-Straße.

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Quelle: n-tv.de, Florian Pütz und Esteban Engel, dpa

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