Panorama

Spezialisten im Brunnenschacht Noch eineinhalb Meter bis zu Julen

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Am Unglücksort steht inzwischen ein Hubschrauber bereit.

(Foto: REUTERS)

Ein Bergarbeiter-Team ist nur noch eineinhalb Meter von der Stelle entfernt, an der sich der zweijährige Julen befinden soll. Seit Donnerstag arbeiten die acht Bergleute an einer Verbindung zum Unglücksschacht. Dreimal setzen die Experten Sprengstoff ein.

Ein Hubschrauber der Guardia Civil schwebt über dem 352 Meter hohen Hügel Cerro de la Corona nahe der südspanischen Ortschaft Totalán. An Bord hat der Helikopter explosive Ladung. Er schafft neuen Sprengstoff aus dem 160 Kilometer entfernten Sevilla heran als letztes Mittel, um endlich den zweijährigen Julen zu erreichen. Der Junge steckt seit zwölf Tagen in 70 Meter Tiefe in einem Bohrloch fest. Nur noch die allergrößten Optimisten hoffen, dass das asthmakranke Kind vielleicht noch lebt.

Jorge Martín ist Chef der örtlichen Guardia Civil, der paramilitärischen Polizeieinheit des Landes, die den Einsatz zwar nicht logistisch, aber disziplinarisch leitet. Denn sollte Julen tot geborgen werden, müssen die Ermittler zunächst einmal ein Verbrechen ausschließen. Eine Obduktion müsste die Todesursache klären. Offiziell aber verbreiten die Verantwortlichen einen letzten Funken Hoffnung, dass glückliche Umstände das Leben des Kind retten könnten.

Doch dieser Berg erweist sich seit fast zwei Wochen als zäher Widersacher aller Rettungspläne. Er zeigt den Helfern auch auf der letzten Etappe kein Entgegenkommen. "Wir bestimmen nicht den Arbeitsrhythmus, der Berg bestimmt ihn", sagt Martín. Er spricht am Mittag von den neuen Komplikationen bei den Grabungen. Der Querstreb, den acht Bergleute aus Asturien vom Rettungsschacht hinüber zu der Stelle buddeln wollen, an der Julen vermutet wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch immer erst anderthalb Meter tief. Das Gestein stemmt sich gnadenlos gegen einen schnelleren Vormarsch.

30 bis 40 Minuten Arbeitszeit

Die Männer gehen dort unten an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Immer zu zweit sind sie im Schacht. 14 Kilogramm schwer ist ihre Ausrüstung samt Sauerstoffmaske. Ihre Bewegungsfreiheit in der stählernen Auskleidung ist massiv eingeschränkt. Nach 30 bis 40 Minuten werden sie abgelöst. Aus Kreisen der Familie des Jungen heißt es, die Spezialisten hätten angeboten, dass sie auch ohne Auskleidung in die Tiefe gegangen wären. Seit mehr als einer Woche waren sie schon vor Ort, als sie am Donnerstagnachmittag endlich absteigen konnten. Die Einsatzleitung hatte es abgelehnt, dass die Männer in ein ungesichertes Bohrloch steigen. "Menschlich und technisch" würde alles unternommen werden, um das Kind schnellstmöglich zu erreichen, aber man werde kein Risiko für die Bergarbeiter eingehen, hieß es.

Am Freitag zündeten Experten der Guardia Civil im Schacht bereits die dritte Ladung Sprengstoff. Zu gewaltig dürfen die Explosionen nicht sein, solange sich ein Kindskörper in greifbarer Nähe befindet. Das Prozedere kostet zermürbend viel Zeit. Die Sprengstoffspezialisten müssen erst hinunter in den Schacht und die kontrollierte Explosion vorbereiten. Nach der Zündung müssen sich Staub und Dämpfe legen, ehe weiter gearbeitet werden kann. Mehr als zwei Stunden vergehen dabei. Die Einsatzleitung hatte vor dem Abstieg der Bergleute 24 Stunden einkalkuliert für den manuellen Durchbruch. Beobachter hatten diese Einschätzung als sehr konservativ bezeichnet. Doch jetzt stellt sich heraus, dass sie möglicherweise zu optimistisch war. Martín besteht jedoch darauf, dass die Motivation aller Beteiligten so hoch sei "wie am ersten Tag".

Keine Hoffnung, nur noch Angst

Den Eltern des Jungen ist indes nicht mehr viel geblieben von ihrem Kampfeswillen, den sie noch wenige Tage nach dem Unglück vermittelt hatten. Bei einer Nachtwache mit Freunden und Nachbarn sangen und beteten sie, um noch einmal Kraft zu tanken, bevor sie mit der möglichen Hiobsbotschaft konfrontiert werden könnten. Ihre leeren Augen verlieren sich während des Gesangs hinter einem Schleier der Angst. Von Beginn an werden sie von Psychologinnen betreut, die helfen sollen, die Emotionen der Eltern im Zaum zu halten.

Juan López Escobar ist Bergbauchfachmann vom Ingenieurskolleg in Málaga. Er ist in diesen letzten Stunden der Bergungsarbeiten ein gefragter Gesprächspartner. Gibt es keine andere Möglichkeit als zu sprengen? Zumal so viele Stunden vergehen, bis weiter gearbeitet werden kann. "Das Bohren würde noch länger dauern", sagt Escobar. Immerhin gibt es gute Nachrichten. Die dritte Sprengung hat offenbar einen Meter mehr Raum geschaffen.

Nur noch 150 Zentimeter sollen es sein, die zum Schacht fehlen. Auf weitere Detonationen müsse man deshalb verzichten. Jetzt sind wieder die Bergleute gefragt, die sich mit Spitzhacken und kleinen Presslufthämmern den Weg bahnen müssen. Escobar appelliert noch einmal an die Journalisten vor Ort. "Bitte denken Sie daran. Diese Bergleute sind absolute Spezialisten in dem, was sie da unten tun. Aber sie sind keine Helden."

Quelle: ntv.de