Panorama

Virologin Protzer im Interview "Omikron-Ausbreitung lässt sich nur verlangsamen"

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"In dem Moment, in dem die Krankenhausbelastung nachlässt, kann man Maßnahmen lockern."

(Foto: picture alliance / Andreas Gora)

Die Booster-Kampagne läuft - doch braucht es schon bald die nächste Impfung? Virologin Protzer ist von engen Abständen nicht überzeugt. Denkbar sei eine Impfung mit einem angepassten Vakzin, sagt sie. Zugleich blickt sie optimistisch auf das Frühjahr. Doch bis dahin könnten noch einige Probleme auf uns zukommen.

ntv: Am Wochenende gab es mehr als eine halbe Million Impfungen in Deutschland. Das Impftempo nimmt also wieder leicht ab. In Israel gibt es inzwischen die vierte Impfung. Die Daten dazu zeigen, dass Menschen, die zum vierten Mal geimpft waren, sich wieder mit Omikron infiziert haben. Wie wichtig wird also diese vierte Impfung in der Impfkampagne?

Ulrike Protzer: Ich glaube nicht, dass die zunächst im Vordergrund steht. Israel hat ein Problem, das unserem Problem in Deutschland ein wenig ähnelt: 30 Prozent sind nicht geimpft. Das betrifft in Israel vor allem die strenggläubigen Juden. Bei den bisherigen Varianten hat der sehr gute Impfschutz der 70 Prozent der Bevölkerung ausgereicht. Aber das ist bei der Omikron-Variante offensichtlich nicht genug.

Müssen wir uns künftig alle drei bis vier Monate impfen lassen, wenn der Impfschutz wieder nachlässt?

Unsere Studien zeigen, dass das Immunsystem eher etwas Zeit braucht, um gute Antikörper zu haben. Das dauert vier bis sechs Monate. Das heißt, ich bin nicht überzeugt, dass eine Impfung alle drei Monate irgendeinen Vorteil bringt.

Derzeit entwickeln die Impfstoff-Hersteller auf Omikron angepasste Impfstoffe. Wie wichtig werden die, etwa mit Blick auf den Herbst?

Man könnte dann noch einmal eine Booster-Impfung machen, mit einem an Omikron angepassten Impfstoff, sodass das Immunsystem in diese Richtung gelenkt wird und dann auch mit der Variante umgehen kann. Ob es die Variante ist, die im Herbst noch zirkuliert, wissen wir natürlich alle nicht. Aber je breiter man das Immunsystem stimulieren kann, umso breiter kann die Reaktion ausfallen, auch gegen neue Varianten. Viele Menschen werden im Laufe dieser heftigen Welle ohnehin Kontakt mit der Omikron-Variante haben - und hoffentlich nicht schwer krank werden, weil sie geimpft sind - und das Immunsystem schon allein dadurch noch mal richtig boostern.

Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technische Universität München (TUM) und am Helmholtz Zentrum München. Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild

Nach drei Monaten sei der Impfschutz eigentlich noch ziemlich gut erhalten, sagt Virologin Protzer.

(Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild)

Momentan infizieren sich viele Menschen. Doch der Genesenen-Status verfällt nach drei Monaten. Ist der Schutz dann tatsächlich schon weg?

Ich glaube nicht, dass der Schutz nach drei Monaten schon weg ist. Wir haben systematische Studien gemacht, die zeigen, dass der Schutz nach sechs Monaten nachlässt. Aber nach drei Monaten ist er eigentlich noch ziemlich gut erhalten. Ich denke, eine Booster-Impfung nach sechs Monaten, so wie man es bisher hatte, ist dafür durchaus ausreichend.

Ihr Kollege Klaus Stöhr hat gesagt, Omikron werde jetzt einfach durchlaufen, und uns stehe ein entspannter Frühling bevor. Würden Sie ihm da zustimmen?

Das ist die große Hoffnung, die wir alle haben: Dass Omikron jetzt durchläuft, dass es die Immunantwort noch mal so richtig schön boostert, dass dann die Welle abflaut und Frühling und Sommer entspannt werden. Ich hoffe, dass sich da die Vorhersagen von Herrn Stöhr bewahrheiten. Dafür gibt es eine ganz gute Chance.

Was würden Sie denn sagen, an welchem Punkt in der fünften Welle wir uns jetzt gerade befinden, wenn man sich so eine Kurve vorstellt, wie man sie auch aus den letzten Wellen kennt?

Wir sind leider noch immer im steilen Anstieg der Welle, und das dürfen wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn dass sich sehr, sehr viele Menschen anstecken - auch wenn es eine Variante ist, die nicht mehr so schwer krank macht -, bedeutet noch immer, dass viele Menschen ins Krankenhaus müssen. Wir erwarten und wir sehen auch schon eine Zunahme der Krankenhausaufnahmen. Dieses Problem müssen wir auf jeden Fall erst noch bewältigen, bevor wir uns dann hoffentlich auf einen entspannteren Frühsommer freuen können.

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Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass sich ungefähr jeder zweite Europäer in den nächsten vier bis acht Wochen infizieren könnte. Wenn das wirklich so eintritt, würden Sie sagen, damit läuten wir auch das Ende der Pandemie ein?

Je mehr Menschen Kontakt mit dem Virus haben, sich infizieren und ihr Immunsystem noch mal boostern, umso mehr Menschen haben gegen die neue Variante einen Immunschutz aufgebaut und ihren Immunschutz verbreitert. Insofern ist es schon der Weg in eine sogenannte endemische Phase, in der das Virus hoffentlich wie andere Coronaviren immer erst im Herbst wiederkommt und uns dann in der Herbst-Winter-Saison begleitet. Das große Problem ist die doch relativ hohe Anzahl von Menschen in Deutschland, die noch keinen Kontakt mit dem Virus hatten, die sich also bisher weder infiziert hatten noch geimpft sind. Wir sehen das in den USA: Dort füllen sich die Krankenhäuser wieder und dort liegen wieder viele Menschen auf den Intensivstationen. Das ist es, was wir vermeiden müssen.

Wie genau müsste dieser Ausstieg aus der Pandemie denn aussehen, auch mit Blick auf die politischen Maßnahmen?

In dem Moment, in dem die Krankenhausbelastung nachlässt, kann man Maßnahmen lockern. Denn was uns klar sein muss, ist: Mit dieser neuen Omikron-Variante werden wir die Infektion nicht mehr komplett verhindern können. Wir können nur die Ausbreitung verlangsamen.

Mit Ulrike Protzer sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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