Panorama

Packt mit an, liebe Besucher!Was Südtirols neuen Weintourismus so einzigartig macht

28.02.2026, 16:21 Uhr
imageVon Heike Boese, Bozen
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Weinkeller
Die Südtiroler Winzer öffnen ihre Weinkeller für Besucher. (Foto: Heike Boese)

Die Sonne, das Bergpanorama, der Aperol-Spritz: Schon jetzt vereint Südtirol so gut wie alles, was das Touristenherz begehrt. Seit Kurzem kommt jedoch eine weitere, besonders authentische Erfahrung hinzu: Die kleinen Weingüter öffnen ihre bisher verschlossenen Pforten - und laden sogar zur Mitarbeit ein.

In den Tälern der Südtiroler Alpen ist der Frühling eingezogen. Die Cafébetreiber am Waltherplatz in Bozen haben Tische und Stühle herausgestellt. Wintermüde Gäste genießen in der Sonne Cappuccino oder Aperol-Spritz. Daunenmäntel liegen lässig über Stuhllehnen, Schals und Mützen dienen höchstens noch als modisches Accessoire. Viel wichtiger ist eine möglichst große Sonnenbrille. Zwei junge Frauen freuen sich, als ihnen endlich das perfekte Instagram-Foto gelingt: Die schneebedeckten Gipfel spiegeln sich im leuchtend-orangenen Aperol. Würde man heute noch Postkarten verschicken, dieses Motiv wäre der Hit am Kiosk.

Von "Overtourism" ist hier nichts zu spüren. Dieses Phänomen, bei dem sich viel zu viele Touristen durch historische Altstädte und enge Gassen schieben, Traumstrände bevölkern und leider auch verschmutzen, und an besonders schönen Plätzen manchmal stundenlang warten, bis sie endlich "ganz allein" für Erinnerungsfotos posieren können. Natürlich kommen auch nach Südtirol Touristen. Im vergangenen Jahr waren es rund neun Millionen. Das klingt viel, aber zum Vergleich: Die Region Venetien hat im selben Zeitraum 22 Millionen Besucher verzeichnet, die allermeisten davon im hoffnungslos überfüllten Venedig.

Tiefenbrunner
Die Weingüter und Kellereien liegen in traumhaften Landschaften, hier Kurtatsch im Südtiroler Unterland. (Foto: Heike Boese)

Südtirol verfügt über ausreichend Kapazitäten, um sein touristisches Angebot auszuweiten. Wandern, Bergsteigen, Skifahren, Radfahren, Wellness und die Aussicht auf das prächtige Bergpanorama schon im Preis inbegriffen. All das gibt es bereits. Jetzt gehen die Südtiroler einen neuen Weg und setzen dabei auf ein echtes Pfund: ihren Wein. Pinot Grigio, Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc und natürlich Gewürztraminer, Lagrein, Vernatsch und Merlot. Bei 20 verschiedenen Rebsorten bleiben kaum Weinwünsche offen. Aber gute Tropfen, regionale Spezialitäten und eine traumhafte Landschaft gelten hier als Standard.

Das Gegenteil von Pauschaltourismus

Was ist also das Neue am Weintourismus in Südtirol? Es sind die Winzer, die zunehmend ihre Betriebe für Gäste öffnen und Führungen durch die Weinberge anbieten, Besichtigungen der Kellereien, das Gespräch mit den Besuchern. Zwar ist das sehr zeitaufwendig und personalintensiv, vor allem für kleinere Betriebe, aber sie wollen es trotzdem versuchen.

Einer von ihnen ist Heiner Pohl vom Weingut "Marinushof" im Vinschgau. Der unabhängige Winzer macht "quasi alles allein". Regelmäßige Führungen kann er nicht anbieten, zu viel Arbeit würde liegenbleiben. "Aber auf Anfrage immer gern." Dann zeigt er seinen Betrieb, in dem nicht nur Wein gekeltert wird, sondern auch Obst angebaut, aus dem edle Brände entstehen. Pohl freut sich über das Interesse, aber ein Programm eigens für die Besucher gibt es nicht. Sie erleben, was gerade passiert und gegessen wird, was auf den Tisch kommt: "Wir holen die Menschen immer in unser Leben." Das Gegenteil von Pauschaltourismus - und für immer mehr Touristen genau deshalb so verlockend.

Viele Weingüter hier haben eine jahrhundertealte Geschichte und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Traditionen werden von den Jungen gelebt und gepflegt, aber sie sind nicht in Stein gemeißelt. Von Zeit zu Zeit gehen sie neue Wege in der Weinbereitung. Thomas Nicolussi-Leck leitet erst seit zwei Jahren eigenständig den Keller im "Stroblhof" in Eppan an der Weinstraße. Sein Vater Andreas lässt ihm viele Freiheiten. Man ahnt, dass das nicht immer reibungslos abläuft. "Mein Vater hat mir den Keller übergeben und muss jetzt auch mit meinen Ideen leben." Das klingt sehr selbstbewusst und doch spricht aus jedem Satz der Respekt und auch ein bisschen Bewunderung für den Vater.

"Sepp Hanni" zu Ehren des Großvaters

2024 hat der junge Winzer seinen ersten eigenen Jahrgang verantwortet. "Mit diesem Wein fühle ich mich sehr verbunden. Mehr als mit dem Jahrgang davor, auch wenn der vielleicht qualitativ besser war." Den 2023er Jahrgang hatte noch sein Vater auf die Flasche gebracht. Tatsächlich schmeckt der Wein etwas anders, obwohl es die identische Rebsorte vom selben Weinberg ist. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Jeder Kellermeister hat eben seine eigene Handschrift und am Ende ist Wein ein Naturprodukt.

Wie viele junge Winzer legt auch Thomas Nicolussi-Leck sein Hauptaugenmerk auf den Weinberg. Wenn der Most dann in den Fässern ist, verändert er nicht mehr viel. Im Keller soll der Wein in Ruhe reifen. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, wie er von seinem Vater, dem Hof und den Weinen der Familie erzählt. Als er den "Sepp Hanni", einen Pinot Noir 2021, präsentiert, kommt er ins Schwärmen. Sepp Hanni, das war sein Großvater. Ihm zu Ehren wird dieser elegante Blauburgunder aus alten Reben gekeltert, aber immer nur dann, wenn der Jahrgang wirklich erstklassig ist. Besteht der Wein den familien-eigenen Qualitätscheck nicht, gibt es keinen "Sepp Hanni". Da lässt die Familie nicht mit sich reden und Thomas, der den "Stroblhof" in die Zukunft führen soll, will es genau so halten.

Winzer
Winzer Heiner Pohl vom Weingut "Marinushof" (links, der Ältere) im Vinschgau und Thomas Nicolussi-Leck vom "Stroblhof" in Eppan an der Weinstraße. (Foto: Heike Boese)

Die Geschichten, die die Winzer erzählen, machen die Verkostungen auf den Weinhöfen so authentisch. Wein probieren kann man überall. Aber da, wo er entsteht, hat das einen ganz eigenen Charme. Wenn dann auf der Heimreise noch ein paar Kisten Wein im Kofferraum der Gäste landen, hat sich der Aufwand für alle gelohnt. Dafür gehen einige Winzer noch einen Schritt weiter und lassen die Besucher sogar in ihren Betrieben mitarbeiten. Auf einem Weinberg ist eigentlich immer viel zu tun. Der Rebschnitt im Winter und Frühjahr, die Rebpflege im Sommer, bei der mit Hand trockene Äste entfernt und verdorbene Beeren aus der Traube geschnitten werden, die mühsame Lese in den Steillagen im Herbst - Hilfe ist immer willkommen.

Den eigenen Wein im Kofferraum

Allerdings ist es nicht so romantisch wie in den Hochglanzprospekten, die wunderschöne Bilder im goldenen Sonnenuntergangslicht zeigen. Die Winzer müssen aufpassen, dass die motivierten aber meist unerfahrenen Besucher keinen Schaden anrichten. Und die Gäste werden nach ein paar Stunden körperlicher Arbeit jeden einzelnen Rückenmuskel spüren und sich am Ende des Tages eher nach einer Wellnessbehandlung im Hotel als dem nächsten Einsatz im Weinberg sehnen.

Dennoch könnte der neue Weintourismus zu einer Erfolgsgeschichte werden. Für erlebnisverwöhnte Besucher, die schon alles gesehen haben und aus dem Urlaub nicht nur einen prestigeträchtigen Muskelkater, sondern auch eine andere, ganz neue Beziehung zu "ihrem" Wein mit nach Hause nehmen, und für die Winzer, die wenigstens stundenweise tatkräftige Hilfe im Weinberg bekommen und im besten Fall sogar neue Kunden gewinnen. Konsumenten neigen dazu, Produkte, zu denen sie eine emotionale Bindung haben, nachzukaufen. Wenn dann auch die Qualität stimmt, verspricht das eine sehr, sehr lange innige Beziehung zu werden. Und schließlich profitiert auch die Tourismusbranche. Hotelübernachtungen, Restaurantbesuche, Souvenirverkäufe, Wellnessangebote. Wenn die Gäste erstmal hier sind, lassen sie auch Geld da.

Der Weinanbau in Südtirol ist eher kleinflächig, aber extrem vielfältig. 326 Weingüter erstrecken sich über nicht mal sechs Hektar Anbaugebiet. Die diversen Lagen zwischen 200 und 1000 Metern über dem Meeresspiegel profitieren vom alpinen Klima genauso wie von starken mediterranen Einflüssen. Das heißt, dass man immer wieder Neues entdecken kann. Und 300 Sonnentage im Jahr sind auch nicht schlecht - und ganz nebenbei die perfekte Gelegenheit, die neue Sonnenbrille auszuführen.

Quelle: ntv.de

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