Panorama

PCR-Tests bald Mangelware? Wann Testlabore an ihre Grenzen kommen

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Die PCR-Testkapazitäten werden immer knapper.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Testlabore arbeiten auf Hochtouren, analysieren PCR-Abstriche im Akkord. Die Omikron-Welle könnte die Kapazitäten aber schon bald überstrapazieren. Ein Grund ist, dass es zu wenig Fachleute gibt. Ab wie vielen Neuinfektionen wird es kritisch?

Bioscientia ist eine der größten Testfirmen Deutschlands. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das Unternehmen in seinen 19 Laboren rund um die Uhr mit PCR-Tests beschäftigt. Täglich werden insgesamt etwas mehr als 20.000 PCR-Tests untersucht. Im Verlauf der Pandemie hat Bioscientia seine Kapazitäten bereits verdoppelt.

Endlos weiter erhöhen kann das Laborunternehmen seine Kapazitäten aber nicht. "Wir bauen an den Standorten kontinuierlich aus, aber nicht in Riesenschritten, weil man dann eine Produktionskapazität schaffen würde, die man nach der Pandemie definitiv nicht mehr brauchen wird", erklärt Bioscientia-Chef Oliver Harzer im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Das technische Equipment ist teuer und fachkundiges Personal rar. An den Standorten, wo Universitäten in der Nähe sind, sei es leichter, Mitarbeiter zu finden, sagt Harzer. Medizin- und Biologiestudenten würden sich mit den Testverfahren in der Regel schon auskennen und könnten zudem meist flexibel arbeiten, auch an Wochenenden oder Feiertagen.

450.000 tägliche PCR-Tests

Neben Bioscientia schicken noch fast 200 andere Labore ihre Testzahlen jede Woche an das Robert-Koch-Institut. Pro Woche sind das in ganz Deutschland etwa 1 bis 1,5 Millionen PCR-Tests, Ende des vergangenen Jahres wurde sogar an der Zwei-Millionen-Marke gekratzt.

Möglich sind aber sogar noch mehr: Laut Bundesgesundheitsministerium können pro Woche maximal 2,4 Millionen Labortests gemacht werden. Auf eine Sieben-Tage-Woche gerechnet, könnten so im Schnitt täglich höchstens 350.000 Tests durchgeführt werden. Natürlich wird aber unter der Woche im Verhältnis zum Wochenende mehr getestet. Sodass man eher von etwa 450.000 täglichen Tests ausgehen kann, größtenteils auf Montag bis Freitag verteilt.

Schwierig wird es, wenn immer mehr PCR-Tests positiv sind. In der vergangenen Woche ist die Positiv-Rate bei PCR-Tests auf über 23 Prozent gestiegen. Steigt sie bald auf 30 Prozent, weil sich immer mehr Menschen anstecken, könnten mit maximaler Laborauslastung maximal 150.000 Neuinfektionen pro Tag nachgewiesen werden. In dieser Woche meldete das RKI erstmals über 80.000 Neuinfektionen an einem Tag in Deutschland. Das Bundesland Berlin schlägt deshalb schon jetzt Alarm, was die PCR-Test-Kapazitäten betrifft. Gesundheitssenatorin Ulrike Gote spricht von einer "bundesweiten Problemlage".

"Sind gut aufgestellt"

Bioscientia-Chef Oliver Harzer erwartet zwar anstrengende Wochen für die Labore, sieht Deutschland aber insgesamt gut gerüstet. "Wenn wir wieder in so eine Situation reinkommen wie mit Delta im November, dann wird es wieder ächzen im Gebälk. Das ist so, da brauchen wir uns auch gar nicht in die Tasche lügen. Insgesamt ist es aber trotzdem so, dass wir sehr gut aufgestellt sind."

Bioscientia untersucht die einzelnen Proben jeweils in der Regel innerhalb von 24 Stunden auf Corona-Viren. Nur in der Hochphase der Delta-Variante habe man das nicht immer geschafft, sagt Oliver Harzer. Es sei wahrscheinlich, dass es auch im Verlauf der Omikron-Welle länger dauere, den einen oder anderen PCR-Test zu analysieren.

24 Stunden bis zum Ergebnis heißt nicht, dass PCR-Getestete schon exakt einen Tag nach dem Abstrich ihr Ergebnis bekommen. Vielmehr muss die Probe vom Testcenter erstmal ins Labor gebracht werden. Die Wartezeit zieht sich so in die Länge. Effektiv dauert es mittlerweile häufig 48 Stunden oder noch länger. Zumal einige wichtige Proben vorgezogen werden. Einsendungen von Krankenhäusern und Gesundheitsämtern würden zuerst bearbeitet, erklärt Harzer im Podcast. Auch auf das Alter der Getesteten wird geschaut, um zu priorisieren. "Es gab ja mal eine Zeit, als Reiseunternehmen darauf bestanden haben, dass Menschen, die in den Urlaub fahren wollen, innerhalb von 24 Stunden ein Ergebnis bekommen. Das haben wir nicht gerne oder auch gar nicht gemacht, weil wir gesagt haben, dass kranke Menschen bevorzugt behandelt werden sollten."

Schnelltests auch im Labor möglich

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Sorgen bereitet jetzt vor allem die immer schnellere Ausbreitung der Omikron-Variante. Und weil Schnelltests Omikron nicht immer zuverlässig nachweisen, sind PCR-Tests die bessere Wahl. Aus diesem Grund hatte der Marburger Bund zuletzt davor gewarnt, dass PCR-Tests in Deutschland bald nur noch "eingeschränkt" zur Verfügung stehen könnten. Deutschlands größter Ärztebund schlägt vor, dass in Zukunft statt einem PCR-Test auch zwei Antigenschnelltests gemacht werden können. Die bald geltenden neuen Freitest-Regelungen der Bundesregierung belassen es aber sogar bei einem "hochwertigen" Schnelltest als PCR-Alternative.

"Wenn man regelmäßig Antigenschnelltests durchführt, erhöhe ich natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, Infizierte zu finden. Das ist also eine Option, die man ziehen kann", findet Harzer. Man könne Schnelltests auch im Labor überprüfen, um so belastbarere Ergebnisse zu bekommen, gleichzeitig aber die PCR-Kapazitäten ein wenig zu entlasten. "Der Abstrich wird in dem Fall quasi wie bei einem PCR-Test gemacht, die Überprüfung erfolgt dann auf Geräten, mit denen wir sonst Hormone messen oder andere Infektionsparameter. Aber nichts von diesen Antigen-Untersuchungen ist nur annähernd so empfindlich wie die PCR. Das muss man einfach wissen", stellt Harzer klar.

Pool-Tests "irgendwann sehr ineffizient"

Die baldigen Freitest-Möglichkeiten würden "unweigerlich zu einem Mehraufwand der Labore führen". Die Labore würden dem Ansturm "weitgehend unvorbereitet begegnen müssen", kritisiert der Laborverband ALM. Um die hohe Testnachfrage auch weiterhin bedienen zu können, fordert Verbandschef Michael Müller, sich wieder stärker an der Nationalen Teststrategie zu orientieren. Heißt, vor allem sollen nur die Menschen PCR-getestet werden, die eindeutige Covid-19-Symptome haben. Priorität zwei sind die Menschen, die zwar keine Symptome haben, aber Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Priorität drei alle Menschen, die in Gemeinschaftseinrichtungen oder -unterkünften arbeiten oder leben, wo ein positiver Fall war.

Damit es dort schneller geht, gibt es immer häufiger Pool-Tests. Dabei werden erstmal mehrere Proben gemeinsam untersucht. Ist der Pool-Test positiv, werden alle Personen einzeln getestet. Der Aufwand bei den Pool-Tests ist aber nicht unbedingt kleiner, sagt Oliver Harzer. "Wenn der Prozentsatz der positiven Tests generell sehr hoch ist, wird das irgendwann sehr ineffizient, weil dann ist eben auch in jedem Pool eine infizierte Person drin und dann hat man sozusagen doppelte Arbeit, das bindet auch wieder Kapazitäten."

Es gebe insgesamt eine Vielzahl an Maßnahmen, um mit der stärkeren Testnachfrage nachzukommen, ist Harzer optimistisch. "Wenn die Situation sehr hart wird, muss man sich dann überlegen, was ist die nächste Eskalationsstufe und welche Schwächen nehmen wir dann in Kauf, um diese Krisensituation zu überbrücken."

Die perfekte Teststrategie gibt es nicht. Klar ist, Omikron wird die Testlabore an die Belastungsgrenze bringen. Die Testkapazitäten können nicht unbegrenzt erhöht werden. Irgendwann im Verlauf dieser vierten Welle wird noch mehr priorisiert werden müssen. Denn Testlabore wie die von Bioscientia prüfen nicht nur Corona-Tests, sondern haben auch noch andere Aufgaben. Unter anderem Grippetests, Hepatitstests und HIV-Tests.

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Quelle: ntv.de

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