Panorama

60.000 Personen im Visier Polizei hebt Drogen-Netzwerk in Europa aus

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60.000 Personen sollen das Chatprogramm genutzt haben, "90 bis 100 Prozent" davon in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen.

(Foto: dpa)

Ermittler sitzen erst per Chat fast "live am Tisch der Kriminellen", schlagen dann zu und finden tonnenweise Kokain, Meth und mehrere Millionen Euro Bargeld. In einer groß angelegten Aktion gehen europäische Behörden in mehreren Ländern gegen das organisierte Verbrechen vor.

Ermittlern aus mehreren Ländern ist durch das Entschlüsseln von Verbrecher-Chats ein großer Schlag gegen die organisierte Kriminalität in Europa gelungen. Es gab Hunderte Festnahmen. 19 Drogenlabore wurden ausgehoben, Tausende Kilo Kokain, Crystal Meth und andere Drogen beschlagnahmt. Insgesamt wurden nach Angaben der Behörden mehr als hundert Millionen Nachrichten über EncroChat zwischen Kriminellen auf der ganzen Welt in Echtzeit abgefangen. Die Nutzer seien erst am 13. Juni dahinter gekommen, dass sie überwacht werden.

Das Eindringen in die technische Infrastruktur des Anbieters von verschlüsselten Kurznachrichten EncroChat habe "Schockwellen durch organisierte Verbrecherbanden quer durch Europa" geschickt, wie die europäische Justizbehörde Eurojust in Den Haag mitteilte. Zahlreiche Verbrechen konnten unterbunden werden, so Eurojust - darunter Mordversuche und Drogentransporte. In den Niederlanden wurde demnach Bargeld in Höhe von fast 20 Millionen Euro beschlagnahmt.

Kurznachrichtendienst wird zur "Goldmine"

"Es war, als hätten wir live am Tisch der Kriminellen gesessen", resümierte Janine van den Berg, die Leiterin der niederländischen Polizei. "Wir haben die Tatsache ausgenutzt, dass die Kriminellen blind auf die Krypto-Kommunikation vertrauten und frei sprachen", fügte ihr Kollege Andy Kraag hinzu. Er verglich die abgefangenen Informationen mit einer "Goldmine" für die Fahnder. Nach Angaben der Behörden hätten "90 bis 100 Prozent" aller EncroChat-Nutzer in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen gestanden. Im Jahr 2020 waren etwa 50.000 verschlüsselte Telefone des Anbieters im Umlauf.

Britische Behörden bezeichneten die Operation als "massiven Durchbruch im Kampf gegen schwere und organisierte Kriminalität" und die größte Ermittlungsoperation ihrer Geschichte. Der inzwischen geschlossene Kurznachrichtendienst EncroChat habe 60.000 Nutzer weltweit gehabt, davon allein 10.000 in Großbritannien. Er sei ausschließlich zu illegalem Handel, Geldwäsche und für Mordkomplotte gegen rivalisierende Kriminelle genutzt worden. Allein in Großbritannien habe es 746 Festnahmen gegeben, hieß es in einer Mitteilung der National Crime Agency und dem Verband der britischen Polizeibehörden.

Zudem seien 54 Millionen Pfund (umgerechnet knapp 60 Millionen Euro), 77 Schusswaffen und mehr als zwei Tonnen Drogen sichergestellt worden. In Frankreich waren mehr als 60 Sonderermittler unter dem Codenamen "Emma 95" beteiligt. In den Niederlanden seien in die dort "Lemont" genannte Operation mehrere hundert Ermittler einbezogen gewesen. Das Hacken der Chatnachrichten zwischen Tausenden von mutmaßlichen Kriminellen sei auf der Grundlage behördlicher Genehmigungen erfolgt.

Quelle: ntv.de, tsi/dpa/AFP