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Briten im Endzeitmodus Prepper rüsten sich für den Brexit

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Aus Angst vor dem Brexit kaufen viele Briten nun deutlich mehr ein.

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Es mutet endzeitlich an. Ein ungeregelter Brexit rückt näher und immer mehr Briten bereiten sich auf das Worst-Case-Szenario vor. Wie vor einer Sturmwarnung füllen sie ihre Schränke mit Vorratsbergen. Mancher fürchtet sogar um die Sicherheit im Land.

Kohl, Milchpulver, Hartkäse, Thunfisch, Nüsse, Wasserkanister, Kerzen, ein Erste-Hilfe-Set: Die Liste für den Katastrophenfall ist lang. Dabei drängt die Zeit. Denn am 29. März 2019 verlässt Großbritannien aller Wahrscheinlichkeit nach die EU und für diesen Fall zeichnen besorgte Brexit-Gegner ein düsteres Szenario.

Um seine Landsleute auf Mangel und Chaos vorzubereiten, hat der ehemalige Polizist James Patrick ein Flugblatt mit dem Titel "Getting Ready Together" verfasst. Darin geht es nicht nur um Terroranschläge, Cyberangriffe oder Sabotage-Aktionen, sondern eben auch um den Brexit. Patrick erwartet, dass selbst ein geregelter Brexit einen ähnlichen Effekt auf die Wirtschaft haben wird wie die Finanzkrise 2008. Sollte Großbritannien in einen No-Deal-Brexit stolpern, hält er die Lage für noch katastrophaler. Dann rechnet er mit Benzin- und Gasknappheit und den Stopp von Im- und Exporten unter anderem mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die medizinische Versorgung. Schätzungen zufolge könne Großbritannien dann nicht länger als fünf Tage mit seinen eigenen Vorräten durchhalten, schreibt Patrick und zieht das fettgedruckte Fazit: "Die Allgemeinheit und Großbritannien sind komplett unvorbereitet auf den Brexit."

Allerdings nicht alle. Wie Patrick gibt es inzwischen Tausende sogenannter Prepper, die mit dem Schlimmsten rechnen und sich mit Lebensmitteln und anderem Notwendigen eindecken. Einige fangen plötzlich an, ihre Gärten zu beackern, andere kaufen sich große Tiefkühlboxen und Vorratsschränke. Auch Adam Roberts aus Leeds hat sich eigens ein neues Regal und Vorratskisten gekauft. Jedes Mal, wenn der 35-Jährige nun einkaufen geht, besorgt er doppelt so viel an haltbaren Lebensmitteln: Konserven mit Suppen, Bohnen, Thunfisch und Tomaten, Ibuprofen und Klopapier. "Ich plane, jeden Monat 100 Pfund zusätzlich auszugeben, bis wir im März mehr wissen", schrieb er dem britischen "Guardian". "Ich mache mir große Sorgen über einen No-Deal-Brexit". Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering sei, wären die Folgen "wirklich schrecklich".

Andere Prepper erinnern an den Zweiten Weltkrieg und an die Blackouts in den 1970er-Jahren. "Viel zu viele Menschen scheinen vergessen zu haben (oder sind zu jung , um sich daran zu erinnern), wie es in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren war - drei Millionen Arbeitslose, ernsthafte wirtschaftliche Probleme und Aufruhr, der von Entbehrungen und Frustration und Wut über eine abgehobene Regierung herrührte", schreibt der 54-jährige David Bates aus Bermondsey.

Die Regierung May weist allerdings alle Horrorszenarien weit von sich. Dennoch hat das Land erstmals seit dem Ende der Rationierungen in den 1950er-Jahren wieder einen Minister, der für die Nahrungsmittelversorgung verantwortlich ist. Auch schrieb die Regierung Stellen für Notfallplanungen aus und drängte Pharmafirmen, Medikamentenbestände für sechs Wochen zu lagern. Gesundheitsminister Matt Nacock versuchte im Sommer die Gemüter bei einer Anhörung im Parlament zu beruhigen. Die Regierung arbeite daran, die Gesundheit der Bürger auch für den Fall eines No-Deal-Brexit zu sichern. "Das umfasst die ganze Kette medizinischer Lieferungen, Impfstoffe, Medizingeräte, Klinikbedarf, Blutkonserven." Kurz vor Weihnachten klang das Kabinett schon beunruhigter. Inzwischen verstärkt es seine Vorbereitungen für einen No-Deal-Brexit und rief Unternehmen auf, Vorkehrungen zu treffen. Auch sollen demnächst Zehntausende Briefe mit Hinweisen an Firmen verschickt werden.

Die Angst vor dem No-Deal-Brexit

Sollte es schließlich zu einem ungeordneten Brexit kommen, würde Großbritannien von einem Tag auf den anderen für die EU zu einem Drittland werden und auf einer Stufe mit China oder Simbabwe stehen. Die Gesetze der EU würden nicht mehr gelten, genauso wenig wie der freie Warenverkehr zwischen den 27 verbliebenen EU-Staaten und dem Königreich. Zollkontrollen wären an der Tagesordnung, Laster würden vermutlich tagelang im Stau stehen. Diese Verzögerungen würden besonders bei Obst, Gemüse, Milchprodukten und bestimmten Medikamenten zu Problemen und Lieferengpässen führen.

Der Kreditversicherer Euler Hermes sieht inzwischen "Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung". Besonders chronisch Kranke und ihre Angehörigen versetzt der drohende Brexit in Unruhe. "Ich fühle mich körperlich schlecht, wenn ich daran denke", sagte Jo Elgarf der "New York Times". Weil ihre kleine Tochter unter Krämpfen leidet, ist sie auf Medikamente aus dem Ausland angewiesen. Und da diese ein Arzt verschreiben muss, kann sie lediglich einen Vorrat für vier Wochen horten. "Es gibt keinen Weg, wie ich mein Kind schützen kann. Ich bin völlig abhängig von anderen Menschen", so Elgarf , die wie Hunderte andere inzwischen auch Mitglied der Facebook-Gruppe "48% Preppers" ist. Der Name rührt von den 48 Prozent her, die im Juni 2016 gegen den Brexit gestimmt hatten. Jetzt rüsten sich die Mitglieder der Gruppe für die Folgen eines EU-Austritts - in welcher Form auch immer er schließlich stattfinden wird.

Die Prepper können sich bestätigt fühlen durch Warnungen von der National Farmers' Union, einem Verband britischer Bauern. "Der Agrar-Sektor könnte einer der am meisten betroffenen Bereiche bei einem schlechten Brexit sein", gab schon im August Bauern-Chefin Minette Batters zu bedenken. Nach Angaben des Ministeriums für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten produziert Großbritannien nur 60 Prozent dessen, was es für den Eigenbedarf braucht. Vor 30 Jahren waren dies noch 74 Prozent. Besonders bei frischem Gemüse und Obst ist es zu großen Teilen auf Importe aus der EU angewiesen.

Britische Unternehmen horten daher schon jetzt so viel wie möglich, um Versorgungsengpässe zu überstehen. Viele Supermärkte und Pharmakonzerne kaufen auf Vorrat, Lagerflächen gibt es kaum mehr. Unterstützt werden sie dabei vom Institut of Grocery Distribution. Dieses berät Unternehmen, wie sie sich am besten auf einen Brexit vorbereiten können und gibt lange Check-Listen heraus. Es wird damit gerechnet, dass bei weiterer Ungewissheit oder bei einem ungeregelten Brexit immer mehr Briten vorsorglich ihre Keller und Schränke füllen werden. Besonders für Geringverdiener könnte dies allerdings schwierig werden, so das Institut, das auch vor einem "gesellschaftlichen Problem" warnt.

Polizei bereitet sich auf Unruhen vor

Noch drastischere Konsequenzen erwartet der ehemalige Polizist Patrick, der auch einen düsteren Podcast mit dem Titel "The Fall" zum Brexit verfasst hat. Danach könnten Ladenbesitzer Schwierigkeiten haben, Nachschub zu bekommen, die Vorräte könnten ausgehen. Was Patrick dann erwartet, mutet endzeitlich an: "Die Menschen gehen raus und stehlen. Es wird Druck auf die Ladenbesitzer geben in einer Zeit ziviler Unruhen. Die Polizei wird das nicht unter Kontrolle bekommen."

Laut der "Sunday Times" bereitet sich die britische Polizei für den Fall der Fälle auf "Unruhen bis hin zu einem weitreichendem Aufruhr" vor. Verteidigungsminister Gavin Williamson kündigte in der vergangenen Woche die Mobilisierung von 3500 Soldaten an, um bei einem harten Brexit für "alle Eventualitäten" gewappnet zu sein. Sie sollen im Notfall die Regierungsinstitutionen unterstützen. Für den Mahner Patrick liegen die Dinge klar: "Du kannst Nahrung horten. Physische Sicherheit kannst du nicht horten."

Quelle: n-tv.de

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