Panorama

Jury will sensibilisieren "Pushback" ist "Unwort des Jahres" 2021

Proteste in Warschau im Oktober: Demonstranten zeigen sich solidarisch mit Geflüchteten an der Grenze zu Belarus und fordern den Stopp von Pushbacks.

Proteste in Warschau im Oktober: Demonstranten zeigen sich solidarisch mit Geflüchteten an der Grenze zu Belarus und fordern den Stopp von Pushbacks.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Die Aktion will auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen. Hunderte Vorschläge werden für die Wahl des "Unwortes des Jahres" eingereicht. Trotz der allgegenwärtigen Corona-Pandemie entscheidet sich die Jury aus Sprachwissenschaftlern für einen Begriff, der eine andere Problematik aufzeigt.

Der Ausdruck "Pushback" ist das "Unwort des Jahres" 2021. Mit dem Begriff werde ein menschenfeindlicher Prozess des Zurückdrängens von Flüchtenden an den Grenzen durch Europas Grenztruppen beschönigt, begründete eine Jury, die hauptsächlich aus Sprachwissenschaftlern besteht, im hessischen Marburg die Wahl.

Die Jury kritisierte die Verwendung des Begriffs "Pushback" durch ganz unterschiedliche Politiker, Journalisten oder Organisationen, weil damit ein Prozess beschönigt werde, der Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nehme, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Der Einsatz des Fremdworts trage zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Außerdem würden mit dem Gebrauch des Ausdrucks die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Zurückdrängen von Migranten verbunden sein können, verschwiegen.

Nach Angaben der sprachkritischen Aktion, die das Wort seit 1991 kürt, erreichten die Jury diesmal rund 1300 Einsendungen mit Wortvorschlägen. Darunter seien etwa 450 verschiedene Begriffe gewesen, von denen knapp 45 den Kriterien entsprochen hätten, berichtete Jury-Sprecherin Constanze Spieß. Die Aktion soll auf "undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden öffentlichen Sprachgebrauch" aufmerksam machen und so sensibilisieren. Gerügt werden Begriffe, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Auf die Menge der eingegangenen Vorschläge für ein einzelnes Wort kommt es nicht an.

Mit 287 Einsendungen war "Tyrannei der Ungeimpften" der mit Abstand häufigste Vorschlag. Es folgten "illegaler Kindergeburtstag" mit 71 und "Querdenker" mit 47 Einsendungen. Oft genannt wurden auch andere Begriffe im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wie "boostern", "Covidiot" oder "Pandemie der Ungeimpften".

"Sprachpolizei" auf Platz zwei gewählt

Mehr zum Thema

Die Jury der unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion wählte auf Platz zwei den Begriff "Sprachpolizei", mit dem Menschen diffamiert werden sollten, die sich für einen angemessenen, nicht diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen. Auf Platz drei kamen Vergleiche mit dem Nationalsozialismus, die im Zuge der Corona-Demonstrationen von Impfgegnern und -gegnerinnen verwendet wurden - etwa "Impfnazi" oder "Ermächtigungsgesetz" für Infektionsschutzgesetz. Die deplatzierte Verwendung solcher Ausdrücke führe zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, zur Verhöhung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und in manchen Fällen zu einer Opfer-Täter-Umkehr, erklärten die Juroren. Die Jury bestand dieses Mal aus vier Sprachwissenschaftlern sowie zwei Journalisten.

Im vergangenen Jahr wurden die Begriffe "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften" erstmals parallel zu den Unwörtern des Jahres gekürt. Mit "Corona-Diktatur" werden laut Jury die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie diskreditiert. Das Wort "Rückführungspatenschaften" bezeichnet einen von der EU-Kommission vorgeschlagenen Mechanismus der Migrationspolitik, bei dem ein Mitgliedsstaat der EU einem anderen Land die Verantwortung für Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern abnimmt.

Quelle: ntv.de, hul/dpa/AFP

Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen