Panorama

Tarnfleck statt Anzug Reservisten helfen im Kampf gegen Corona

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Hauptmann Einfeld (l.) bei der Arbeit.

(Foto: Bundeswehr Hamburg)

Fieberhaft bereiten sich Städte und Gemeinden überall in Deutschland auf den Höhepunkt der Coronawelle vor. Mit dabei ist auch die Bundeswehr - und ihre Reservisten. Die müssen ihr Privatleben bis auf Weiteres an den Nagel hängen, um zu helfen.

Wenn Jan Enno Einfeld in diesen Tagen um halb sieben Uhr morgens das Lagezentrum des Zentralen Katastrophendienststabs der Hansestadt Hamburg betritt, kann er an ein paar Fingern abzählen, wie viele Stunden seit seinem letzten Feierabend vergangen sind. Bis weit nach Mitternacht sitzt der Geschäftsführer eines Finanzdienstleisters mit 60 Mitarbeitern momentan am Schreibtisch, um sein Unternehmen möglichst unbeschadet durch die Krise zu steuern - so wie viele andere Manager auch. Der Unterschied zu ihnen: Jeden Morgen tauscht der kurzhaarige Brillenträger mit dem markanten Fünf-Tage-Bart den Geschäftsführeranzug gegen Tarnfleck und Stiefel und verwandelt sich in Hauptmann Einfeld, den Verbindungsoffizier aus der Streitkräftebasis.

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Bundeswehr-Soldaten helfen momentan überall in Deutschland - hier zum Beispiel bei der Verteilung von Lebensmitteln an Lkw-Fahrer, die in Grenzstaus festhängen.

(Foto: REUTERS)

"Ich habe gerade zwei Jobs. Hier tagsüber für die Bundeswehr und abends, während der Pausen und am Wochenende für Finiata", sagt Einfeld. Als Reservist wurde er bis mindestens Ende April "herangezogen", wie es im Bundeswehrdeutsch heißt, sozusagen als Bindeglied zwischen der Truppe und den zivilen Behörden, denen die Bundeswehr im Kampf gegen das Corona-Virus derzeit beisteht. Einfelds Job im Lagezentrum ist klassische Stabsarbeit: Der Hauptmann koordiniert die reibungslose Betankung von Einsatzfahrzeugen, kümmert sich aber auch um Fragen der Materialbeschaffung, vor allem bei den gerade dringend benötigten Beatmungsgeräten und Intensivbetten. 650 Stück gab es davon Stand vergangenes Wochenende in der Hansestadt, bis zum Höhepunkt der Coronawelle sollen es doppelt so viele sein.

16 Stunden täglich

"Plane den Sprung und springe den Plan", zitiert Einfeld ein altes Fallschirmspringer-Sprichwort und meint damit: Gute Vorbereitung und exakte Ausführung sind alles. In der jetzigen Phase gehe es vor allem darum, die Ruhe vor dem Sturm zu nutzen - das scheint zu funktionieren, im Bundeswehrkrankenhaus ist die Verdopplung der Bettenzahl jedenfalls schon gelungen. "Wir haben das Problem gerade noch sehr gut im Griff, aber das Potenzial, dass die Lage eskaliert, ist riesig. Deswegen ist es ja jetzt so wichtig, sich auf allen Ebenen vorzubereiten. Es gibt gerade einfach größere Probleme als meinen vollen Schreibtisch - und deswegen nehme ich natürlich auch billigend in Kauf, dass meine Arbeitstage aktuell so lange dauern."

Jan Enno Einfeld

Jan Enno Einfeld.

(Foto: Privat)

Mindestens 16 Stunden nämlich, meistens eher länger. Und das in einer Zeit, in der viele Menschen auch ohne Doppelbelastung nicht genau wissen, wie sie die nächsten Wochen und Monate überstehen sollen, geschäftlich wie privat: "Auch wir sind wegen der Corona-Krise vom Geschäftseinbruch betroffen, für Unternehmen ist das ja keine einfache Zeit", sagt der Manager. "Trotzdem war die Entscheidung für mich einfach: Ich finde es wichtig, dass es Menschen gibt, die sich engagieren, da kann und will ich mich nicht rausnehmen." Aber "ich habe auch den großen Vorteil, eine tolle Familie zu haben, die mich bei all dem unterstützt. Und natürlich befriedigt das alles auch mein Helfer-Gen."

Ein echter "Bürger in Uniform"

*Datenschutz

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Bundeswehr häufig nur eine Folge von Fehlplanungen und Skandalen, die Soldaten selbst irgendwie zweifelhafte Gestalten, Fremdkörper in unserer zivilen Gesellschaft. (Natur-)Katastrophen wie ein Hochwasser oder jetzt eben Corona zeigen, dass es ihn wirklich gibt, den "Bürger in Uniform" - in der Person von Einfeld oder einem der anderen rund 110.000 Reservisten, die ihre privaten Bedürfnisse in Krisenzeiten hinten anstellen, um zu helfen, wo es nötig ist. Der Hauptmann selbst ist dabei schon ein alter Hase, Einfeld half unter anderem während des letzten Jahrhunderthochwassers 2013 und zwei Jahre später während der Flüchtlingskrise.

Trotzdem ist diesmal vieles anders: "Wir haben zuletzt sehr viele sehr lautstarke Diskussionen gehabt, die am Ende zu nichts geführt haben. Gerade deshalb beeindruckt mich dieses kollektive Zusammenrücken sehr." Und zwar nicht nur bei der Bundeswehr, sondern "auf allen Ebenen, auch in meinem ganz privaten Umfeld. Bei uns zu Hause gibt es eine Whatsapp-Gruppe, in der sich die Bewohner gegenseitig unterstützen und Hilfe anbieten. Es werden virtuelle Mittagessen organisiert und so weiter." Deswegen hofft Einfeld, "dass am Ende etwas Gutes herauskommt", zum Beispiel eine dauerhaft bessere Bezahlung all derer, die gerade für den Rest der Gesellschaft ihren Kopf hinhalten - speziell in den Pflegeberufen.

Doch für das danach ist später noch Zeit genug: Jetzt bereiten sich Hauptmann Einfeld und seine Kameraden erst mal auf den drohenden Höhepunkt der Epidemie vor: Irgendwann in den kommenden Wochen wird die Scheitelwelle auch Hamburg treffen. Ob am Ende Zustände wie in Italien, Spanien oder New York eintreten oder die Hansestadt und der Rest der Republik noch mal mit einem blauen Auge davonkommen, wird dann ganz stark davon abhängen, wie effektiv die "Ruhe vor dem Sturm" genutzt wurde. Fehlendes Engagement, so viel ist bereits jetzt sicher, wird man im Nachgang jedenfalls niemandem nachsagen können.

Quelle: ntv.de