Rätselhafte SchiffskatastropheRoboter entdeckt verschollenen Frachter

Kann ein Schiff von mehr als 200 Metern Länge einfach so verschwinden? Vier Wochen nach der Fahrt der "El Faro" durch die Gewässer des "Bermuda-Dreiecks" sind sich Marinespezialisten sicher: Sie haben das Schiff gefunden.
Experten der US-Seestreitkräfte haben das Wrack des vor mehr als vier Wochen vor den Bahamas verschollenen Frachters "El Faro" identifiziert. Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB bestätigte, dass es sich bei dem am Wochenende am Meeresgrund entdeckten Sonarsignal um das vermisste Schiff handele.
Die El Faro war am 1. Oktober mit 33 Menschen an Bord im Hurrikan "Joaquín" in Seenot geraten. Der Kontakt zu dem 244 Meter langen Frachter brach mitten im Sturm ab. In einem der letzten Funksprüche meldete die Besatzung der US-Küstenwache einen Wassereinbruch. Das Schiff habe Schlagseite, hieß es. Kurz darauf riss die Verbindung ab, alle Funkfrequenzen blieben still. Seitdem fehlte von der El Faro jede Spur.
Bis ins Auge des Sturms
Beladen mit Standardcontainern und Autos war die El Faro mit Kurs Süd-Ost unterwegs von Florida nach Puerto Rico. Der Hurrikan fegte zum Unglückszeitpunkt mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 215 Kilometern in der Stunde über die Bahamas hinweg. Das Schiff fuhr offenbar mit voller Geschwindigkeit in das Unwetter hinein. Im Sturmzentrum sollen die Wellen zeitweise eine Höhe von bis zu zwölf Metern erreicht haben.
Trotz des Sturms stiegen nach dem Notruf umgehend Suchflugzeuge auf, darunter eine speziell ausgerüstete C-130 "Hercules" der US-Küstenwoche. Doch alle Bemühungen, den Kontakt wieder herzustellen oder das Schiff auch nur zu orten, blieben ohne Erfolg.
Die US-Behörden leiteten daraufhin rund um die Bahamas eine umfangreiche Such- und Rettungsaktion ein. An der Suche nach dem vermissten Frachtschiff waren neben der Hercules auch SAR-Hubschrauber der US Coast Guard sowie Einheiten der Navy sowie zivile Handelsschiffe beteiligt. Erst nach einer vollen Woche gaben die Helfer auf: Die Suche musste weitgehend ergebnislos abgebrochen.
"Möge Gott die Angehörigen trösten"
In der Unglücksregion stieß US-Küstenwache lediglich auf einen mehrere Quadratkilometer großen Teppich aus treibenden Trümmerteilen, die dem vermissten Schiff zugeordnet werden konnten. Unter anderem fischten Rettungskräfte einen leeren Rettungsring der El Faro aus dem Wasser. Außerdem konnten sie eine Leiche bergen, bei der es sich mutmaßlich um die sterblichen Überreste eines Mitglieds der Besatzung handelte.
Ohne das Wrack des riesigen Frachtschiffs blieb das genaue Schicksal der El Faro jedoch ungeklärt. Barack Obama sprach den Angehörigen der vermissten Seeleute sein Beileid aus. "Möge Gott die Männer und Frauen der 'El Faro' segnen und ihre Angehörigen trösten", sagte der US-Präsident. Unter den 33 Seeleuten an Bord befanden sich 28 US-Bürger und fünf Polen. Obama versprach zudem eine gründliche Untersuchung des Schiffsunglücks. Fachleute erhoffen sich aus der Aufklärung vor allem auch Hinweise darauf, wie sich ähnliche Katastrophen künftig besser verhindern lassen.
Sonarsignal in 4500 Metern Tiefe
Erst knapp drei Wochen später wurde die US-Marine fündig: Die "USS Apache", ein Spezialschiff zur Tiefseeortung, konnte ein Wrack am Meeresgrund per Sonargeräten orten. Der havarierte Frachter liegt in einer Tiefe von mehr als 4500 Metern. Der Schiffsrumpf ruhe in "aufrechter Position" und "in einem Stück", heißt es. Auf den ersten Blick wirke das Schiff weitgehend unbeschädigt. Weitere Untersuchungen mit einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug konnten den Fund bestätigen: Bei dem entdeckten Wrack handelt es sich tatsächlich um die El Faro.
Dass der Schiffsuntergang etwas mit den Legenden und Verschwörungstheorien rund um das sogenannte "Bermuda-Dreieck" zu hat, halten Schifffahrtsexperten für ausgeschlossen. Dabei gilt der Fall der El Faro durchaus auch in Fachkreisen als ungewöhnlich: Normalerweise, so heißt es, kann ein Tropensturm einem Containerfrachter dieser Größe nichts anhaben. Und tatsächlich fuhr der Frachter durch das berüchtigte Seegebiet, als es in Schlagseite geriet und für immer von der Wasseroberfläche verschwand.
Autos und Lkw-Anhänger unter Deck
Nüchterne Beobachter lassen sich davon nicht täuschen: Sollte die Ladung verrutscht sein, wäre es durchaus denkbar, dass extreme Windböen und der starke Wellengang zur Katastrophe beitrugen. Die El Faro war neben den knapp 400 Standardcontainern auch mit mehr als 290 Pkw und Lkw-Anhängern beladen - eine Ladung, die sich bei unsachgemäßer Verzurrung sehr leicht losreißen kann. Im Fall der El Faro gibt es zudem schwerwiegende Anschuldigungen: Das Schiff soll nicht seetüchtig gewesen sein, als es zu seiner letzten Fahrt ablegte. Angehörige der toten Seeleute reichten eine entsprechende Klage gegen den Schiffseigner ein.
Die Bergungsexperten an Bord der USNS Apache könnten bei ihrer Arbeit am Meeresgrund wohl nebenbei auch zur Klärung zivilrechtlicher Ansprüche beitragen. Sie wollen einen Tiefseeroboter mit Greifarmen einsetzen, um den Datenschreiber des untergegangenen Schiffes zu bergen. Von der Auswertung von Positions- und Maschinendaten erhoffen sie sich Auskunft darüber, was genau das Schicksal des riesigen Frachters besiegelte. Gutes Wetter vorausgesetzt, so heißt es, könne dieser Einsatz in ein bis zwei Wochen abgeschlossen sein.