Panorama

Schweißen bleibt verboten Russinnen dürfen jetzt Züge fahren

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Eine Frau am Steuer einer Moskauer U-Bahn - für Russland ein historischer Schritt.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Russland hat die aus der Sowjetzeit stammende Liste der verbotenen Berufe für Frauen gekürzt. Doch im Vergleich zu anderen postsowjetischen Staaten wie Armenien, Georgien, Ukraine und sogar Belarus hinkt Russland immer noch hinterher.

Der 3. Januar 2021 war ein historischer Tag für die Geschichte der Moskauer U-Bahn. Nach langjähriger Pause steuern seitdem wieder Frauen die U-Bahnen der russischen Hauptstadt. In den 1980er-Jahren war der Zugang der Frauen in die Kabine de facto eingeschränkt worden, vor 21 Jahren setzte dann die russische Regierung die Zugführerinnen auf die aus der Sowjetzeit stammende Liste der für Frauen verbotenen Berufe. Das ist Geschichte.

Schon seit Februar 2020 gibt es in Moskau Schulungen für die U-Bahn-Fahrerinnen. 12 von 25 Teilnehmerinnen der ersten Stunde wurden Anfang des Jahres eingestellt, weitere 50 sollen hinzukommen.

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"Du kannst alles sein, was du willst" - solange der Beruf nicht auf der Liste steht.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Um dieses Ereignis zu feiern, brachte die Moskauer U-Bahn in Zusammenarbeit mit dem russischen Hersteller von Barbie sogar 100 exklusive Puppen in der Dienstuniform heraus, die jedoch nicht im Einzelhandel verfügbar sind. Dies sorgte für besondere Resonanz und Begeisterung in russischen Staatsmedien. "Du kannst alles sein, was du willst", heißt es auf der Verpackung der limitierten Barbies. "Die kleinen Mädchen sollen dadurch erinnert werden, dass sie jeden Beruf für sich auswählen dürfen", erzählte eine der neuen Zugführerinnen. Doch ganz so weit ist es in Russland nicht.

Tatsächlich wurde die Liste der für Frauen verbotenen Berufe in Russland ab dem 1. Januar 2021 von 456 auf 100 verkürzt. Das ursprüngliche Gesetz, mehrmals von den Vereinten Nationen als menschenrechtswidrig kritisiert, stammt noch aus dem Jahr 1974. Damals beschäftigte sich die Sowjetführung mit der Erhöhung der Geburtenrate. Weil Frauen Mütter werden sollten, war schwere körperliche Arbeit für sie nicht erwünscht. Zuletzt überarbeitet wurde das Gesetz im Jahr 2000, fast ein Jahrzehnt nach dem Zerfall der Sowjetunion. Damals wurden auch die Zugführerinnen auf die Liste gesetzt. Der Sinn des Gesetzes blieb grundsätzlich jedoch immer gleich - bis jetzt.

Einerseits war die aktuelle Anpassung längst überfällig, weil viele der verbotenen Berufe schlicht nicht mehr existieren. Andererseits sind einige der Berufe im Laufe der Zeit automatischer geworden, was die Verbote auch dann sinnlos macht, wenn man der sowjetischen Logik von 1974 folgt. Zugführerinnen etwa müssten sich heute nicht mehr körperlich so stark anstrengen wie damals. Auch als Lkw-Fahrerinnen oder als Skipperinnen auf einem Schiff dürfen Frauen nun arbeiten. Für Russinnen verboten bleiben Schweißen, Gießen oder Brandlöschen, während sie aber bei Bauarbeiten umfangreicher eingesetzt werden dürfen. Beim manuellen Heben von Gewichten soll die Maximalbelastung allerdings zehn Kilo nicht überschreiten.

Frauen werden als Arbeitskräfte benötigt

Gerade die Erleichterungen in der Baubranche zeigen einen weiteren Grund, warum die Anpassung für Russland notwendig war. Die Branche leidet seit Jahrzehnten an Kräftemangel, der Einsatz von Arbeitsmigranten aus Zentralasien hilft dabei nur bedingt. Die leise Hoffnung des Arbeitsministeriums ist daher, dass die Russinnen die Situation zumindest leicht verbessern können - wenn nicht in Sachen schwerer Körperbelastung, dann zum Beispiel als Dachdeckerinnen und Stuckateurinnen. Denn für solche Stellen bewirbt sich durchschnittlich weniger als ein Kandidat. Mit ähnlichen Problemen kämpfen auch andere Branchen.

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Zum ersten Arbeitstag gab es Blumen vom stellvertretenden Bürgermeister Moskaus, Maxim Liksutow.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Wie so oft in Russland bedeutete das Gesetz jedoch schon in den vergangenen Jahren keineswegs, dass die aufgelisteten Berufe tatsächlich nicht von Frauen ausgeübt wurden. Lkw-Fahrerinnen wurden zum Beispiel bei Bedarf einfach als Fahrerinnen eingestellt, ohne das konkrete Fahrzeug anzugeben. Die Moskauerin Jewgenija Markowa, die erfolgreich in der IT-Branche tätig war und trotzdem Lkw fahren wollte, bekam in einer Firma sogar eine Gehaltskarte unter dem fiktiven Namen Jewgenij Markow. Andere, wie die Steuerfrau Swetlana Medwedewa aus Samara im Südosten Russlands, mussten bis zum Antidiskriminierungsausschuss der UN gehen, um die gewünschte Stelle zu bekommen.

Insgesamt hat sich aber die Lage rund um die Gleichstellung von Frauen und Männern im Arbeitsbereich in den letzten Jahren verbessert. Nach Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat unterscheidet sich die Arbeitslosenquote unter Frauen kaum von der unter Männern - 6,2 gegen 6,1 Prozent. Trotzdem werden Frauen und Männer für die gleiche Leistung unterschiedlich bezahlt. Eine Studie des analytischen Zentrums Nafi, die unter anderem von Google unterstützt wurde, zeigte im letzten Jahr einen Unterschied von 28 Prozent. Auch dieser wird dennoch kontinuierlich etwas kleiner.

"Wichtig ist, dass die Frauen in früher verbotenen Berufen gesetzlich geschützt sind", sagt Swetlana Medwedewa zu der erneuerten Liste. "Wer wirklich arbeiten wollte, hat es ohnehin über Umwege gemacht. Wir haben aber einen männlichen Staat und eine patriarchale Regierung, daher muss man immer noch dafür kämpfen, dass eine Frau selbst die Entscheidung über ihre berufliche Zukunft treffen kann."

Weil das ursprüngliche Gesetz aus der Sowjetzeit stammt, sind verbotene Berufe kein Alleinstellungsmerkmal Russlands, sondern es gibt sie in vielen postsowjetischen Staaten. Auch dort gibt es aber Fortschritte. Die Ukraine annullierte beispielsweise 2018 eine ähnliche Liste. In Armenien und Georgien gilt sie schon seit Längerem bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr. In Belarus existiert diese dagegen nach wie vor, sie wurde allerdings bereits bis auf 182 Berufe reduziert. "Bald kommen wir zum Zeitpunkt, an dem wir sie ganz streichen", versprach die belarussische Arbeitsministerin Irina Kostewitsch im letzten Herbst.

Quelle: ntv.de