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Sind Corona-Leugner schuld? Sachsen wird zum neuen Corona-Hotspot

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Als erste Region in Sachsen ist das Erzgebirge zum Corona-Risikogebiet erklärt worden.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Sachsen wütet das Coronavirus anscheinend ungebremst: In mehreren Landkreisen liegt der Inzidenzwert inzwischen bei mehr als 400 - die kritische Grenze ist bereits bei 200 erreicht. Seit Wochen meldet der Freistaat immer höhere Infektionszahlen. Doch warum gerade hier? Dazu gibt es verschiedene Theorien.

Sachsen gilt als die neue Corona-Hochburg Deutschlands: In keinem anderen Bundesland breitet sich das Coronavirus derzeit schneller aus als im Freistaat. Aktuell meldet Sachsen mehr als 4800 Neuinfektionen seit vergangenem Freitag. 10 der 13 Landkreise und kreisfreien Städte liegen derzeit über der kritischen Grenze von 200 Infektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Bei zwei Kreisen liegt der Inzidenzwert sogar bei mehr als 400 - im Landkreis Bautzen und im Erzgebirgskreis. Auffällig dabei: Große Städte wie Dresden oder Leipzig kommen vergleichsweise glimpflich davon.

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Einen Grund, warum von der Corona-Ausbreitung vor allem die ländlichen Regionen Sachsens betroffen sind, sieht Gesundheitsministerin Petra Köpping im engen Familien- und Freundesleben auf dem Land. In den Dörfern sei das Sicherheitsgefühl größer und die Leute somit unvorsichtiger. Der starke Zusammenhalt sei zwar schön, sagte die Ministerin dem MDR, "doch diese engen freundschaftlichen Bande, diese engen Familienfeiern im Dorf, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird".

Die meisten Neuinfektionen können, anders als im Frühjahr, nicht mehr genau zugeordnet werden. Man wisse aber, dass knapp 25 Prozent der Infektionen bei Familienfesten und Partys zustandekommen, mahnte Köpping. "Eben da, wo sich Menschen für längere Zeit treffen und näherkommen." Dazu gehören auch "kleine Dorffeste", so die Gesundheitsministerin. Daher sei das oberste Gebot: Kontakteinschränkung.

Jeder vierte Sachse ist älter als 65

Die Altersstruktur in Sachsen könnte ebenfalls ausschlaggebend sein. "In der Altersgruppe über 80 Jahre steigt die Zahl der Infektionen stark an", sagte Markus Scholz von der Universität Leipzig der "Bild"-Zeitung. "Das erklärt, warum die Pandemie-Lage in Sachsen mit dem höchsten Altersdurchschnitt aller Bundesländer aktuell besonders schlecht aussieht", so der Medizin-Informatiker. Laut Bundesfamilienministerium sind 24,9 Prozent der sächsischen Bevölkerung 65 Jahre oder älter.

Zudem würden die über 80-Jährigen in Sachsen "häufiger als im deutschen Schnitt" erkranken, sagte Scholz. Davon seien "insbesondere die Kreise Görlitz, der Erzgebirgskreis, Meißen und Bautzen betroffen, wo auch Ausbrüche in Pflegeheimen beschrieben wurden."

Tatsächlich nehmen die schweren Krankheitsverläufe deutlich zu. In den Landkreisen Mittelsachsen und Meißen gibt es laut Divi-Intensivregister nur noch 6 (von 50) beziehungsweise 7 (von 68) freie Intensivbetten. Im Landkreis Bautzen ist der Anteil an Covid-19-Patienten auf Intensivstationen mit 43,2 Prozent am höchsten. "Die Kapazitätsgrenze ist vor allem in personeller Hinsicht fast erreicht", warnt auch Norbert Heide, Ärztlicher Leiter des Klinikums Mittleres Erzgebirge in Zschopau. Die Ausfallquote im Pflegebereich liege bei etwa 30 Prozent.

Mehr Corona-Leugner in Sachsen?

Eine gewagtere Parallele zu den drastisch steigenden Infektionszahlen in Sachsen zieht die "Sächsische Zeitung". Sie titelte vor Kurzem "Sachsen hat die meisten Corona-Leugner". Der Bericht bezieht sich auf eine Studie der Deutschen Bank. Darin heißt es: "Die Befragten in Sachsen sehen häufiger als in anderen Bundesländern keine Krise im Zusammenhang mit Corona." Genau genommen wären die Sachsen somit eher Krisen-Leugner als Corona-Leugner. Und dennoch: Verschwörungsideologien und Protestbewegungen stoßen im Freistaat durchaus auf fruchtbaren Boden.

Ähnlich wie in Baden-Württemberg seien in Sachsen "Renitenz und Protest seit Jahren gereift", sagte der Leipziger Historiker und Politikwissenschaftler Michael Lühmann dem "Spiegel". Das gehe einher mit einem aktiven konservativ-protestantischen Gemeindeleben - vor allem in Ostsachsen und dem Erzgebirge. Eben in jenen Gebieten, wo zurzeit die Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Hinzu kommt laut Lühmann die Nähe zur AfD, die sich im Zuge der Pandemie zur Anti-Corona-Partei gemausert hat. In den betroffenen Regionen war die Zustimmung bei der letzten Landtagswahl für die rechtspopulistische Partei besonders hoch.

"Wir müssen hier handeln"

Ob Corona-Leugner tatsächlich am dramatischen Infektionsgeschehen in Sachsen zumindest teilweise schuld sind, lässt sich nicht sagen. Fakt ist allerdings: Trotz des Teil-Lockdowns seit Anfang November sinken die Zahlen in Sachsen nicht - im Gegenteil. Während in der ersten Welle insgesamt knapp 5000 Infektionen registriert worden sind, hat sich die Zahl innerhalb der letzten zwei Monate auf rund 54.500 mehr als verzehnfacht.

"Wir müssen hier handeln", so Ministerpräsident Michael Kretschmer angesichts der in den Krankenhäusern erreichten Belastungsgrenze. Sein Kabinett beschloss am Freitag in einer Sondersitzung die Umsetzung der entsprechenden Bund-Länder-Beschlüsse vom Mittwochabend - und verschärfte sie zum Teil sogar.

So besagt die neue Schutzverordnung in Sachsen: Bei einer anhaltenden 7-Tage-Inzidenz von mindestens 200 Neuinfektionen gilt eine Ausgangsbeschränkung in dem jeweiligen Landkreis oder der betroffenen Stadt. Die Einwohner dürfen ihre Wohnung dann nur in Ausnahmefällen wie zum Beispiel für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, den Gang in die Schule verlassen. Sport und Freizeitaktivitäten sind nur noch im Umkreis von 15 Kilometern vom Wohnort erlaubt. Darüber hinaus gilt ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Nur für die Feiertage soll es Ausnahmen geben.

Kretschmer appellierte an die Bürger, die nötigen größeren Einschränkungen mitzutragen und sich daran zu halten. "Wir brauchen mehr Umsicht. Es gibt keinen Grund zur Hysterie, aber auch nicht zur Beschönigung", so der Ministerpräsident. Denn: "Wenn die Sache nicht klappt, dann bleibt nur noch ein kompletter Lockdown. Um das zu vermeiden, müssen wir von der Zahl runterkommen."

Quelle: ntv.de