Panorama

Biontech-Chef noch nicht geimpft Sahin will sich Virus-Mutation vorknöpfen

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Hat jetzt die EU-Zulassung in der Tasche: Biontech-Chef Sahin.

(Foto: picture alliance/dpa/Biontech)

Die möglicherweise ansteckendere Virus-Variante aus England versetzt die Welt in Aufruhr. Doch Impfstoff-Entwickler rüsten sich bereits für eigene Tests, um die Wirksamkeit ihrer Vakzine sicherzustellen. Der Biontech-Chef ist zuversichtlich, dass sein Mittel weiterhin hilft. Allerdings ist er selbst noch nicht geimpft.

Das Mainzer Unternehmen Biontech wird in den kommenden Tagen die neuartige Mutation des Coronavirus aus Großbritannien untersuchen. Das kündigte Firmen-Chef Ugur Sahin am Abend in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung an. Er verwies darauf, dass bislang untersuchte Mutationen des Erregers den von seinem Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem US-Konzern Pfizer hergestellten Impfstoff nicht beeinträchtigt hätten. Er sei zuversichtlich, dass der Biontech-Impfstoff auch bei der Mutation aus Großbritannien funktioniere. Die Arznei war kurz zuvor von der EU zugelassen worden.

Der Impfstoff wird laut Biontech in der EU unter dem Namen Comirnaty vermarktet. Der Name vereine die Wörter Covid-19, mRNA (Bezeichnung des Botenmoleküls), Community (englisch für Gemeinschaft) und "Immunity" (Immunität). Mit der Bezeichnung will das Unternehmen nach eigenen Angaben die erste Zulassung eines Impfstoffs auf Basis von messenger RNA (mRNA) hervorheben. Zudem solle der Namen die gemeinschaftlichen Bemühungen unterstreichen, die diese Zulassung jetzt ermöglicht hätten.

Er selbst habe sich noch nicht impfen lassen, würde dies jedoch gerne tun, sagte der Biontech-Chef. Allerdings wolle er warten, bis er laut den amtlichen Vorgaben an der Reihe sei. Mit Blick auf die geplante Impfkampagne erklärte Sahin, Anfang April könne in Deutschland eine Verringerung der stationären Behandlungen in Krankenhäusern erreicht werden. Im Spätsommer sei eine Immunisierung der Bevölkerung möglich. Der Biontech-Chef meint damit die sogenannte Herdenimmunität. Diese ist erreicht, wenn zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung gegen das Virus resistent sind. Sahin bekräftigte, bis Ende des Monats sollten in Deutschland 1,3 Millionen Impfdosen ausgeliefert werden. Sein Unternehmen plane, über 1,3 Milliarden Impfdosen zu produzieren.

Spekulationen: Steckt Variante Kinder leichter an?

Zuvor hatten britische Wissenschaftler spekuliert, die britische Variante könnte möglicherweise für Kinder ansteckender sein als bisherige Linien. "Es gibt einen Anhaltspunkt, dass sie eine höhere Neigung hat, Kinder zu infizieren", sagt Neil Ferguson vom Imperial College London, ein Mitglied der Expertengruppe Nervtag, die die Londoner Regierung berät. Zwar sei der genaue Mechanismus noch unklar. "Aber wir sehen es anhand der Daten." Seiner Kollegin Wendy Barclay zufolge betreffen einige Mutationen die Art, wie das Virus in eine Zelle eindringt. Dies könnte bedeuten, dass "Kinder möglicherweise genauso anfällig werden für dieses Virus wie Erwachsene".

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Ausbreitung der Virus-Mutation noch nicht außer Kontrolle. "Selbst wenn das Virus sich nun ein kleines bisschen effizienter ausbreitet, kann das Virus gestoppt werden", sagte der WHO-Direktor für medizinische Notfälle, Michael Ryan. Die Lage sei also "nicht außer Kontrolle". Ryan rief aber dazu auf, die Maßnahmen zur Eindämmung der neuen Mutation zu verstärken.

Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hatte am Wochenende erklärt, die in Südostengland aufgetretene Mutation sei "bis zu 70 Prozent ansteckender" als die Ursprungsvariante des Coronavirus. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock sagte, die neue Virus-Variante sei "außer Kontrolle". Die WHO erwartet in den kommenden Tagen und Wochen weitere Informationen über die Virus-Variante. Entsprechende Untersuchungen liefen, sagt die WHO-Expertin Maria Van Kerkhove. Nach den bisherigen Erkenntnissen aus Großbritannien gebe es keine Hinweise auf einen schwereren Verlauf nach einer Infektion.

Quelle: ntv.de, mau/rts