Panorama

Corona-Infektionszahlen steigen Schweden verlässt langsam den Sonderweg

Vertrauen und Verantwortung - das waren in Schweden lange die bevorzugten Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Doch die Ansteckungs- und Totenzahlen steigen und die Gesundheitsbehörden schwenken zunehmend auf eine härtere Gangart ein.

Lange schien es so, als würde Schweden in der Corona-Pandemie einen Sonderweg verfolgen. Das Land vermied allzu strenge Restriktionen und verließ sich weiter auf seine Vertrauens- und Konsenskultur. Doch mittlerweile steigen auch dort die Ansteckungszahlen. Die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität lauteten am Donnerstagabend: Mehr als 5400 Infizierte, 282 Menschen sind an Covid-19 gestorben. Im benachbarten Norwegen, das rigider vorgeht, gibt es deutlich weniger Todesopfer bei etwa gleichen Ansteckungszahlen (5136 Infizierte, 50 Tote).

Die schwedischen Gesundheitsbehörden werden nun in ihren Empfehlungen etwas strenger. Bisher sollten nicht mehr als 500 Menschen zusammenkommen, nun gilt ein Versammlungsverbot für mehr als 50 Menschen. Schon länger gilt der Aufruf, Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten und nach Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten.

Auch für die Skizentren des Landes ändern sich die Vorgaben. Um die medizinischen Dienste nicht zu überlasten, werden die größten Ski-Anlagen nach dem Wochenende geschlossen. Dem Rat der Gesundheitsbehörden folgend, wird die Saison in den Anlagen in Sälen, Vemdalen und Åre am 6. April vorzeitig beendet, teilte der Betreiber Skistar mit. Das gilt aber nicht für alle Skigebiete. Riksgränsen im Norden Schwedens bleibt weiter geöffnet, zu Ostern werden dort unzählige Touristen erwartet.

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Dabei hatten sich beispielsweise Österreich Skigebiete als besonders intensive Ansteckungsherde erwiesen. Auch deshalb bat die Skiregion Jämtland Härjedalen um strengere Vorgaben der Behörden. Denn noch sind nicht nur die Loipen und Abfahrten offen, sondern auch die Gaststätten, in denen noch immer Après-Ski-Partys gefeiert werden.

Corona-Krankenhaus im Aufbau

Offenbar rechnen die Behörden inzwischen mit deutlich steigenden Infektionszahlen. In Stockholm soll nach Angaben der Stadtregierung vom Donnerstag am Wochenende ein erstes Feldlazarett für Coronavirus-Patienten eröffnet werden. In der Hauptstadt war das Virus in mehreren Altersheimen ausgebrochen. Ein Pflegedienst sagte am Donnerstag dem Fernsehsender SVT, dass es in den von ihm betreuten Heimen in der Region Stockholm mittlerweile 250 Ältere mit einer Corona-Infektion gebe. Viele der Infizierten hätten Vorerkrankungen. Der Leiter des Dienstes Familjeläkarna, Stefan Amér, sprach von bisher 50 Toten.

Um Ältere besser zu schützen, gilt seit dieser Woche ein Besuchsverbot für alle Altersheime im Land. Trotzdem äußerte sich auch der Staatsepidemiologe Anders Tegnell am Donnerstag auf seiner täglichen Pressekonferenz zunehmend besorgt. "Wir bekommen Signale aus Stockholm, aber auch aus anderen Teilen des Landes, dass es mehr Fälle in Altersheimen gibt", sagte Tegnell. Man sei beunruhigt über die Entwicklungen für die ältere Generation.

Stockholm will am Wochenende ein erstes Feldlazarett für Coronavirus-Patienten eröffnen. Nach Angaben der Stadtregierung soll das Notkrankenhaus in einem Messezentrum im südlich von Stockholm gelegenen Vorort Alvsjo errichtet werden. Seine Kapazität liegt zunächst bei 140 Patienten, könnte aber auf bis zu 600 Erkrankte gesteigert werden. Schweden gehört zu den Ländern, die im weltweiten Vergleich über relativ wenige Intensivbetten verfügen. Der Bestand liegt bei 2 Intensivbetten auf 1000 Betten. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 6 auf 1000 Einwohner.

Quelle: ntv.de, sba/AFP