Panorama

Seilbahn-Bremse war manipuliert Seilriss bleibt nach Unglück ein Rätsel

2b370b6622fcb95c8989fbf911985d48.jpg

Die Experten werden das Seil nun akribisch untersuchen.

(Foto: AP)

14 Menschen sterben bei dem Seilbahnunglück in Italien am Wochenende. Offenbar war die Sicherungsbremse deaktiviert, und es geschieht das Unvorstellbare: Ein Seil der Bahn reißt. Aber warum?

Wenige Tage nach dem Seilbahnunglück in Italien mit bisher 14 Toten wird der Unglücksverlauf immer klarer. Schon nach dem Sichten eines Überwachungsvideos waren sich die Experten einig, dass bei dem Unglück zwei Ereignisse zusammenfielen: Zum einen riss das Zugseil der Gondel, zum anderen fiel die Notbremse aus. Das führte dazu, dass die Passagierkabine in die Tiefe stürzte und die an Bord befindlichen Menschen regelrecht herausgeschleudert wurden.

Inzwischen gibt es zumindest für einen Teil des Geschehens eindeutige Erklärungen. Am Morgen wurden drei Personen festgenommen, laut Medienberichten sind sie Mitarbeiter des Seilbahnbetreibers Ferrovie del Mottarone. Darunter sei auch ein Manager. Einer dieser Mitarbeiter sagte aus, dass eine Vorrichtung deaktiviert wurde, um eine Störung zu vermeiden, berichtete ein Polizist im italienischen Fernsehen. Dieser Eingriff habe dann dafür gesorgt, dass die Notbremse nicht griff.

Damit bestätigen sich offenbar auch Berichte, dass es bereits am Tag zuvor Probleme an der Bahn gegeben hatte. Ein Augenzeuge erzählte italienischen Medien, die Seilbahn sei schon am Samstag blockiert gewesen. Techniker mussten eingreifen, nach einer halben Stunde wurde die Bahn wieder in Gang gesetzt. Das war am Tag vor der Katastrophe. Christian Felder, Vorsitzender des Technikerkomitees der Österreichischen Seilbahnen, zeigt sich im Gespräch mit ntv.de entsetzt über das Vorgehen des Seilbahnbetreibers. "Wenn es dort Probleme gegeben hätte, wäre natürlich die logische Entscheidung, die Anlage nicht mehr in Betrieb zu nehmen, das einer Reparatur zuzuführen, bis eben der Sicherheitsstandard wieder zu 100 Prozent erfüllt ist."

"Seilbahn in Betrieb halten"

Erst seit Samstag dürfen Seilbahnen in ganz Italien im Zuge von Lockerungen der Corona-Beschränkungen überhaupt wieder Ausflügler transportieren. Möglicherweise wollte man bei Ferrovie del Mottarone keinen erneuten Ausfall von Einnahmen riskieren. "Man wollte die Seilbahn in Betrieb halten, auch als sich das Problem offenbarte", hieß es von den Ermittlern. So sei die Notbremse gesperrt gewesen, damit weiter Menschen transportiert werden konnten. Dadurch sei es aber auch zu der "dramatischen Fügung" gekommen, dass die Notbremse nicht griff, als eines der Kabel riss.

Dass dies passieren könnte, hatten vermutlich auch die Mitarbeiter der Seilbahn nicht für möglich gehalten. Und Felder steht ebenso vor einem Rätsel. "Das Seil ist grundsätzlich das sicherste Bauteil, das eine Seilbahn hat", betont der Experte. Bei der Bahn am Lago Maggiore handelt es sich um eine Pendel-Bahn, bei der zwei Fahrzeuge immer abwechselnd jeweils talwärts und bergwärts unterwegs sind. Ein Tragseil hält dabei das ganze Gewicht, durch ein Zugseil werden die Fahrzeuge gezogen. Jedes Seil bestehe aus mehr als 200 einzelnen Drähten. "Von diesen Drähten dürfen im Normalfall sehr, sehr viele gebrochen sein, und es passiert überhaupt nichts", meint Felder.

Erst im November 2020 hatte das Südtiroler Unternehmen Leitner, das für die Wartung der Anlage zuständig ist, die Seile einer magnetinduktiven Prüfung unterzogen. Dabei waren "keine Unregelmäßigkeiten" festgestellt worden, hieß es in einer nach dem Unglück veröffentlichten Erklärung. Zudem müssen Felder zufolge auch täglich vor Inbetriebnahme die Seile kontrolliert werden. Dennoch riss das Zugseil bei dem Unglück.

Für Experten unvorstellbar

Der österreichische Seilbahnexperte kann sich nur wenige Umstände vorstellen, die zum Reißen eines Seils führen können. Dafür müsse man zunächst genau wissen, an welcher Stelle das Seil den Belastungen nicht mehr standgehalten habe. Also: Ist das Seil am Verbindungspunkt zum Fahrzeug gerissen oder auf der Strecke irgendwo? Eine Möglichkeit, die zum Reißen führen könnte, seien theoretisch sehr starke Winde. Eine andere die Vereisung. "Bei tiefen Temperaturen kann die Angriffsfläche so groß sein, dass das Zugseil über das Tragseil geworfen wird. Und das wäre die einzige wirkliche Vorstellung." Doch diese beiden Möglichkeiten können für den Unglückstag ausgeschlossen werden, es herrschte gutes Wetter bei Plusgraden.

Mehr zum Thema

Felder erinnert in diesem Zusammenhang an das Seilbahnunglück im italienischen Cavalese im Februar 1998. Damals durchtrennte ein US-Kampfflugzeug das Tragseil der auf die Alpe Cermis führenden Luftseilbahn. 20 Menschen starben beim Absturz. Die "äußere Einwirkung" sei in diesem Fall klar gewesen, anders als diesmal. "Ich habe mit sehr, sehr vielen Seilherstellern gesprochen und mit anderen Betreibern - und keiner konnte hier irgendeinen Grund nennen. Wenn die richtigen Überprüfungen regelmäßig durchgeführt werden, wie es die Vorgaben vorgeben, dann ist es wirklich undenkbar."

Für Felder liegt deshalb bisher vor allem ein Schluss nahe: "Wenn das so war, wie es bisher festgestellt wurde, dann hat das mit einer technischen Situation grundsätzlich nichts zu tun, sondern wir reden hier von menschlichem Versagen." Das wiederum hieße im Umkehrschluss, dass sich an der Einschätzung, dass Seilbahnen zu den sichersten Verkehrsmitteln gehören, nichts ändere. Der Experte führt dazu die Zahlen aus Österreich an: Dort gebe es etwa 3000 öffentliche Seilbahnen und Schlepplifte, die jährlich über 600 Millionen Fahrgäste befördern. Trotzdem habe es 2017 lediglich 17 Meldungen über ein technisches Problem gegeben. "Daraufhin wurde die entsprechende Bahn sofort eingestellt. Es wurde eine Reparatur durchgeführt, und es gab keinen Unfall." Anders als jetzt am Lago Maggiore.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.