Panorama

Die Toten vom Lago Maggiore Wie kam es zum Seilbahnunglück?

Noch tappen die Ermittler im Dunkeln, was die Ursache der Seilbahntragödie vom Sonntag angeht. Doch ein Augenzeuge erzählt von einem Vorfall tags davor. Und auch aus dem Jahr 2015 liegt bereits eine Beschwerde vor.

Vierzehn Tote und ein fünfjähriger Junge, der noch um sein Leben kämpft und nicht weiß, dass von seiner Familie - Vater, Mutter und kleiner Bruder - keiner mehr lebt: Das ist die verheerende Bilanz des Seilbahnunglücks, das sich am Sonntag über Stresa, einer Ortschaft am Westufer des norditalienischen Lago Maggiore, ereignet hat.

Die Fragen, die sich bei solchen Tragödien stellen, sind immer dieselben: Wie konnte das geschehen, war es menschliches oder technisches Versagen? Waren alle vorgeschriebenen Kontrollen durchgeführt worden oder wurde gepfuscht? Noch gibt es auf diese Fragen keine oder nur unvollständige Antworten. Und wahrscheinlich, das zumindest lässt die Staatsanwaltschaft wissen, wird es auch einige Zeit dauern, bis es Klarheit geben wird.

Die Ermittler, sowie die vom Infrastrukturminister Enrico Giovannini ernannte Untersuchungskommission bewegen sich noch im Dunkeln. Sie müssen neben den Untersuchungen an der Unglücksstelle auch allen anderen Spuren nachgehen.

Was geschah am Samstag?

Italienische Medien berichten heute von einem Augenzeugen, der erzählt habe, die Seilbahn sei bereits am Samstag, also einen Tag vor der Tragödie, blockiert gewesen. Techniker mussten eingreifen, nach einer halben Stunde wurde die Bahn wieder in Gang gesetzt. Außerdem soll es bereits 2015 einen Widerspruch an die Staatsanwaltschaft und an die Gemeinde Stresa gegeben haben.

Damals waren Arbeiten an der Seilbahn ausgeschrieben, der Auftrag zur Generalsanierung der Seilbahn ging an die Firma Leitner. Die Mailänder Firma Alfar hatte sich auch beworben, ihr Angebot jedoch dann zurückgezogen, weil sie der Meinung war, dass die Anlage einer weitaus umfangreicheren Sanierung unterzogen werden müsse und demzufolge weitaus höhere Investitionen erfordere, als vom Ausschreiben vorgesehen. Über diesen Vorgang hat der Anwalt von Alfar den Ermittlern am Montag berichtet und auch die Unterlagen dazu übergeben.

Bisher halten sich die Ermittler an den Unglücksablauf, wie ihn die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen. Fest steht, dass die Gondel, fast schon an der Bergstation des Monte Mottarone angekommen, plötzlich rückwärts abrutschte, rasende Geschwindigkeit aufnahm, gegen einen Stützpfeiler prallte und dann 20 Meter in die Tiefe stürzte. Mehrere der 15 Passagiere wurden dabei aus der Gondel geschleudert. Die Ursache ist eindeutig: Das Zugseil ist gerissen, und die Bremsen, die die Gondel am Hauptseil hätten stoppen müssen, haben nicht funktioniert. Auch das zeigen die Videoaufnahmen.

Vergessenes Instrument als Auslöser?

Nur warum hat das Bremssystem versagt? Das Video erlaubt den hinzugezogenen Fachleuten keine eindeutigen Schlussfolgerungen. Im Moment gibt es nur Vermutungen und Spekulationen. Wie die von Paolo Sutto, Chefredakteur des Seilbahnportals funivie.org. "Gestern wurde auch die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass das Aussetzen der Bremsen von einem menschlichen Versäumnis verursacht worden sein könnte", erklärt Sutto der Tageszeitung "La Repubblica". "Ein Werkzeug, Gabel genannt, das für die Leerläufe benutzt wird und verhindert, dass die Bremsen in diesem Fall in Funktion treten, könnte vergessen worden sein."

Dieser Hypothese widerspricht jedoch der Ingenieur Franco Corso, Vorsitzender des Seilbahnbetriebs im norditalienischen Skigebiet San Pellegrino. "Auch während der Probefahrten muss die Bremsfunktion automatisch in Funktion treten", lautet seine Stellungnahme. Piergiacomo Giuppani, Ingenieur und einer der angesehensten Experten für Seilbahnen in Italien, schließt die Möglichkeit eines "Fremdkörpers" nicht von vornherein aus. Doch wenn dem so war, "dann werden die Ermittler diese Gabel finden, bis jetzt ist sie aber noch nicht aufgetaucht."

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Corso hält für möglich, dass eines der Seile gerissen sein könnte, auch wenn das ebenso unvorstellbar ist wie ein vergessenes Werkzeug. Das Südtiroler Unternehmen Leitner, das für die Wartung der Anlage zuständig ist, geht derzeit von menschlichem Versagen aus. Leitner hat die Seilbahn 2016 generalsaniert und vergangenen November der periodisch vorgesehenen Überprüfung unterzogen. Dabei wurden auch die Seile einer magnetinduktiven Prüfung unterzogen. Es seien "keine Unregelmäßigkeiten" festgestellt worden. Erst am 3. Mai kontrollierte Leitner das hydraulische Bremssystem. Die täglichen und wöchentlichen Kontrollen liegen laut Leitner in der Verantwortung der Betreibergesellschaft Ferrovie del Mottarone.

Die zuständige Staatsanwaltschat hat derweil ein Verfahren wegen Totschlags und fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt eingeleitet. Die Italiener hoffen, dass jetzt nicht ein Schuldzuweisungs-Ping-Pong zwischen Leitner, dem Betreiber Luigi Nerini und der Gemeinde Stresa beginnt - so wie im Fall der im August 2015 in Genua eingestürzten Morandi-Brücke.

Quelle: ntv.de

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