Panorama

Afrikas Umgang mit Corona "Seit Jahren keine Hände mehr geschüttelt"

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In Uganda wurden wegen der Erfahrungen mit Ebola frühzeitig Maßnahmen gegen Corona ergriffen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als das Coronavirus weite Teile der Welt längst infiziert hatte, gab es in Afrika noch vergleichsweise viele Corona-freie Regionen. Zwar gibt es drei Monate nach dem ersten bestätigten Corona-Todesfall auf dem Kontinent längst in jedem Land Infizierte und fast überall Tote, die Zahlen sind aber immer noch viel niedriger als in Europa, Asien oder Amerika. Woran das liegt und warum es trotzdem noch berechtigten Grund zur Sorge gibt, erklärt der Krisen- und Katastrophenforscher Daniel Geiger von der Universität Hamburg im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Warum hat sich das Coronavirus auf dem afrikanischen Kontinent bislang vergleichsweise langsam ausgebreitet?

Daniel Geiger: Die Auswirkungen von Corona auf Afrika sind bislang tatsächlich deutlich geringer, als man das zunächst befürchtet hat. Das hat wahrscheinlich mehrere Ursachen. Afrika ist nicht so stark von internationalen Reiseaktivitäten betroffen wie Europa oder Nordamerika. Das dämmt die Verbreitung des Virus ein. Zudem haben viele zentral-, west- und ostafrikanische Länder tatsächlich Erfahrung im Umgang mit Viren, vor allem durch die Ebola-Epidemien 2015 und 2018/2019. Dadurch waren sie sehr gut vorbereitet. Und sie haben frühzeitig mit relativ drastischen Maßnahmen reagiert. Das war wahrscheinlich auch bitter nötig, weil die Gesundheitssysteme abgesehen von Südafrika nicht mit westeuropäischen Standards vergleichbar sind.

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Daniel Geiger forscht an der Uni zum Umgang mit Krisen und Katastrophen.

Welche Staaten sind besonders betroffen?

Südafrika war von Anfang an relativ stark betroffen. Bisher waren diese Viruserkrankungen wie zum Beispiel Ebola Erkrankungen der Armen. Bei Corona ist das anders. Covid-19 ist eine Erkrankung der Reichen. Die Oberschicht in Südafrika ist international mobil, hat so das Virus ins Land gebracht und dann ist es über Hausangestellte verbreitet und in die Townships transportiert worden. Aktuell gehen auch in Äthiopien die Zahlen hoch. Dort arbeiten viele chinesische Gastarbeiter, es gibt also ebenfalls eine vergleichsweise hohe internationale Mobilität.

In welchen Staaten ist Corona kaum ein Thema?

Ich kenne Uganda relativ gut und da weiß ich, dass die Zahlen sehr niedrig sind. Es gibt Stand heute weniger als tausend Infizierte und das, obwohl dort im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten bezogen auf die Einwohnerzahl sogar sehr viel getestet wird. Inzwischen gibt es dort sogar mobile Testlabore an den Grenzübergängen. Uganda hat Corona bislang extrem gut im Griff.

Warum?

Uganda hat sich in den vergangenen Jahren vor Corona mit der Ebola-Epidemie im Nachbarland Demokratische Republik Kongo beschäftigen müssen. Deshalb sind schon seit Anfang 2019 Screening-Maßnahmen an der Grenze etabliert, um Ebola nicht ins Land zu lassen. Das hat man auch geschafft, es gab nur ganz wenige Fälle im Grenzgebiet. Diese Maßnahmen wurden jetzt mit Beginn der Corona-Pandemie ausgedehnt und weitergeführt.

Was bedeutet das konkret?

Uganda hat Screening-Maßnahmen nicht mehr nur an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo durchgeführt, sondern an allen Grenzen. Im Prinzip hat man mit dem gewonnenen Wissen aus der Ebola-Bekämpfung jetzt noch sehr viel drastischer reagiert. Die Grenzen wurden dichtgemacht, nur noch Lkw mit Lebensmitteln und sonstigen wichtigen Dingen kommen seitdem durch. Und bei allen Fahrern wird die Körpertemperatur gemessen und ein Corona-Test abgenommen. Diejenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten und die Tests durchführen, werden ebenfalls regelmäßig getestet.

In vielen Ebola-gebeutelten Staaten sind diese Temperaturmessungen Alltag.

Richtig, an den Flughäfen in Uganda oder etwa auch in Ruanda sind diese Screening-Maßnahmen seit dem Ebola-Ausbruch im Ostkongo etabliert. Man musste auch vor Corona schon Gesundheitskarten ausfüllen, darin angeben, ob man Fieber hat oder nicht. Und auch Kontaktadressen musste man schon vor Corona hinterlassen, damit man sozusagen getrackt werden konnte, wenn Fälle aufgetreten sind.

Wieder was gelernt

Das Interview mit Daniel Geiger ist für unseren "Wieder was gelernt"-Podcast entstanden und gibt es auch zum Anhören. Die Ausgabe "So meistert Afrika die Corona-Krise" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Wie verhält es sich mit Hygienemaßnahmen wie Händeschütteln und Maske tragen?

Auch das war regional schon vor Corona weit verbreitet. Entlang der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo wurden schon seit Jahren keine Hände mehr geschüttelt. Da hat man sich auch schon seit Jahren ständig die Hände desinfiziert und in Menschenansammlungen Masken getragen.

Hat man auch die Testkapazitäten schnell hochfahren können?

Das kann man so allgemein nicht sagen. Die Länder mit Ebola-Erfahrung wie eben Uganda und Ruanda testen sehr viel, andere Länder dagegen sehr, sehr wenig.

Reichen die Kapazitäten in den Krankenhäusern aus?

Aktuell ja, aber nur, weil man kaum Infizierte hat und auch nicht alle Infizierten betreut werden müssen.

Was sind aktuell die größten Bedrohungen für den afrikanischen Kontinent in der Corona-Krise?

Es ist natürlich weiterhin wichtig, dass man eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus verhindert. Aber darüber hinaus sind die zahlreichen Nebeneffekte der Krise bedrohlich. Vor allem mache ich mir Sorgen, dass andere Krankheiten und Erreger nicht mehr behandelt werden. Schon jetzt ist beispielsweise die Zahl der Malaria-Toten in Uganda deutlich gestiegen. Leute mit Fieber wollen nicht stigmatisiert werden, lassen sich lieber nicht testen, weil sie vielleicht Corona haben. Der Fokus liegt jetzt einfach nicht mehr auf Krankheiten wie Ebola.

Wie sieht es mit den finanziellen Mitteln für die Corona-Bekämpfung aus?

Das ist auch ein großes Problem. Die Gelder gehen jetzt größtenteils in die Corona-Prävention und fehlen deshalb an anderer Stelle. Die Staaten engagieren sich schon und die internationalen Hilfsmaßnahmen laufen auch an, aber natürlich sind viele Organisationen in der aktuellen Lage in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt. Gut ist, dass zum Beispiel das Rote Kreuz vor Ort viel Personal hat.

Wie sieht die Arbeit des Roten Kreuzes vor Ort momentan aus?

In Uganda ist es so wie wahrscheinlich überall in Afrika. Die harten Maßnahmen der Regierung treffen vor allem die Armen. Das ugandische Rote Kreuz, mit dem wir auch zusammenarbeiten, muss die Menschen in der Hauptstadt Kampala mit Lebensmitteln versorgen. Den Straßenhändlern sind von heute auf morgen die Einnahmen komplett weggebrochen. Die hungern aufgrund der Maßnahmen. Und es ist natürlich interessant zu sehen, dass mit einer Erkrankung wie Ebola, die ja wesentlich gefährlicher ist, weniger drastisch umgegangen wurde als jetzt bei Covid-19.

Mit Daniel Geiger sprach Kevin Schulte.

Quelle: ntv.de