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"Colonia Dignidad" in Chile Sekten-Arzt muss nicht ins Gefängnis

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Der Mann hinter "Colonia Dignidad"-Gründer Paul Schäfer: In Chile wurde Hartmut Hopp (Archivbild) zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hartmut Hopp, ehemaliger Sektenarzt der berüchtigten Siedlung "Colonia Dignidad", bleibt auf freiem Fuß. Das chilenische Urteil gegen ihn kann laut Düsseldorfer Amtsgericht hierzulande nicht umgesetzt werden. Die Taten seien nach deutschem Recht nicht strafbar.

Der frühere Arzt der berüchtigten Sekte "Colonia Dignidad" in Chile, Hartmut Hopp, muss nicht ins Gefängnis. Das in dem Urteil der chilenischen Justiz dargestellte Verhalten Hopps sei nach deutschem Recht nicht strafbar, teilte das Düsseldorfer Oberlandesgericht mit. Die Entscheidung sei abschließend, hieß es. Weitere Rechtsmittel könnten nicht eingelegt werden.

Hopp war 2011 in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch in 16 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Bevor seine Strafe rechtskräftig wurde, floh er nach Deutschland. Weil er nicht nach Chile ausgeliefert werden darf, hatte die dortige Justiz beantragt, dass er die Strafe in Deutschland verbüßt. Er soll die rechte Hand des deutschen "Colonia Dignidad"-Gründers Paul Schäfer gewesen sein.

In der 1961 gegründeten sektenartigen Siedlung wurden zur Zeit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) Menschen vergewaltigt, gefoltert und getötet. Die Siedlung war von dem aus Deutschland geflohenen ehemaligen Wehrmachtsgefreiten und Laienprediger Schäfer nahe der Stadt Parral, rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, gegründet worden. Schäfers Schläger folterten Oppositionelle und stellten Folterknechte für den chilenischen Geheimdienst. Verfilmt wurden die Vorgänge 2016 von Regisseur Florian Gallenberger in "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück".

Nach dem Ende der Militärdiktatur in Chile häuften sich die Vorwürfe und Anzeigen gegen die Verantwortlichen. Außer Folter, Unterdrückung, Freiheitsberaubung und Kindesmissbrauch ging es auch um Steuerhinterziehung, Waffenschmuggel und Drogenmissbrauch. Erst im Jahr 1991 wurde die Sektensiedlung offiziell aufgelöst. Der Bundesnachrichtendienst und der deutsche Botschafter in Chile sollen früheren Angaben zufolge spätestens seit 1966 über die Zustände in der Siedlung informiert gewesen sein.

"Es ist höchste Zeit"

Der CDU-Politiker Michael Brand forderte vor diesem Hintergrund die Bundesregierung erst kürzlich dazu auf, zügige Hilfe für die Opfer der "Colonia" bereitzustellen. "Es ist höchste Zeit für konkrete Unterstützung, bevor noch die letzten Opfer gestorben sind", erklärte Brand Ende August.

Der CDU-Politiker war zuvor mit mehreren Mitgliedern einer überparteilichen Bundestagskommission nach Chile gereist. Ziel der Reise war es, den Prozess zur Aufarbeitung der grausamen Ereignisse in der von Deutschen in den 1960er-Jahren gegründeten Sektensiedlung voranzutreiben und einen Hilfsfonds einzurichten. Begleitet wurde Brand von der Grünen-Politikerin Renate Künast und dem SPD-Abgeordneten Matthias Bartke.

Die Lage sei "dramatisch", fast alle Opfer seien "schwer traumatisiert, viele verarmt, nicht wenige ernsthaft erkrankt, auf jeden Fall bitter enttäuscht", erklärte Brand. Wer "nach Jahrzehnten des Wegsehens" immer noch auf Zeit spiele, "macht sich ein zweites Mal schuldig". Er erwarte zusammen mit seinen Kollegen, dass die Bundesregierung einen fraktionsübergreifenden Antrag jetzt zügig umsetze, erklärte Brand. Dazu gehöre "konkrete Unterstützung wie ein Hilfsfonds, Aufarbeitung und eine Gedenkstätte am Ort der früheren Hölle".

Deutschland trage für die Opfer Verantwortung, weil die deutsche Botschaft in Santiago de Chile und das Auswärtige Amt über Jahre hinweg vor den dortigen Verbrechen "bewusst die Augen verschlossen" hätten, wie Künast erklärte. Es sei "unfassbar", wie sich ein solches System so lange halten konnte. "Das ist auch ein Versagen deutscher Politik gewesen", kritisierte die Grünen-Politikerin. Die deutschen Behörden hätten "das System dadurch stabilisiert, dass sie nicht interveniert haben". In den Gesprächen von Brand, Künast und Bartke ging es auch um die Einrichtung eines unabhängigen Dokumentationszentrums sowie einer Gedenkstätte für die Opfer der "Colonia Dignidad" gemeinsam mit Chile.

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Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

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