Panorama

Scharfe Ausgangssperre gelockert Spanier dürfen Häuser wieder verlassen

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Menschen in Barcelona nutzen die neuen Regeln für einen Spaziergang auf der Strandpromenade.

(Foto: dpa)

Sieben Wochen lang galt in Spanien eine strenge Ausgangssperre. Nun wird sie langsam gelockert. Spaziergänge und Sport im Freien sind wieder erlaubt - unter Auflagen: So gibt es für verschiedene Altersgruppen jeweils Zeitfenster, in denen sie nach draußen dürfen.

Erstmals seit sieben Wochen dürfen die Spanier wieder ihre Häuser ohne triftigen Grund verlassen: Sport im Freien und Spaziergänge mit einem im gleichen Haushalt lebenden Begleiter sind nun - unter einigen Auflagen - wieder erlaubt. Diese Lockerung der strengen Corona-Restriktionen ist Teil eines langfristigen Plans der Regierung, nach Wochen des Stillstands wieder etwas Alltag zuzulassen.

Ministerpräsident Pedro Sanchez rief die Bevölkerung auf, sich an die Abstandsregeln zu halten und mit Bedacht zu handeln. "Heute gehen wir einen weiteren Schritt bei den Lockerungen, aber wir müssen es besonnen und verantwortungsvoll tun. Das Virus ist noch da", twitterte er.

Gleichzeitig verkündete die spanische Regierung eine Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Um eine neue Infektionswelle zu vermeiden, müssten alle ab Montag in Bussen und Bahnen Atemschutzmasken tragen, sagte Sánchez im spanischen Fernsehen. Bisher wurde das Tragen von Schutzmasken in Bussen und Bahnen nur eindringlich empfohlen. Um sicherzustellen, dass die Spanier unterwegs Mundschutz tragen, sollen am Montag landesweit sechs Millionen Masken vor großen Bahnhöfen und Stationen verteilt werden. Sieben Millionen weitere Masken würden an örtliche Behörden sowie 1,5 Millionen an Organisationen wie dem Roten Kreuz gehen, damit diese sie weiterverteilen könnten.

Seit dem 14. März gilt in dem Land die europaweit schärfste Ausgangssperre. Sie wurde vorerst bis zum 9. Mai verlängert. Allerdings war es nach ersten vorsichtigen Lockerungen seit rund einer Woche bereits Kindern unter 14 Jahren erlaubt, mit einem Erwachsenen eine Stunde am Tag das Haus zu verlassen. Bisher duften die Menschen ihr Zuhause nur verlassen, um Lebensmittel einzukaufen, einen Arzt oder eine Apotheke aufzusuchen, ihre Hunde kurz Gassi zu führen oder zur Arbeit zu gehen, falls keine Heimarbeit möglich ist.

"Wie ein Kind vor Weihnachten"

Amalia Garcia Manso nutzte die Lockerungen für einen kleinen Spaziergang auf der Calle Mayor, der Flaniermeile im historischen Zentrum von Madrid. "Ich bin zum ersten Mal draußen und mache einen kleinen Spaziergang", sagte die 87-Jährige, während sie mit Schutzmaske, Handschuhen und Gehstock und am Arm ihrer Tochter vorsichtig die Straße entlang lief. Mit Blick auf die geschlossenen Geschäfte und die patrouillierenden Polizisten fügte sie hinzu: "Das tut weh. Es ist hart für mich zu sehen, dass alles in Madrid geschlossen ist".

Die kleinen Fluchten von zu Hause sind allerdings strikt reglementiert: In Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern gelten genaue Zeitvorgaben für die verschiedenen Altersgruppen - so dürfen etwa Senioren nicht im gleichen Zeitraum wie Kinder ins Freie.

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In Valencia zog es viele Menschen an den Strand.

(Foto: dpa)

Die Vormittage zwischen 10 und 12 Uhr und die frühen Abendstunden zwischen 19 und 20 Uhr sind für über 70-Jährige und Hilfe- oder Pflegebedürftige reserviert. Jugendliche über 14 Jahre und Erwachsene dürfen zwischen 6 und 10 Uhr und 20 und 23 Uhr aus dem Haus, um im Umkreis von einem Kilometer spazieren zu gehen oder Sport zu treiben. Die Nachmittage zwischen 12 und 19 Uhr sind dann den Kindern und ihren Begleitern vorbehalten.

Viele Madrider nutzten die kleine Freiheit am Morgen, um in der Nähe des abgesperrten Retiro-Parks zu joggen. Über Lautsprecher bat die Polizei sie höflich, auf dem Bürgersteig zu bleiben und nicht auf den fast leeren Prado-Boulevard auszuweichen. Zu den Joggern zählte auch Marcos Abeytua. Der 42-jährige Finanzberater hatte sich extra den Wecker gestellt, um die Gelegenheit nicht zu verpassen. Nach so vielen Wochen des Eingesperrtseins habe er sich am Freitagabend gefühlt "wie ein Kind am Abend vor Weihnachten", sagt er. In Barcelona waren auch Fahrradfahrer in Strandnähe unterwegs, Surfer und Paddelbootfahrer tummelten sich auf dem Wasser.

Meiste Schulen bis September geschlossen

Sanchez hatte diese Wochen einen Vier-Stufen-Plan vorgestellt, um bis Ende Juni zu Normalität zurückzukehren und die Wirtschaft wieder anlaufen zu lassen. Das Vorgehen soll von Region zu Region unterschiedlich verlaufen, je nachdem wie sich die Infektionsrate entwickelt, wie viele Intensivbetten frei sind und wie gut die Vorgaben etwa zum Mindestabstand eingehalten werden.

In der Vorbereitungsphase ab Montag dürfen Friseure und andere Geschäfte, die mit Terminvergabe arbeiten, wieder öffnen. Restaurants dürfen Essen zum Mitnehmen anbieten. Mit der ersten Phase ab dem 11. Mai dürfen Bars den Außenbereich wieder öffnen, aber nur mit einem Drittel der Plätze. Dann dürfen sich gesunde Menschen ohne Vorerkrankungen auch wieder in Gruppen treffen. Bei Sterbefällen dürfen Familienmitglieder wieder zu Beerdigungen.

Ende Mai sollen Theater und Kinos wieder ihre Tore öffnen dürfen, allerdings darf nur etwa ein Drittel der eigentlichen Besucherzahl herein. Auch soll der Schulbesuch teilweise wieder erlaubt werden. Die meisten Schulen bleiben jedoch bis September geschlossen. In der letzten Phase, die etwa Ende Juni starten soll, sollen die Einschränkungen für Restaurants und Bars weiter gelockert und Strände wieder freigegeben werden. Geschäfte dürfen eingeschränkt öffnen, ein Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Kunden muss eingehalten werden.

Spanien ist eines der am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder. Bis Samstag starben nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 25.000 Menschen. Allerdings geht die Zahl der neuen Todesfälle in den vergangenen Tagen kontinuierlich zurück: Mit insgesamt 276 neuen Opfern binnen 24 Stunden lag sie am Samstag zum dritten Mal in Folge unter der Marke von 300.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/rts