Panorama

Liebesbeziehung offenlegen? Springer bringt Post-Reichelt-Vorschriften

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In den Vorwürfen gegen den später entlassenen "Bild"-Chef Julian Reichelt ging es um Beziehungen mit teils sehr jungen Mitarbeiterinnen, Mobbing und Drogenkonsum am Arbeitsplatz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Monate nach dem Rauswurf von Julian Reichelt als "Bild"-Chef verschärft der Medienkonzern Axel Springer seinen Verhaltenskodex. Es geht um persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz und offenbar darum, wann diese offenzulegen sind, um Machtmissbrauch wie unter Reichelt zu vermeiden.

Nach dem Skandal um den ehemaligen "Bild"-Chef Julian Reichelt hat der Medienkonzern Axel Springer seinen Firmen-Verhaltenskodex zu persönlichen Beziehungen am Arbeitsplatz verschärft. "Wir müssen und wollen klarer formulieren, welches Verhalten wir gerade von Führungskräften im Falle von möglichen Interessenskonflikten am Arbeitsplatz erwarten, und unser Handeln konsequent daran messen", heißt es in einem Schreiben von Personalvorstand Julian Deutz und People & Culture-Leiter Tilmann Knoll an die Mitarbeiter, das der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Führungskräfte mit fachlicher beziehungsweise disziplinarischer Personalverantwortung müssen demnach Interessenkonflikte wie zum Beispiel eine Liebesbeziehung zu einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin in ihrem Zuständigkeitsbereich offenlegen.

Der Verhaltenskodex existiert bei Springer mit Hauptsitz in Berlin schon Jahre. Einer der Gründe für die Anpassung ist der Fall des Ex-"Bild"-Chefredakteurs Julian Reichelt, gegen den der Konzern im Frühjahr interne Ermittlungen angestoßen hatte und der vor rund zwei Monaten nach neueren Presserecherchen von seinen Aufgaben entbunden worden war. Im Frühjahr standen nach Springer-Angaben im Kern der Untersuchung Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz.

Öffentlich gewordene Vorwürfe gegen "Bild"-Chefredakteur Reichelt wogen insgesamt schwer. Es ging um Affären, Beziehungen mit teils sehr jungen Mitarbeiterinnen, Mobbing und Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Laut "Spiegel" beschrieben Mitarbeiter Reichelt als machtbesessen. Als jemanden, der einen aggressiven Ton anschlug, Menschen demütigte. Doch anscheinend war das nur eine Seite des Chefredakteurs. Vor allem junge Berufseinsteigerinnen, Praktikantinnen und Volontärinnen soll Reichelt systematisch verführt haben. Eine von ihnen sagte laut "Spiegel" aus, dass Reichelt Jobs und Aufstiegschancen durchaus davon abhängig mache, dass man mit ihm schlafe. Nach dem Skandal und immer neuen Berichten musste Reichelt seinen Posten schließlich räumen.

Keine pauschale Offenlegung gefordert

Im Kodex heißt es nun: "Enge persönliche Beziehungen zu Kollegen, Führungskräften oder Mitarbeitern können dazu führen, dass unser beruflicher Umgang mit diesen Personen bzw. deren Arbeit von privaten Interessen beeinflusst wird." Damit sind zum Beispiel Liebesbeziehungen und sexuelle Beziehungen gemeint. Ebenso geht es um verwandtschaftliche Verhältnisse.

Die Mitarbeiter können laut Kodex gegenüber dem Vorgesetzten oder der zuständigen Personal- beziehungsweise Compliance-Abteilung die Beziehung offenlegen. Dazu könne eine interne oder externe Vertrauensstelle hinzugezogen werden. In dem Schreiben an die Mitarbeiter wurde auch betont: "Beziehungen am Arbeitsplatz müssen nicht pauschal offengelegt werden und sind natürlich nicht verboten. Das ginge an jeder Lebensrealität vorbei." Transparent gemacht werden müssen demnach ausschließlich Beziehungen zwischen einer Führungskraft und einem ihr fachlich oder disziplinarisch unterstellten Mitarbeiter.

In einer Absichtserklärung von Konzern und Konzernbetriebsrat, die der dpa auch vorlag, heißt es, man habe sich zusammengesetzt, um sowohl für den deutschen als auch den internationalen Markt deutliche Zeichen zu setzen. "Ziel ist, dass Machtmissbrauch bei Axel Springer erst gar nicht auftreten kann." Die Neuauflage des Verhaltenskodex' sei ein Anfang.

Die Konzernbetriebsratsvorsitzende Linda Paczkowski-Diering wurde zu der im Intranet veröffentlichten Absichtserklärung so zitiert: Die Anpassungen des Verhaltenskodex' seien ein guter Schritt. "Wir denken aber, es braucht mehr, um den kulturellen Wandel weiter voranzutreiben. Dabei legen wir besonderen Wert auf Diversität, Inklusion und gezielte Frauenförderung."

Quelle: ntv.de, mpe/dpa

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