Panorama

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Springt das Coronavirus von Auge zu Auge?

Corona_Virus.jpg

(Foto: imago images / Reiner Zensen)

Einige Menschen nehmen das Social Distancning sehr genau. Statt andere mit einem Lächeln zu beglücken, schauen sie schnell zur Seite. Schade. Gerade jetzt ist ein aufmunternder Blick viel wert.

Als ich vor Jahren zum ersten Mal diese merkwürdigen Gespenster auf den Straßen Berlins sah, die beim Laufen ständig vor sich hinplappern, dachte ich, es handele sich um Verrückte. Reflexhaft pulsierte in mir meine soziale Ader: Ach, die Armen, wie schlimm, so gestört zu sein. Irgendwann begriff ich, dass diese Lebewesen keine bekloppten Außerirdischen waren, sondern stinknormale Innerirdische, die über ein winziges Kabel telefonierten. Inzwischen habe ich mich an sie gewöhnt, muss aber trotzdem manchmal feixen, wenn mir eines der Gespenster entgegen kommt und beim Brabbeln mit den Händen Dinge beschreibt, die der Mensch am anderen Ende der Leitung nicht sehen kann.

Seit zwei, drei Wochen lebt eine neue Spezies unter uns – in Berlin hat sie sich schon stark vermehrt –, die ein merkwürdiges Sozialverhalten an den Tag legt: die Weggucker. Sobald man ihnen begegnet, im Supermarkt, im Park oder auf dem Gehweg, schauen sie ganz schnell zur Seite, als hätten sie gerade ein Luftschloss entdeckt, das sie mit nach Hause nehmen möchten.

Jeder hat schon mal einen Menschen erlebt, der direkten Blickkontakt schwer oder gar nicht aushalten kann, verlegen oder unsicher wird. Dahinter kann Schüchternheit stecken, vielleicht auch Desinteresse oder Langeweile. Oder eine soziale Macke, was aber nicht sein muss. Denn meist ist es keine Absicht, schon gar keine böse.

Die jetzigen Weggucker sind von ganz anderem Kaliber. Sie meiden freiwillig jeden Blickkontakt. Sie sind Mitbürger, die das Social Distancing sehr ernst nehmen. Ich vermute, die Weggucker glauben, dass das fiese Virus sich auch von Auge zu Auge überträgt. Es heißt doch nicht umsonst: Wenn Blicke töten könnten. Tun sie ja vielleicht wirklich. Ich glaube es allerdings nicht, weil dann schon mehr Klopapier-Hamsterer gestorben wären als Coronavirus-Infizierte. Vielleicht kann das Thema einmal Herr Drosten, ich meine den Professor, in seinem Podcast aufgreifen.

Wie auch immer: Die Weggucker scheinen auf Nummer sicher zu gehen. Ihnen sei daher empfohlen, nicht nur Mund- und Nasenschutz zu tragen, sondern sich auch so eine riesengroße OP-Brille zu besorgen, wie man sie von Fotos der Ärzte in den schwer betroffenen Krisengebieten kennt, wo das fiese Virus sein Unwesen treibt.

Natürlich ist es auch möglich, dass das Weggucken in Wahrheit ein Ausdruck innerer Stärke ist. Vielleicht sind die Weggucker ein Produkt eines Ratgebers der Marke: "Sei ganz du selbst, dann wirst du das ewige Glück finden": Oder: "Öffne dein inneres Auge, dann sieht die Welt nicht mehr so elend aus". Aber das weiß ich nicht.

Die Weggucker haben Brüder und Schwestern im Geiste: Es handelt sich um die Ausweicher, in der Fachwelt auch Zurseitegeher oder Beiseitespringer genannt. Sie bewegen sich ganz schnell zum Gehwegrand, sobald ihnen irgendwer entgegen kommt, auch wenn er kein Gewehr in der Hand trägt. Nur ja keine Begegnung riskieren, sich bloß keiner Gefahr aussetzen, vom fiesen Virus angefallen und erledigt zu werden. Ich habe auch schon Exemplare einer Kreuzung aus Weggucker und Ausweicher beobachtet. Aber dazu schreibe ich vielleicht ein anderes Mal.

Generell ist mir diese Form übertriebenen Social Distancing suspekt. Ich halte sie für falsch und traurig. Denn gerade in Zeiten wie diesen sollten wir uns doch ALLE freundlich begegnen, anlachen und signalisieren: Dieser Albtraum wird vergehen! Weggucker und Ausweicher, bleibt tapfer und lasst euch nicht unterkriegen!

Kürzlich sagte ich zu einer Verkäuferin im Supermarkt: „Danke, dass Sie diesen Job machen!“ Sie lächelte. Ein Weggucker hätte das Lächeln gar nicht gesehen. Er hätte sich einer Chance beraubt, für zwei oder sogar drei Sekunden seine Angst zu vergessen. Wie schade.

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Igor Strawinsky - "Le Sacre du Printemps"

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.