Panorama

Isolierung fast nicht möglich Südafrika versucht den Lockdown

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Zu Hause bleiben ist nun auch in Kapstadt das Gebot der Stunde.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es dauerte eine Weile, bis das Coronavirus auch in Afrika angekommen war. Aber nun steigen die Ansteckungszahlen rasant. Südafrika ordnet den Lockdown an. Doch in einem Land, in dem vor allem die Ärmeren dicht gedrängt leben, ist soziale Distanz kaum möglich.

Um Mitternacht beginnt in Südafrika ein nationaler "Lockdown", eine weitreichende Ausgangssperre. Die führende Wirtschaftsnation Afrikas folgt - wie viele andere afrikanische Staaten - dem Beispiel europäischer und asiatischer Nationen. So soll die rasante Verbreitung des Coronavirus im eigenen Land aufgehalten werden. Der Plan ist gut und angemessen, das zeigen die weltweiten Erfahrungen. Die Durchführung in Afrika ist jedoch eine wesentlich größere Herausforderung.

Momentan verdoppelt sich die Zahl der registrierten Infektionsfälle in Südafrika alle zwei Tage. Für vorerst drei Wochen werden alle nicht lebensnotwendigen Läden geschlossen, lokale Behörden sind nur noch online erreichbar, Ansammlungen von Gruppen verboten. Die Bevölkerung soll zu Hause bleiben.

Die deutsche Botschaft rät allen deutschen Touristen, die sich noch in Südafrika aufhalten, in ihren Hotels zu bleiben, bis sie einen bestätigten Rückflug haben. Denn ab Donnerstagabend werden auch alle kommerziellen Flüge von und nach Südafrika eingestellt. "Wir sind bereits in Gesprächen mit der südafrikanischen Regierung", schreibt der deutsche Botschafter in Südafrika, Martin Schäfer, in einem sogenannten Landsleutebrief. "Es ist unser Ziel, dass sie so baldmöglichst nach Hause zurückkehren können. Aber ich muss Ihnen auch ehrlich sagen: Stellen Sie sich darauf ein, dass das dauern dürfte."

Enge in den Townships

Mit über 700 Infizierten bei steigender Tendenz verzeichnet Südafrika die meisten Covid-19-Infektionen auf dem afrikanischen Kontinent. Inzwischen sind auch mindestens 3 Ärzte infiziert. 2 Patienten liegen auf der Intensivstation. "Wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir diese Zahlen interpretieren", sagt der Vakzinologe Professor Shabir Madhi von der Witswatersrand-Universität in Johannesburg. "Unsere Testmethoden geben ein verzerrtes Bild wieder. Unser Wissen über die wirkliche Verbreitung des Virus in Südafrika ist limitiert." Madhis Sorge ist begründet. Bisher wurden in Südafrika vornehmlich Menschen getestet, die sich zuvor in von Corona betroffenen Ländern aufhielten. Deren Kontakte wurden natürlich recherchiert und getestet - soweit es ging. Doch längst finden lokale Infektionen statt - und sporadische. Das sind Fälle, bei denen kein Kontakt zu einer bekannten Infektionsquelle nachgewiesen werden kann.

"Wir haben keine Ahnung wie viele Menschen sich bisher in verschiedenen Armenvierteln des Landes infiziert haben", so Madhi. Denn in den Townships wurde bisher nicht systematisch getestet, das bereitet den Verantwortlichen große Sorgen. Der Druck auf das öffentliche Gesundheitssystem wäre riesig, würde sich das neuartige Coronavirus in den Townships ausbreiten, wo jeder auf die ohnehin ausgelasteten, schlecht ausgestatteten kleinen Kliniken angewiesen ist.

Mit dem Lockdown will die Regierung die Handbremse eines Autos ziehen, dessen Untersatz scheinbar unaufhaltsam trotzdem mit Vollgas weiterfährt. Südafrika braucht mehr als eine Bremse. Das Land braucht starke Barrikaden. Eine Ausgangssperre allein ist nicht genug. "Social distancing" und "Selbst-Quarantäne" sind effektive Werkzeuge in einer Gesellschaft, in der sich Menschen in ihre eigenen vier Wände zurückziehen können. In Südafrika ist das für den Großteil der Bevölkerung ein Luxus. "Die Realität in Südafrikas Townships ist: Es leben zwischen 10 und 15 Menschen in einer Parzelle", so Professor Madhis.

Selbstisolation nur für Reiche

Der Wissenschaftler ist auch Co-Direktor des Konsortiums "Alive", einem Zusammenschluss afrikanischer Vakzinologen. Er kennt den Verlauf anderer Viruserkrankungen in Afrika nur zu gut. "Es ist unmöglich, Menschen unter diesen Lebensbedingungen isolieren. Auch Selbstquarantäne zu Hause ist oft keine Option."

Deshalb organisiert die südafrikanische Regierung derzeit zusätzlich zur Ausgangssperre mit Hochdruck Hotels, Hallen, Schulen, Veranstaltungsräume. Dort sollen Verdachts- und bestätigte Fälle untergebracht werden, die zu Hause mit anderen auf engstem Raum leben. So sollen weitere Infektionen verhindert werden. Selbstisolation und Quarantäne zu Hause geht in Südafrika nur für die wirtschaftlich Bessergestellten. Die Armen müssen in Sammelunterkünfte. "Bisher haben wir landesweit 52 Standorte für Quarantänezwecke zugelassen", erklärt die Ministerin für Öffentliche Anlagen, Patricia de Lille. "Das Gesundheitsministerium muss sie jetzt noch genehmigen." "Wir müssen jetzt innovativ sein und in Südafrika einen ganz anderen Ansatz verfolgen als in wirtschaftlich besser gestellten Ländern", so Madhi.

Er ist trotzdem optimistisch, dass die dreiwöchige Ausgangssperre Wirkung zeigen wird. "Wenn nach ihrer Aufhebung die Infektionszahlen wieder ansteigen, sind wir natürlich wieder am Punkt null. Aber hoffentlich haben wir bis dahin andere notwendige Maßnahmen organisiert, die jetzt noch fehlen." Eine Möglichkeit wären breitflächige Covid-19-Tests, um ein realistisches Bild der Lage zu bekommen.

Es ist eine organisatorische Mammutaufgabe, so viel Logistik wie möglich noch vor Beginn der Ausgangssperre am Freitag auf die Beine zu stellen. Denn auch Beamte werden größtenteils zu Hause bleiben müssen. Damit ist die Handlungsfähigkeit des Staates eingeschränkt. Auch deshalb hat Präsident Cyril Ramaphosa den Lockdown nicht mit sofortiger Wirkung verhängt, sondern drei Tage vorher angekündigt. Das hat auch eine nicht unwesentliche Schattenseite. Viele Südafrikaner haben die vergangenen drei Tage genutzt, um zu ihren Familien in ländlichen Regionen zu reisen, eng aneinandergedrängt in Minibussen. Die Betuchteren sind in ihre Ferienhäuser in entlegenen Orten gefahren oder haben eine Unterkunft angemietet. Die vielen nicht getesteten Reisenden haben somit in den vergangenen drei Tagen das Virus potenziell auch in die entlegenen Ecken des Landes gebracht.

Quelle: ntv.de