Kooperation mit der RegierungTaliban ermöglichen Öffnung staatlicher Schule

Früher gehörten Schulen und Lehrkräfte zu ihren Angriffszielen - jetzt ermöglichen die Taliban erstmals die Inbetriebnahme einer staatlichen Schule in ihrem Herrschaftsgebiet. Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit macht das möglich.
Kinder im Bezirk Baghran der südafghanischen Unruheprovinz Helmand können wieder zur Schule gehen. Das bestätigten mehrere Behördenvertreter sowie der Sprecher der Taliban, Sabiullah Mudschahid. Der Bezirk steht seit mehr als zwei Jahrzehnten praktisch durchgehend unter Kontrolle der radikalislamischen Taliban.
Die Regierung habe mit den Taliban eine Vereinbarung erzielen können, eine Schule zu eröffnen, sagte der Bildungsverantwortliche der Provinz, Dawud Safari. Dorfälteste hätten dies vermittelt. In dem Bezirk wohnen nach Angaben der Statistikbehörde rund 106.000 Menschen.
Bereits unter dem Präsidenten Mohammed Daud Khan, der von 1973 bis 1978 an der Macht war, war in dem Bezirk ein Schulgebäude errichtet worden. Allerdings war der Widerstand gegen säkulare Bildung in ländlichen Gebieten damals groß und der Staat zögerte, sie durchzusetzen. Die Schule wurde nie in Betrieb genommen. Nun würden 200 Jungen von vier Lehrern unterrichtet, sagte Safari. Die Löhne für die Lehrer, die von der Regierung vorgeschlagen und von den Taliban bestätigt wurden, bezahle die Regierung. Letztere habe Hoffnung, bald weitere 14 Schulen in dem Bezirk öffnen zu können.
Kooperation zwischen Taliban und Regierung kommt gut an
Laut Mudschahid arbeiten die Taliban in Provinzen wie Helmand, Kandahar und Urusgan mit staatlichen Behörden am Aufbau des Bildungssystems. "Wir sind bereit, im nationalen Interesse Afghanistans weitere Schulen zu öffnen", sagte er. Insgesamt seien 70 Prozent der staatlichen Schulen in Helmand in Gebieten unter Taliban-Kontrolle, darunter mehrere Mädchenschulen, sagte Safari. Mehr als 80 Schulen und Ausbildungszentren für Lehrer in der Provinz seien weiterhin seit Jahren geschlossen.
Im Bildungsbereich gibt es immer wieder Zusammenarbeit der Taliban mit staatlichen Stellen, die sie eigentlich bekämpfen. Einer Studie der britischen Denkfabrik Overseas Development Institute zum Leben unter Taliban-Herrschaft zufolge kommt dies gut an. "Trotz offensichtlicher Nachteile und Einschränkungen war die Mehrheit der Befragten der Ansicht, dass die Taliban das staatliche Bildungssystem verbessert hätten", heißt es in der Studie. Die Taliban würden freilich davon profitieren, dass viele Schulen unter massiver Korruption und schlechter Führung leiden würden, heißt es in der Studie. Oft tauchen Lehrer demnach einfach nicht auf, es werden informelle Gebühren eingenommen und eigentlich kostenlose Schulbücher verkauft. Allerdings streichen die Taliban etwa die Verfassung und Rechtsbücher aus ihren Lehrplänen.
In der Vergangenheit hatten Taliban Schulen und Lehrer angegriffen und Mädchenbildung massiv eingeschränkt. Nach einem Bericht der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef vom Juni gehen 3,7 Millionen Kinder in Afghanistan nicht zur Schule, darunter 2,2 Millionen Mädchen. Trotz massiver internationaler Hilfsbemühungen hat knapp die Hälfte aller Kinder zwischen 7 und 17 Jahren keinen Zugang zu Bildung.