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Sonntag, 16. September 2018

Festnahmen im Hambacher Forst: Tausende demonstrieren gegen Rodung

Während Umweltaktivisten aus ganz Deutschland gegen die Rodung des Hambacher Forstes demonstrieren, nimmt die Polizei weitere Waldbesetzer fest. Laut Gewerkschaft bringt der Großeinsatz die Beamten inzwischen an die "Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit".

Demonstrationen von mehreren tausend Umweltschützern und ein spektakuläres Versteck von Braunkohlegegnern tief unter der Erde haben die Räumung des Hambacher Forstes nicht stoppen können. Nach Polizeiangaben wurden Dutzende Braunkohlegegner vorübergehend fest- oder in Gewahrsam genommen. Viele kamen aber wieder auf freien Fuß. Zudem seien 62 Platzverweise erteilt und neun Menschen leicht verletzt worden. In einem Baumhaus betonierten mehrere Umweltschützer ihre Hände ein.

Am vierten Tag der Räumaktion stieß die Polizei erneut auf Widerstand der Umweltaktivisten. Die Umweltschützer aus zahlreichen Regionen demonstrieren gegen die geplante Rodung des uralten Waldes westlich von Köln und fordern einen schnellen Ausstieg aus der Kohleverstromung. Die Polizei meldete mehr als 2000 Demonstranten. Die verschiedenen Aktivistengruppen sprachen von 5000 bis zu 9000 Teilnehmern.

Der Wald, in dem Einsatzkräfte weiter Baumhäuser der Umweltaktivisten räumten, wurde von der Polizei abgesperrt. Die Demonstranten liefen über Äcker und Wege am Rande des Forstes. Einige trugen junge Bäume mit sich, die sie in bereits gerodetem Gebiet anpflanzen wollten. Der Energiekonzern RWE will im Herbst weite Teile des Hambacher Forstes abholzen, um weiter Braunkohle baggern zu können. Der Wald gilt als Symbol des Widerstands gegen die Kohle und die damit verbundene Klimabelastung.

Nach einem stundenlangen Einsatz drang die Grubenwehr Herne zu zwei in einem selbstgebauten Schacht verschanzten Aktivisten vor. Die beiden Männer hätten den instabilen und einsturzgefährdeten Schacht schließlich nach einem Appell des Notarztes freiwillig verlassen, sagte ein Sprecher der Feuerwehr Kerpen. In dem elf Meter tiefen Schacht mit zwei Kammern sei eine lebensbedrohlich hohe Kohlenstoffdioxid-Konzentration gemessen worden. Rettungskräfte hatten am Vortag damit begonnen, Luft in den Schacht zu pumpen. Beide Aktivisten wurden medizinisch versorgt. Sie hatten laut Feuerwehr drei Tage in den unterirdischen Kammern ausgeharrt und Vorräte bei sich gehabt.

Betrieb des Braunkohlekraftwerks behindert

Die Polizei beendete nach mehreren Stunden die Blockade von Baggern und zwei Förderbändern im Braunkohlekraftwerk Niederaußem in der Nähe des Hambacher Forstes. Der Betrieb des Kraftwerks wurde durch die Aktion der Braunkohlegegner zeitweise behindert. 

Seit Beginn des Einsatzes am 13. September seien etwa 18 Behausungen geräumt und teilweise beseitigt worden, sagte eine Sprecherin der Polizei Aachen. Erschwert wurde die Räumung dadurch, dass sich erneut Aktivisten angekettet hatten.

Der Einsatz im Hambacher Forst bringe die Polizei insgesamt "an die Grenzen ihrer Belastbarkeit", erklärte die Deutsche Polizeigewerkschaft. "Dabei schieben wir bereits Millionen Überstunden vor uns her", sagte der Landesvorsitzende Erich Rettinghaus. Andere polizeiliche Aufgaben müssen derzeit in allen Bereichen zwangsläufig vernachlässigt werden. Die Gewerkschaft warf den Umweltaktivisten vor, ihr eigenes Leben und das der Einsatzkräfte aufs Spiel zu setzen. Die Polizei kritisierte auch das "entwürdigende Verrichten der Notdurft" über den einschreitenden Polizisten.

Unterdessen richteten sich die Hoffnungen der Hambach-Aktivisten auf die Kohlekommission in Berlin. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte den sofortigen Stopp der Räumungsaktion. Die Landesregierung solle zunächst die Ergebnisse der Kohlekommission abwarten, die bis Ende des Jahres einen Pfad für den Ausstieg aus der Kohleverstromung festlegen soll, sagte Martin Kaiser, Greenpeace-Geschäftsführer und Mitglied der Kohlekommission, in Kerpen. "Vielleicht muss der Hambacher Forst dann gar nicht mehr gerodet werden." Offiziell hat die Kommission nach eigenen Angaben kein Mandat für den Wald.

Quelle: n-tv.de