Panorama

Sklavenarbeit in Europa Tomaten ohne schalen Beigeschmack

Sfruttazero

Bei "Sfruttazero" bekommt jedes Produkt ein Gesicht.

(Foto: Sfruttazero)

Einst arbeiteten Italiener auf Apuliens Tomaten- und Auberginenfeldern für einen Hungerlohn und lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Heute sind es Afrikaner. Die Käufer merken davon nichts. Das soll sich ändern.

Nardò ist ein reizvoller Ort in der süditalienischen Region Apulien, mit schönen Barockbauten, einen Katzensprung von den Stränden und dem blauen Meer des Salento entfernt. Nardò liegt im sogenannten "Tacco", dem Stiefelabsatz Apuliens. Rundherum Ackerland. Der Ort zählt gerade einmal 31.500 Einwohner, verfügt aber über viele landwirtschaftliche Betriebe. An der lokalen Produktion von Gemüse, allen voran Tomaten und Auberginen, erfreut sich auch der Tourist, der die apulische Küche besonders schätzt. Alles perfekt also, wäre da nicht ein Haken. Die Felder um Nardò sind schon seit Jahrzehnten dafür berüchtigt, ein "Feudo" des "Caporalato", ein Großrevier für die Ausbeutung der Landarbeiter zu sein.

Das "Caporalato" ist eine seit über einem Jahrhundert verbreitete Plage. Im Süden ist sie besonders gravierend, doch auch Nord- und Mittelitalien, Regionen wie die Emilia Romagna der Veneto und das Latium sind davon betroffen. Caporalato bedeutet Ausbeutung der Landarbeiter. Früher waren es Einheimische, heute sind es vorwiegend Afrikaner. Bei Morgengrauen werden sie vom Caporale, dem Mittelsmann zwischen ihnen und dem Landbesitzer, in Wagen gepfercht und auf die Felder gebracht. Am Abend werden sie dann wieder abgeholt und bei ihren Baracken abgeladen. Der Arbeitstag auf dem Feld kann bis zu 12 Stunden lang sein, auch wenn er laut Vertrag 6 Stunden nicht überschreiten dürfte. Vorausgesetzt, die Arbeiter haben überhaupt einen Vertrag.

Der Lohn ist miserabel, Überstunden werden meistens nicht bezahlt und geschlafen wird, wie die Medien immer wieder dokumentieren, in Unterkünften, die oft nicht einmal über einen Wasser- und Stromanschluss verfügen. Wie viele Menschen unter diesen Arbeitsbedingungen zu leiden haben, ist schwer zu sagen. Laut einer Studie von Oxfam Italia, die diesen Sommer veröffentlicht wurde, sind es mehr als 400.000.

Europas erste Verurteilung wegen Sklaverei

AngeloRosaMusse.jpg

Angelo Cleopaz, Rosa Vaglio und Musse (v.l.) auf den "fairen Feldern".

(Foto: A. Affaticati)

Der Caporalato gehört zwar zu den ältesten Plagen Italiens, doch erst im Oktober 2016 wurde ein Gesetz zur Bekämpfung verabschiedet. Jetzt drohen dem Arbeitgeber und dem Caporale bis zu sechs Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 2000 Euro für jeden einzelnen ausgenutzten Arbeiter. Trotzdem hat sich noch nichts geändert, wie man im August erfahren konnte, als an einem Abend in der Nähe der apulischen Stadt Foggia ein Lieferwagen mit einem Lkw zusammenprallte. Mit dem Lieferwagen kehrten gerade Arbeiter in ihre Baracken zurück, sie waren im Laderaum zusammengepfercht. 12 Männer kamen bei dem Unfall ums Leben. Alles afrikanische Migranten, die über eine ordnungsgemäße Aufenthaltsgenehmigung verfügten. Eine Woche davor waren in derselben Gegend, auch bei einem Verkehrsunfall, vier Arbeiter gestorben.

"2017 wurden zum ersten Mal nicht nur in Italien, sondern in Europa, Urteile wegen der Straftat der Sklaverei ausgesprochen. Unter den Verurteilten waren auch Landbesitzer aus Nardò", unterstreicht Angelo Cleopaz, stellvertretender Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins "Sfruttazero" (deutsch: null Ausbeutung).

Das Treffen mit Cleopaz, Rosa Vaglio, der Vorsitzenden des Vereins, und Musse, einem aus dem Sudan stammenden Landarbeiter, findet an einem Septembermorgen in einem Cafè auf dem Hauptplatz von Nardò statt. "Gegründet haben wir den Verein 2015", erzählt Vaglio. "Hier in Nardò gab es bis vor ein paar Jahren eines der größten Landarbeiter-Gettos Italiens. Das erklärt auch, warum hier der erste Aufstand der afrikanischen Landarbeiter gegen die Caporali organisiert wurde." Es waren die Arbeiter des Unternehmens Masseria Boncuri, die 2011 einen Monat lang gegen die unmenschlichen Arbeits- und Wohnbedingungen streikten. Darauf hin sahen sich Staatsanwaltschaft und Sicherheitskräfte dazu genötigt, endlich Ermittlungen aufzunehmen.

Es sind aber nicht nur Italiener, die sich der Versklavung schuldig machen. Als Mittelsmänner, Caporali, dienen oft Afrikaner. "Ich habe auch unter denen gearbeitet", erzählt Musse, der seit fünf Jahren in Italien ist und 2014 Rosa und Angelo kennengelernt hat. Dank ihnen hat er Italienisch gelernt - "denn ohne Sprachkenntnisse bist du nichts" - und auch eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. "Wir haben manchmal von Morgengrauen bis in die Nacht hinein gearbeitet, denn die Lkws sollten die Tomaten so schnell wie möglich zur Verarbeitung nach Norditalien bringen", erinnert sich Musse.

Faire Preise ermöglichen fairen Lohn

"Sfruttazero" kämpft nicht nur gegen die Ausbeutung, sondern auch für faire Entlohnung. Denn wer fragt sich eigentlich, wenn er eine Dose geschälte Tomaten für 90 Cent kauft, wie viel der Landarbeiter dabei verdient? Seit ein paar Jahren bewirtschaftet der Verband deshalb ein zwei Hektar großes gepachtetes Feld, das zum Großteil mit Tomaten bebaut wird. Die Verarbeitung und der Vertrieb erfolgen in Eigenregie. Auf jedem der über das Netz "Fuori Mercato" (außerhalb des Marktes) verkauften Gläser steht detailliert, wie viel jeder, der an der Produktionskette beteiligt ist, vom Verkaufspreis - 2,80 Euro für knappe 500 Milliliter -bekommt: 45 Prozent gehen an die Landarbeiter, 33 Prozent an die Verarbeitung, 12 Prozent an die Logistik, 8 Prozent an die Verwaltung, 2 Prozent an den Hilfsfonds. "Dieses Jahr konnten wir 19 Landarbeitern einen geregelten Saisonvertrag anbieten." Also "freien Bauern", wie man auf den Etiketten lesen kann, auf denen auch die Gesichter der Arbeiter abgebildet sind.

Rosa, Angelo und Musse und die anderen Mitglieder von "Sfruttazero" sind sich bewusst, nicht mehr als ein Sandkörnchen in einem System zu sein, dessen Regeln von den Riesen der Lebensmittelbranche bestimmt werden. Deswegen hat man sich mit "Fuori Mercato" vernetzt. "Am Anfang diente das Netzwerk nebst der Vermarktung der Produkte vornehmlich dazu, um Erfahrungen auszutauschen", erklärt Gigi Malabarba von "Fuori Mercato". "Jetzt brauchen wir eine Struktur, wir müssen uns organisieren." Und zwar europaweit. Deswegen bereitet "Fuori Mercato" ein internationales Treffen vor, das im April 2019 in Mailand stattfinden soll. Damit die Wirtschaft ein bisschen solidarischer wird.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema