Vier Jahre Putin aushaltenUkrainer sind nicht einfach resilient - ihnen bleibt nichts anderes übrig
Von Sabine Oelmann 
Wir stehen mal wieder auf unseren Balkonen: Dieses Mal beklatschen wir keine Pflegekräfte, sondern die Ukrainer. Dafür, dass sie so "resilient" sind. Dabei bleibt den Menschen in der Ukraine schließlich nichts anderes übrig, als um ihr Überleben zu kämpfen und stark zu sein. Eine angeborene Superpower haben sie deswegen leider noch lange nicht.
Sie werden bewundert, zu Recht: Ukrainer halten den Angriffen des unmenschlichen Aggressors Putin seit vier Jahren stand. Viele sagen, dass sie dem brutalen Machthaber Russlands schon viel länger standhalten, nämlich seit 2014, seit der Annektierung der Krim. Der Rest der Welt ist jedenfalls überrascht und voll des Lobes ob der Resilienz der Ukrainer.
Rechtfertigung zum Zögern
Unter Wissenschaftlern, vor allem in der Ukraine selbst, stößt der Begriff Resilienz laut Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien jedoch auf Kritik: Einige argumentieren, dass die Fokussierung auf Resilienz die seit langem bestehenden, strukturellen Probleme des Landes, die durch den Krieg noch verschärft wurden, ignoriert. Andere kritisieren die politische Verwendung des Begriffs: Sie sehen darin die Gefahr, dass Ukrainerinnen und Ukrainer, sowohl an der Front als auch die Zivilbevölkerung, als Übermenschen dargestellt werden.
Dieses Bild blende ihre Verletzlichkeit aus und trage dazu bei, die zögerliche Unterstützung der Ukraine zu rechtfertigen. Zudem lenke dieser Umgang mit dem Begriff Resilienz vom genozidalen Charakter des Krieges ab: Die Menschen in der Ukraine haben überhaupt keine andere Wahl, als resilient zu sein. Sie müssen es sein, um zu überleben.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihren alten, kranken, bettlägerigen Vater bei minus 20 Grad draußen und drei Grad plus Raumtemperatur pflegen? Sie müssten ihr Baby wickeln? Stellen Sie sich vor, Ihre Freundin ist verletzt? Kann sich nicht bewegen, um sich warm zu halten. Viele Ukrainer werden das überleben, weil sie jung und gesund sind. Aber die Alten? Die Schwachen? Die Kranken? Wie soll ein Arzt eine Operation durchführen, wenn seine Finger gefroren sind? Wie soll eine Juristin Verbrecher verurteilen, wenn sie vor Kälte kaum denken kann? Wie resilient sind Kleinkinder, wenn sie müde, hungrig und erkältet sind, Fieber haben? DER Ukrainer per se ist nicht einfach resilient, er kann nicht anders. Und wenn wir den Ukrainern jetzt langsam mal wirklich helfen wollen, dann müssten wir in die - warmen - Puschen kommen.
Differenzierung, bitte
Ist "Resilienz" also zu einem Modewort geworden ist, das mehr schadet als nützt? Es bedarf auf jeden Fall einer differenzierteren Perspektive. Resilienz beschreibt nicht den Zustand selbst, sondern die Bewältigung einer Krise. Wichtig ist, dass dabei ein klar definierter Kern eines Systems erhalten bleibt, auch wenn es sich unter Druck anpasst und verändert. Dieser Krieg, der gegen die Ukraine geführt wird, ist ein Krieg der modernsten Techniken, denn gezielt werden Menschen mit Drohnen in ihren Wohnungen bombardiert, die Infrastruktur zerstört, die Bevölkerung in Kälte und Dunkelheit gelassen.
Dieser Krieg wird aber auch psychologisch geführt, zum Beispiel, indem Kinder entführt werden, um sie zu russifizieren, um sie gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen zu lassen. Menschen leben in der Dunkelheit, Kinder werden in Kellern und U-Bahn-Schächten unterrichtet, oft ist kein Tageslicht mehr im Spiel. Die Folgen für die Psyche und die Gesundheit sind noch nicht messbar, werden aber fatal sein.
Wenn eine Gesellschaft in einer Krise jedoch ihren Kern bewahrt, dann zeigt sich ihre Resilienz: Tatsächlich hat die Ukraine verschiedene Strategien entwickelt, um Krisen zu bewältigen. Das fängt an mit Datenbanken und Zentren für Vertriebene, die weiterhin öffentliche Dienstleistungen erbringen können. Solche und andere klaren Indikatoren helfen dabei, die Bedingungen und Grenzen der Resilienz zu definieren. Resilienz ist also weder eine gegebene Fähigkeit noch ein leeres Modewort.
"Das können nur Russen machen"
Während die Menschen in den anderen Ländern Europas sich also auf Ferien vorbereiten, ihre Raten für das Eigentumshäuschen abbezahlen oder sich Gedanken darüber machen, ob sie den Job wechseln, heiraten sollten oder nicht, verteidigen die Ukrainer - wie in den "Asterix und Obelix"-Bänden das altbekannte gallische Dorf - unsere Freiheit. Weil ihnen nichts anderes übrigbleibt. Gegen die Allmachtsfantasien des russischen Aggressors, von dem Wladimir Klitschko sagt, dass es nicht allein Putin ist, der diese Angriffe steuert. "Es ist ein ganzes Volk, das da mitmacht", sagte er im Gespräch mit ntv.de vor kurzem.
Klitschko weiter: “Der Krieg müsste sofort gestoppt werden. Aber wer spürt den Krieg wirklich, also hier, in Deutschland? Er findet in den Medien statt. Hat sich dein Leben verändert, weil Krieg ist? Nicht wirklich, oder?“ Und nicht nur der ehemalige Box-Champion ist dieser Meinung, auch Mette Frederiksen, die dänische Ministerpräsidentin, hat das im Rahmen der Gespräche der Münchener Sicherheitskonferenz gesagt: "Können Sie sich das vorstellen? Es sind minus 25 Grad Celsius und jemand greift die Energieversorgung deines Landes an? Es ist so verrückt, das können nur Russen machen. Aber so sind die Russen eben, und sie werden sich nicht ändern."
Viele haben am 24. Februar 2022 nicht damit gerechnet, dass dieser Krieg beginnt. Als er begonnen hatte, haben die meisten gedacht, dass er bald vorbei ist. Viele habe auch gedacht, dass die Ukrainer den russischen Angriffen nicht standhalten können. Und doch tun sie es. Seit vier Jahren dauert dieser Krieg nun an, an dem der Rest Europas, wenn überhaupt, auf eine distanzierte Art und Weise teilnimmt. Natürlich gibt es noch immer Hilfsaktionen und Akteure, aber ganz ehrlich: Am Anfang war mehr Lametta, da war die Hilfsbereitschaft groß. Noch einmal Waldimir Klitschko im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz: "Irgendwann wird man müde. Dann will man weitermachen mit seinem normalen Leben. Das ist verständlich."
Ist es verständlich?
Auch die Soldatin Olya Yehorova fand verständnisvolle Worte im Gespräch mit den deutschen Medien: "Ich muss wieder an die Front, bis es zu Ende ist. Wir verteidigen die Ukraine und Europa, bis der Krieg vorbei ist." Und die Regisseurin Masha Kondokova sagte: "Natürlich wird man kriegsmüde. Wir nehmen das niemandem übel."
All diese Aussagen setzen eine Größe und Stärke voraus, die die zitierten Personen ganz einfach haben. Resilient ist man deswegen nicht automatisch. Wer ständig bedroht wird, verteidigt sich. Wer in der Kälte lebt, zieht sich warm an. Wer im Dunkeln lernt, zündet Kerzen an. Wer kein Zuhause mehr hat, sucht sich ein Neues. Wer stark bleiben muss, geht ins Gym oder joggt oder tanzt. Wer weiterleben will, geht zur Arbeit, singt seinen Kindern Lieder vor oder geht ins Untergrund-Theater. Dass dieser Lebenswille mit einer Art Superpower und dem schlichten Wort "Resilienz" bezeichnet wird, wird der Sache, dem Kampf ums Überleben, bei weitem nicht gerecht.
Gehen wir ein Land weiter, in Richtung Osten, nach Polen: Dort ist man weitaus weniger entspannt, denn zwischen Polen und der Ukraine gibt es keine Puffer, es gibt Irrläufer und Drohnen, die über unserem Nachbarland kreisen, "versehentlich" landen. Vielleicht fragen wir auch bei den Balten und Finnen mal nach, wie resilient sie sind. Fest steht - sie bereiten sich darauf vor, dass sie angegriffen werden könnten. Oder, wie Wladimir Klitscho es formuliert: "Du willst in Frieden leben - dann musst du auf den Krieg vorbereitet sein."