Panorama

Angebliche Impf-Unfruchtbarkeit "Die Mär hat die breite bürgerliche Mitte erfasst"

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Das RKI empfiehlt die Impfung ausdrücklich auch Frauen mit Kinderwunsch.

(Foto: picture alliance / Marcus Brandt/dpa/Symbolbild)

Die Behauptung, die Corona-Impfung mache Frauen unfruchtbar, hält sich hartnäckig - entgegen mancher Behauptung nicht nur unter Muslimen. Gebildete akademische Kreise verweisen auf eine Datenbank in den USA. Doch auch die liefert keinen stichhaltigen Beweis für die steile These.

Geduldig sprach Jens Spahn mit seinen Gegenübern. Als es ihm zu viel der unsinnigen und verschrobenen Aussagen einiger Querdenker und Impfgegner wurde, platzte ihm aber der Kragen. "Herrgott Leute, bleiben wir doch bei der Wahrheit", rief der damalige Gesundheitsminister am Rande einer CDU-Veranstaltung in Rheinland-Pfalz zwei Wochen vor der Bundestagswahl. "Wann akzeptieren Sie endlich: All das, was da den ganzen Tag behauptet wird, von der Unfruchtbarkeit bis dahin, dass Bill Gates und Jens Spahn Ihnen irgendwelche Chips einpflanzen wollen - nichts davon ist passiert."

Der Appell verhallte. Weder ist die Mär vom eingespritzten Chip aus der Welt noch das Gerücht, die Corona-Schutzimpfung führe dazu, dass Frauen keine Kinder bekommen könnten. Behauptet wird, dass das mRNA-Vakzin die Bildung der Plazenta - ein Organ, das erst in der Schwangerschaft heranwächst - verhindere. Realer Hintergrund ist: Durch die Impfung entwickelt der Körper eine Art Spike-Protein des Coronavirus, das minimale Ähnlichkeit mit dem Protein Syncytin-1 aufweist, das für die Entstehung der Plazenta wichtig ist. Im Internet kursiert die steile These: Werde der Körper immun gegen das Corona-Spike-Protein, werde dabei automatisch Syncytin-1 erfasst und stoppe das Wachstum der Plazenta.

"Weder aus den bisherigen Erfahrungen mit Schwangeren, die an Covid-19 erkrankt sind, noch aus Sicht der Plazentaforschung lässt sich die Behauptung belegen", erklärt Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Uni-Klinik Jena. Seit Jahren werde ein ähnliches Verfahren gegen bestimmte Autoimmunkrankheiten genutzt. Nichts deute bisher auf Schäden für die Plazentaentwicklung. Vor allem aber: Sollte schon die Impfung unfruchtbar machen, müsste es eine Corona-Infektion erst recht tun. Denn dann sei die potenzielle Antikörperbildung deutlich höher und auch schwerer kalkulierbar als nach einer Verabreichung des Vakzins.

Gerücht über Unfruchtbarkeit in sozialen Medien

Unter Frauen wird die Behauptung vor allem über soziale Medien verbreitet. Erzählt wird sie unter Musliminnen und Muslimen, von denen ohnehin viele den Piks ablehnen - manche aus Unsicherheit, ob es religiös, vor allem im Ramadan, erlaubt sei, wobei Islamverbände und -gelehrte erklären, der Koran erlaube die Impfung. Die Religion spielt hier aber offenbar eine untergeordnete Rolle. Die allermeisten reden wie Impfängstliche ohne Migrationshintergrund: Es ist ihnen zu unsicher, sich den Abwehrstoff injizieren zu lassen. Die Behauptungen über die angebliche Unfruchtbarkeit verstärken die Zweifel.

"Das Gerücht hält sich bei uns hartnäckig, vor allem in der muslimisch geprägten Community", sagt Falko Liecke, Stadtrat in Berlin-Neukölln, der Stadtteil, der bundesweit häufig als "der Problembezirk" schlechthin wahrgenommen wird. "Das hat natürlich auch damit zu tun, dass in Neukölln viele Einwanderer leben", sagt der Christdemokrat. Die Mär von der Unfruchtbarkeit werde aber längst nicht nur unter Migranten erzählt. "Sie hat die breite bürgerliche Mitte erfasst. Die Begründungen sind dieselben: Es gibt keine Langzeitstudien über zehn Jahre, alles viel zu unsicher."

Monika Lüke, Chefin der Diakonie in Berlin-Stadtmitte, berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Ihr begegnet das Gerücht privat und beruflich auf verschiedenen Wegen. "Es grassiert in sozialen Netzwerken, auch in solchen, die Migranten nutzen", sagte sie neulich der "Welt". Aber es kursiere auch in der Gesellschaft jenseits der Einwandererszene. Lüke berichtete als Beispiel von einem jungen Mädchen aus bürgerlichen Kreisen, das die Impfung aus Furcht vor Unfruchtbarkeit ablehne. "Auch seine Eltern, übrigens beide Akademiker, haben sich nicht impfen lassen."

Daten über Impfreaktionen und ihre Aussagen

In gebildeten Kreisen wird auf Einträge in der US-Datenbank Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) verwiesen, zu Deutsch "Meldesystem für Impfstoffnebenwirkungen", die für alle offen steht. Jeder kann dort Verdachtsfälle - für sich selbst oder andere - unerwünschter Wirkungen von Vakzinen eintragen. Das Register hat sich bewährt. Schwerwiegende Ereignisse werden dahingehend überprüft, ob sie tatsächlich ursächlich auf den Impfstoff zurückzuführen sind oder es andere Gründe gibt. In sozialen und sogenannten alternativen Medien werden VAERS-Einträge jedoch trotz wissenschaftlicher Überprüfung als Belege für dramatische Impffolgen gedeutet, immer wieder auch missinterpretiert.

Die Datenbank gibt nach Angaben des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF) als Symptome bei Bürgerinnen nach einer Corona-Impfung für das vergangene Jahr 61 Fälle von Unfruchtbarkeit und 1080 Fehlgeburten an. Der BVF weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich um reine Ereignismeldungen handele. "Aus den Daten dieses Melderegisters geht nicht hervor, dass die beobachteten Symptome tatsächlich ursächlich mit der Impfstoffgabe in Verbindung stehen", sagt Verbandspräsident Christian Albring. Gäbe es tatsächlich einen Zusammenhang, müsste die Zahl der aufgeführten Ereignisse um ein Vielfaches höher sein.

"Nicht vergessen werden darf, dass fast ein Drittel aller Schwangerschaften - meist sehr früh - in einer Fehlgeburt endet", erläutert Albring. In den USA seien das weit mehr als eine Million pro Jahr. Würde die Impfung über die natürliche Rate hinaus weitere Fehlgeburten verursachen, müsste die Zahl der Meldungen demzufolge nicht bei 1080, sondern deutlich höher liegen.

Beweise für das Gegenteil

Der Verband definiert Unfruchtbarkeit als das Ausbleiben einer Schwangerschaft länger als ein halbes Jahr trotz Geschlechtsverkehr zum "richtigen" Zeitpunkt. Albring spricht von einem "Phänomen, unter dem sehr viele Paare leiden". In Deutschland werden pro Jahr mehr als 100.000 Paare deswegen in Kinderwunschzentren behandelt. In den USA dürften es dem BVF zufolge mindestens viermal so viele sein, ganz gleich, ob mit oder ohne Impfung. 61-mal eine Meldung zu "Unfruchtbarkeit" nach einer Covid-19-Impfung - auch das wäre viel weniger, als es der tatsächlichen Häufigkeit vergeblicher Kinderwünsche entspreche. Gäbe es einen ursächlichen Zusammenhang, müsste auch diese Statistik vielfach höhere Werte ausweisen.

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"Das Gegenteil dieser Verdächtigungen ist richtig", fasst Albring zusammen. Breit angelegte, gut dokumentierte Untersuchungen, die in wissenschaftlichen Journalen publiziert worden seien, belegten, die Corona-Impfung habe die Zahl der Fehl- und Totgeburten gegenüber ungeimpften Schwangeren nicht erhöht. Indes führten schwere Covid-19-Verläufe gehäuft zu Fehl-, Früh- und Totgeburten. "Denn das Virus attackiert den Körper an vielen Fronten." Gefäße, Geschlechts- und andere Organe sowie die Hormonbildung könnten Schaden nehmen, was "auch die Fruchtbarkeit beeinflussen" könne.

Allerdings kommen derlei wissenschaftliche Befunde in Teilen der Bevölkerung nicht an. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey will daher die Aufklärung forcieren. "Es geht darum, möglichst viele in den Communitys zu erreichen", um Vorbehalte und Falschinformationen zu entkräften, begründet die SPD-Politikerin ihr Vorgehen. Was Liecke verwundert: "Was sie vorschlägt, tun wir seit eineinhalb Jahren." Neukölln setze auf Information, gehe mit interkulturellen Aufklärungsteams zu den Menschen, habe türkisch- und arabisch-stämmige Ärztinnen und Ärzte dazu angehalten, Frauen aufzuklären. "Das Problem ist, dass unter Einwanderern oft eine Spekulation auf Whatsapp mehr zählt als eine Auskunft vom Amt."

Quelle: ntv.de

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