Panorama

Zahnärzte in der Klemme "Unsere Arbeitsgrundlage ist uns entzogen"

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Die Zahnärzte sollen nur noch Akutpatienten behandeln, aber selbst die halten sich an die Abstandsregeln.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zahnarztpraxen sollen für Notfälle geöffnet bleiben, tatsächlich kommt aber so gut wie kein Patient. Denn die empfohlenen Abstandsregelungen sind beim Zahnarzt kaum umsetzbar. Thorsten Nassauer erlebt das in seiner Wiesbadener Praxis jeden Tag und fühlt sich mit seinen Existenzsorgen allein gelassen.

ntv.de: Wann haben Sie den letzten Patienten behandelt?

Thorsten Nassauer: Das war gestern. Es war ein Patient, der mehrere Frontzähne verloren hat und in einer chirurgischen Praxis implantologisch versorgt wurde. Der Mann wollte jetzt nicht länger als unbedingt nötig ohne Frontzähne herumlaufen. Wir haben lange überlegt, ob wir ihn behandeln sollen. Es war eine Behandlung, bei der keine flüssigen Schwebeteilchen in die Luft gelangen. Wir mussten die üblichen Kieferabformungen für die spätere Versorgung der Implantate mit Kronen nehmen. Aber wir hatten ein ungutes Bauchgefühl. Patienten müssen ja gar keine Symptome einer Corona-Infektion haben.

Könnten Sie nicht einfach schließen?

Wir dürfen offiziell unsere Praxis nicht schließen. Es gibt ein Positionspapier von der Bundeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung. Danach sind wir aufgrund der kassenärztlichen Zulassung verpflichtet, die Praxen offen zu halten. Es gibt die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI), der Bundeszahnärztekammer und auch der Landeszahnärztekammern, aufschiebbare Behandlungen auf spätere Zeitpunkte zu verlegen. Aber wir sind weiter verpflichtet, Schmerzpatienten und Notfälle zu behandeln.

Wie viele Akutpatienten hatten Sie in den letzten Tagen?

Keinen einzigen. Übers Jahr gerechnet machen Notfälle und Schmerzpatienten bei uns etwa 20 Prozent aus. Das heißt, uns fehlen jetzt 80 Prozent der Behandlungen, beispielsweise Zahnersatz, Füllungen oder Parodontosebehandlungen und professionelle Zahnreinigungen. Das ist jetzt ja alles aufschiebbar. Damit ist uns die Grundlage unserer Arbeit faktisch entzogen.

Welche Hilfe bräuchten Sie jetzt?

Man hört sehr viel vom Bund und den Ländern, aber bisher gibt es keinen Rettungsschirm für niedergelassene Praxen. Meist geht es nur um die großen Unternehmen, aber nicht um die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Oft ist die Rede von Kreditvergaben. Wir hoffen jetzt auf die Direkthilfen für Kleinunternehmen bis fünf Mitarbeiter. Wir sind hier zwei Ärzte und haben fünf Festangestellte und eine externe Kraft für die Abrechnung. Das könnte passen. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, müssen wir diese Hilfen auch noch versteuern. Das ist alles noch sehr unklar. Die Krankenhäuser sind angehalten, auf alle aufschiebbaren Eingriffe zu verzichten, um die Betten für Corona-Patienten freizuhalten. Die Kliniken bekommen aber dafür auch Kompensationsbeträge. Wir haben im Grunde genommen das gleiche Problem, erhalten aber keine Kompensation. Man kann aber keine Zahnarztpraxis, keine Mund-Kiefer-Gesichtschirurgische Praxis und auch keine andere Facharztpraxis ohne Kompensation weiterlaufen lassen. Die Rücklagen dafür hat wohl kaum eine Praxis.

Über welche Kosten sprechen wir?

Wir haben monatliche laufende Kosten von 15.000 bis 20.000 Euro.

Könnten Sie Kurzarbeitergeld beantragen?

Das haben wir schon gemacht. Das läuft über das Steuerbüro unserer Praxisgemeinschaft. Das ist aber auch nicht so einfach, wie man denken könnte. Wir haben den Antrag ausgefüllt, an den Steuerberater gegeben und er leitet das an die zuständige Arbeitsagentur weiter. Dort bekommt man eine Kontrollnummer und mit dieser Nummer könnte man das Kurzarbeitergeld beantragen. Ob das für Praxen genehmigt wird oder schon genehmigt wurde, weiß ich nicht. Das ändert aber auch an der Situation nichts.

Inwiefern?

Selbst wenn ich den Praxisbetrieb auf 50 Prozent reduziere, kommt ja immer noch kein Patient. Wir sitzen hier momentan zu 99 Prozent umsonst.

Haben Sie aktiv allen Patienten abgesagt?

Wir haben schon sehr früh Patienten befragt zu Symptomen, Reisen in Risikogebiete und eventuellen Kontakt zu Infizierten. Wenn das mit Ja beantwortet wurde, haben wir die Patienten an die Hausärzte und offiziellen Stellen verwiesen und gebeten, nicht mehr in die Praxis zu kommen. Jetzt müssen wir das nicht mehr machen, inzwischen sagen die Patienten selbst alle Termine ab. Das ist ja auch vernünftig.

Wo liegen bei Ihnen die Risiken?

Bei uns ist ja bei fast allen invasiven Tätigkeiten mit Aerosol und Sprühnebel zu rechnen. Das ist meiner Ansicht nach natürlich ein Hochrisiko. Wir hätten noch nicht einmal die entsprechende Schutzbekleidung in Form von FFP2- oder FFP3-Masken et cetera, die wenigstens einen gewissen Schutz bieten würden. Wir bekommen seit Wochen Absagen von allen Lieferanten. Es gibt noch nicht einmal die normalen chirurgischen Masken, die aber auch nicht genug Schutz bieten würden. Sie sind ja nur dazu gedacht, den Patienten vor Keimen des behandelnden Arztes und des Personals zu schützen.

Was tun Sie, wenn ein Notfallpatient käme?

Momentan können wir uns nicht schützen. Wir haben nur noch wenige normale Mundschutzmasken und behelfen uns damit, dass wir die länger tragen. Der Punkt ist aber nicht so sehr die fehlende Schutzbekleidung. Aufgrund der Empfehlungen sagen die Patienten ihre Termine ab. Wenn man diese Empfehlungen ausspricht, muss man diese Konsequenz sehen und die Verluste kompensieren. Ich möchte auch nicht, dass das missverstanden wird. Ich sehe die Bemühungen der Regierung, allen Wirtschaftsbereichen in der Krise helfen zu wollen. Wir hoffen sehr, dass das alle gesund überstehen, die Angestellten und Kollegen in allen niedergelassenen Praxen und natürlich unsere Patienten. Aber das sind ja nicht nur private Ängste, natürlich auch wirtschaftliche. Denn wir wollen ja auch nach der Krise noch als Zahnärzte und Ärzte für unsere Patienten da sein.

Mit Thorsten Nassauer sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de