Panorama

Kritische MedienberichteVenedig vermutet ausländisches Komplott

09.08.2017, 08:23 Uhr
imageVon Andrea Affaticati, Mailand
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Millionen Touristen wollen jedes Jahr Venedig sehen. (Foto: REUTERS)

Kurz nacheinander beklagen die "New York Times", der "Guardian" und der "Economist" die Verwahrlosung Venedigs. Die Stadtverwaltung der Lagunenstadt sieht darin eine gezielte Kampagne der Auslandspresse.

Den Begriff "Nestbeschmutzer" kennen die Italiener nicht, deshalb ist es auch schwer, ihn zu übersetzen. Sie selber schimpfen und quengeln oft und gerne über das eigene Land. Aber wehe, ein Fremder wagt es, sich kritisch zu äußern. Dann ist der italienische Nationalstolz sofort geweckt. Wie jetzt im Fall der Reportage der "New York Times" über Venedig, die vor einigen Tagen erschienen ist.

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In den Souvenirshops dominiert Billigware aus Fernost. (Foto: REUTERS)

Schon das Titelblatt ließ nichts Gutes ahnen. Auf dem großen Foto sah man eine zusammengepferchte Menschenmenge und zwei Mädchen, die sich gerade in Rhythmischer Sportgymnastik üben. Darunter die fettgedruckte Zeile: "Venedig, von Touristen überrannt, riskiert zum 'Disneyland am Meer' zu werden".

Der Beitrag bestätigte dann auch die Vermutung. Die Zeitung beklagt, dass die einzige Musik, die man heutzutage in Venedig vernimmt, das allgegenwärtige Klappern der Kofferräder ist, mit denen Menschen aus aller Welt die Brücken rauf und runter stolpern. Die Stadt sei nur mehr eine einzige endlose Schlange von verschwitzten Touristen, die sich durch die engen Gassen und entlang der Kanäle weiterbewege. Der erste Eindruck für so manchen Besucher sei demnach, in einer Art "Las-Vegas-Venedig" gelandet zu sein. 20 Millionen Besucher zähle die Stadt im Jahr. Von den Einheimischen sei mittlerweile weit und breit nichts mehr zu sehen, dafür gebe es Horden von Touristen, bepackt mit Shoppingtüten voll mit Souvenirs "Made in China".

Internationale Medienkampagne?

Die Entrüstung war groß, zumal die "New York Times" nicht die einzige Zeitung war, die auf die Verwahrlosung Venedigs hinwies. Ein paar Tage zuvor hatten schon die Briten vom "Guardian" und vom "Economist" auf die missliche Lage hingewiesen. Besonders besorgt zeigte sich der "Guardian" über die Riesenkreuzer, die beim Vorbeifahren wie eine Art momentane Sonnenfinsternis alles verdeckten.

Drei negative Berichterstattungen hintereinander, für die Tageszeitung "Il Giornale" war die Sache klar: "Venedig unter Beschuss der Auslandspresse" titelte sie. Noch irritierter zeigte sich die Stadtverwaltung. Für Paola Mar, verantwortlich für das Tourismus-Dezernat der Lagunenstadt, war die Sachlage eindeutig: "Mit dieser internationalen Medienkampagne will man ein negatives Bild von Venedig verbreiten", sagte sie der Lokalzeitung "Il Gazzettino". Ein Komplott also? "Ja, und es ist nicht ausgeschlossen, dass es jemand von hier ist, der den Auslandskorrespondenten die Infos zuspielt." Auch der Vorsitzende des venezianischen Hotelbesitzerverbandes, Vittorio Bonacini, war der Meinung, es handle sich um eine ziemlich schäbige Werbekampagne zulasten der Stadt, um die Verkaufszahlen zu verbessern.

Es ist nicht das erste Mal, dass Venedigs Stadtverwaltung irritiert auf Kritik reagiert. Als 2015 Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau angesichts der Touristenmengen in der katalanischen Stadt bemerkte: "Wir wollen nicht wie Venedig werden", konterte Luigi Brugnaro, Bürgermeister der Lagunenstadt: "Die Bürgermeisterin Ada Colau ist herzlich zu uns eingeladen. Bei dieser Gelegenheit könnten wir ihr die Schönheiten der Stadt zeigen und vielleicht würde sie auch ihre Meinung ändern: Denn Venedig ist lebendig, will es weiter bleiben und die Welt willkommen heißen." Und auch Dario Franceschini, Minister für Bildung und Kultur, bemerkte damals schroff: "Natürlich stellen die extrem vielen Besucher auch ein Problem dar, Barcelona kann aber nur davon träumen, wie Venedig zu sein."

Hässliche Wahrheit

Mittlerweile scheint Franceschini seine Meinung geändert zu haben. Die Regierung erwägt schon seit Längerem, die Zahl der Tagestouristen zu beschränken. "Italien ist nicht nur Architektur", erklärte er neulich. "Hier sind auch Tradition und Handwerk zu Hause, die es zu bewahren heißt." Sprich, statt der Läden mit chinesischem Ramsch müsste man den "botteghe", den kleinen Geschäften mit lokalen Produkten, den Vorrang geben.

Die Mehrheit der wenigen noch in der Stadt lebenden Veneziani pflichtet jedoch dem Artikel der "New York Times" bei. Denn die Bilder und Videos, die "Il Gazzettino" tagtäglich auf die Webseite stellt, werden immer wieder live kommentiert. Vor ein paar Tagen bot sich beispielsweise einem Bootsmann in aller Früh eine wahrlich skurrile Szene. Er wollte an einem Steg am Canal Grande anlegen, doch der war von zwei splitternackten Männern belegt, die dort in aller Seelenruhe schliefen. Ein anderes Video zeigt einen Jungen, der am San Marco Platz einen Kopfsprung ins Wasser macht, während die Eltern ihm applaudieren. In einem weiteren sieht man einen Mann, der zwischen den Gondeln uriniert.

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