Panorama

"Muss ihn noch einmal sehen"Vergewaltigungsopfer Pelicot will ihren Ex-Mann in Haft besuchen

12.02.2026, 19:05 Uhr
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Sie erlaube sich jetzt, wieder glücklich zu sein, sagt Gisèle Pelicot. In einer Reihe von Interviews zu ihrem Buch erklärt sie, wie sie an diesen Punkt gekommen ist - nach all den Vergewaltigungen und dem öffentlichen Prozess gegen ihre Peiniger.

Die Französin Gisèle Pelicot hat erstmals seit ihrem öffentlichen Prozess ein Fernsehinterview gegeben. Im französischen Sender France 5 erzählt sie von ihrem Buch, das kommende Woche erscheint. Darin verarbeitet Pelicot die mehr als 200 Vergewaltigungen durch mindestens 82 Männer, die ihr damaliger Ehemann über fast 10 Jahre hinweg organisierte und filmte. Alles, während Pelicot bewusstlos war.

Pelicot schildert in dem Interview den Moment, in dem sie begriff, was ihr geschehen war. Die 73-Jährige erklärt außerdem, warum sie sich für einen öffentlichen Prozess entschied und wie ihr das geholfen hat, die Lust am Leben zurückzuerlangen. Sie wolle nicht im Schmerz verharren, sagt Pelicot.

Auch deshalb werde sie ihren Ex-Mann im Gefängnis besuchen: "Ich muss Monsieur Pelicot noch einmal sehen", erzählt die 73-Jährige dem "Spiegel" in einem weiteren Interview zu ihrem Buch. Das sei ihre Art, Abschied von ihm zu nehmen. Pelicots Ex-Mann war im Dezember 2024 zu einer Höchststrafe von 20 Jahren verurteilt worden. Sie hoffe, ihn kommenden Herbst besuchen zu können, so Pelicot. Sie habe noch offene Fragen, brauche Antworten - auch für ihre Tochter.

"Wie eine Explosion"

Die Beziehung Pelicots zu ihren Kindern und Enkelkindern litt unter den Vergewaltigungen und zerbrach, als diese bekannt wurden. "Für alle drei Kinder wurde ihr Vater schnell zum Monster", sagt Pelicot dem "Spiegel". Die Kinder hätten den Mann verloren, den sie geliebt hatten. "Wie eine Explosion, die alles mit sich riss", sei das gewesen. Ihre Tochter habe vor lauter Wut das Geschirr in Pelicots Küche zerschlagen. "Was möchtest du von diesem Leben behalten", habe sie gefragt. Auch von Pelicots Tochter gibt es Fotos in den Akten. Sie glaubt, ebenfalls vergewaltigt worden zu sein.

Ihre Kinder könnten nicht verstehen, was sie noch mit ihrem alten Leben verbinde, erzählt Pelicot im Interview mit France 5. Aber sie könne nicht alle Erinnerungen aufgeben. "Es bliebe sonst nichts mehr von mir übrig", so die Französin. Sie wolle die schönen Momente nicht vergessen, die sie mit ihrem damaligen Ehemann verbracht habe. Pelicot sagt dem "Spiegel", sie könne ohnehin nicht vergessen, was geschehen sei. Also versuche sie, etwas daraus zu machen, ihr Leid hinter sich zu lassen, so Pelicot. Das Buch habe ihr dabei geholfen.

Die "New York Times" veröffentlichte am Dienstag ein Video eines Interviews mit Pelicot, in dem die Französin den Moment schildert, der 2020 ihr Leben veränderte. Ein Stapel Akten habe der Kommissar neben sich gehabt, sehr ernst geschaut und gesagt: "Frau Pelicot, was ich Ihnen gleich sage, wird Ihnen nicht gefallen". Ihr Herz habe angefangen zu rasen, so Pelicot.

Der Kommissar habe ein Foto vom Stapel genommen und gefragt: "Erkennen Sie sich auf diesem Foto". Natürlich habe sie sich nicht erkannt, so Pelicot: "Weil ich mit einem Mann zu sehen war, den ich nicht kannte. Ein Mann, der mich vergewaltigte." Sie habe geantwortet: "Das bin ich nicht." Der Beamte habe ihr dann dargelegt: Sie sehe auf dem Foto ihr Zimmer, ihre Lampen stünden neben dem Bett.

Die Polizei hatte Pelicots Haus durchsucht und dort Hunderte Videos beschlagnahmt, die die Vergewaltigungen zeigten. Pelicots Mann befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Haft. "Sie wurden unglaublich oft vergewaltigt", habe der Kommissar gesagt, erinnert sich Pelicot.

"Monsieur Pelicot hat mich vergewaltigt"

Dem "Spiegel" erzählt Pelicot von dem Moment, in dem sie begonnen habe, zu verstehen, was ihr passiert war: Eine Freundin sei zu ihr nach Hause gekommen und habe gefragt, was los sei. Pelicot antwortete demnach: "Monsieur Pelicot hat mich vergewaltigt und hat mich vergewaltigen lassen." Da habe sie das Wort "Vergewaltigung" das erste Mal in den Mund genommen.

Danach brauchte es vier Jahre, bis Pelicot sich entschloss, einen öffentlichen Prozess gegen ihren Mann und die anderen Vergewaltiger zu führen. Ihre Tochter habe sie dazu gedrängt, so Pelicot, aber sie sei lange nicht bereit dafür gewesen. Zu sehr habe sie sich geschämt. Viele Stunden habe sie unter der Dusche verbracht, um "den Schmutz loszuwerden, den diese Männer auf meinem Körper hinterlassen hatten". Bei einem Spaziergang dann habe sie erkannt: Ein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit wäre das größte Geschenk für die Täter.

Pelicot zwang ihre Peiniger, sich vor den Augen der Öffentlichkeit zu verantworten. Sie sorgte dafür, dass alle die Videos zu sehen bekamen, die ihr Ex-Mann von den Vergewaltigungen angefertigt hatte. Pelicot sorgte damit aber auch dafür, dass sie ebenfalls mit ansehen musste, wie Dutzende Männer ihren reglosen Körper malträtierten.

In der Vorbereitung auf den Prozess habe sie sich die Videos angesehen, erzählt Pelicot dem "Spiegel". Sie habe viel geweint und sich dann aber irgendwann gesagt: "So, jetzt ist dies auch erledigt."

Im Prozess habe sie ihre Traurigkeit nicht öffentlich zeigen wollen. Das traf bei der Verhandlung nicht immer auf Verständnis. Pelicot entsprach nicht dem Stereotyp eines Opfers, die Verteidigung nutzte das, unterstellte ihr, einverstanden gewesen zu sein mit ihrer Vergewaltigung. Pelicot sagt, sie sei dennoch froh, einen öffentlichen Prozess geführt zu haben. Sie wäre sonst allein gewesen im Gerichtssaal mit all ihren Vergewaltigern.

"Erlaube mir, wieder glücklich zu sein"

Es sei befreiend gewesen zu sehen, wie sich Menschen mit ihr solidarisierten, so Pelicot. Die jungen Frauen, die Pelicot applaudierten, wenn sie den Gerichtssaal verließ, ihr Blumen schenkten. Ein Mann sei aus dem Norden Frankreichs quer durchs Land zum Prozess gereist, so Pelicot. Nur um ihr zu sagen, dass er sich schäme für das, was ihr angetan wurde.

Pelicot besteht nach wie vor darauf, nie in irgendeiner Weise mit dem einverstanden gewesen zu sein, was ihr damaliger Mann ihr angetan hat. Sie habe ihn sofort angezeigt, sich scheiden lassen. Aber Pelicot betont auch: Anders als andere Vergewaltigungsopfer müsse sie sich nicht an die Gewalt erinnern, die ihr geschah.

"Ich bin zutiefst empört, angewidert von dem, was er getan hat", sagt Pelicot dem "Spiegel". Aber Hass und Wut seien ihr eher fremd. "Monsieur Pelicot" sei tatsächlich ein guter, ein fürsorglicher Vater und Großvater gewesen. Das sei seine A-Seite gewesen. Die dunkle B-Seite habe sich kaum jemand vorstellen können.

Pelicot scheint sich von dieser Seite nicht die guten Erinnerungen an ihr Leben nehmen lassen zu wollen. "Ich habe meinen Mann geliebt", beharrt sie. Wenn man ihr glauben darf, scheint ihre Strategie zu funktionieren. "Ich erlaube mir jetzt, wieder glücklich zu sein", sagt sie im Interview mit dem "Spiegel". Sie hat einen neuen Partner, lebt auf einer Insel im Atlantik. Der Titel ihres Buchs auf französisch: "La joie de vivre", "Die Lust am Leben".

Quelle: ntv.de, lwe

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