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"Sie haben uns betrogen" Verliert Kolumbien den Kampf gegen Kokain?

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Mitglieder der Anti-Drogen-Einheit der Polizei vernichten bei Cucuta eine Kokaplantage.

(Foto: dpa)

Erst werden kolumbianische Bauern von Guerilleros gezwungen, Kokapflanzen anzubauen, dann will die Regierung sie im Zuge ihres Antidrogenkampfes daran hindern. Doch die zunehmend radikalen Maßnahmen zeigen wenig Erfolg. Und die Nachfrage nach Kokain ist ungebremst.

Vor mehr als zehn Jahren musste sich Daniel Arévalo entscheiden. Guerilleros der linken Farc hatten seine Familie und andere Einwohner der Gegend zu einem Treffen geladen. "Sie sagten uns, 'wer keine Kokapflanzen anbaut, kann seine sieben Sachen packen und gehen'", sagt der kolumbianische Bauer. Aus Kokapflanzen wird die Droge Kokain gewonnen. Arévalo und seine vier Geschwister, die im Department Nariño im Südwesten Kolumbiens leben, wollten nach eigenen Worten nie am illegalen Drogenhandel des südamerikanischen Landes beteiligt sein. Aber es sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, sagen sie. Und die Guerillas und Verbrecherbanden zahlten gute Preise für ihre Ware. "Wir haben nur fünf Hektar Koka auf unserem 120-Hektar-Hof angebaut, aber damit 70 Prozent unseres Einkommens bestritten", sagt Arévalo.

In der Hierarchie der Kokainproduktion sind Familien wie die Arévalos ganz unten, spielen dabei aber eine wichtige Rolle. Denn sie produzieren die grünen Blätter, die später zu Kokain verarbeitet und auf dem internationalen Schwarzmarkt verkauft werden. Weder der jahrzehntelange Kampf gegen die Drogenkartelle noch Milliardenhilfen aus den USA haben den Drogenhandel in Kolumbien eindämmen können. Das Land gilt als größter Kokainproduzent weltweit. Nach jüngsten Daten der UN ist die Anbaufläche für Koka in Kolumbien von 2014 bis 2017 stetig gestiegen. Erst 2018 sank sie leicht von 171.000 auf 169.000 Hektar, teilte das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung Anfang August mit. Auf dieser Fläche werden Pflanzen angebaut, aus denen Kokain im Milliardenwert hergestellt wird.

Laut dem Weißen Haus ist die Produktion weiter auf einem "historischen Hoch". Ungefähr ein Viertel der Kokafelder Kolumbiens befinden sich in Nariño, nahe der Grenze zu Ecuador. Ein Großteil des kolumbianischen Kokains wird in die USA geschmuggelt. Die Zahl derer, die an einer Drogen-Überdosis in Verbindung mit Kokain gestorben sind, stieg dort von 2014 bis 2017 um fast 160 Prozent. Die Zahl der Kokainnutzer stieg im selben Zeitraum um 40 Prozent auf 2,2 Millionen. US-Präsident Donald Trump hat den Druck auf Kolumbien erhöht, den illegalen Handel zu stoppen. Und Bogotá bemüht sich, mit harschen Methoden schnelle Resultate zu erzielen. Doch Amtsträger in Nariño setzen nur wenig Hoffnung in die Regierung der Republik.

Der Gouverneur von Nariño, Camilo Romero, kritisiert auch eine "moralisierende Haltung" der USA, zumal es dort eine hohe Nachfrage nach Kokain gebe. "Sie fühlen sich berechtigt, andere zu verurteilen. Aber in Wirklichkeit verlangt die US-Gesellschaft mehr und mehr Kokain", sagt Romero. Seiner Ansicht nach ist der Drogenhandel ein globales Problem, das die Behörden in Nariño nicht allein lösen können. "Wenn die USA und Europa in der Lage wären, die Nachfrage zu reduzieren, würde uns das sehr helfen", findet Romero.

Gewalt statt Überzeugungskraft

Bevor Trump und der kolumbianische Präsident Iván Duque ins Amt kamen, hatte die Regierung in Bogotá einen Friedensvertrag mit den maßgeblich am Kokainhandel beteiligten Farc-Rebellen geschlossen. Dazu gehörte eine Strategie, die Bauern vom Koka-Anbau abzubringen. Mit Subventionen für alternative Anbauprodukte wie Kaffee, Zuckerrohr und Kochbananen und Plänen für die Entwicklung ländlicher Gebiete sollte Bauern aus der Armut geholfen werden. Doch in Departments wie Nariño kann man an einem Hektar Koka zwischen 15 bis 25 Millionen Pesos (rund 4000 bis 6800 Euro) pro Jahr verdienen - mindestens zwei Drittel mehr als an einem Hektar Kochbananen.

Die Arévalos nahmen die Gelegenheit trotzdem wahr und sattelten um: Im Jahr 2017 rissen sie die Kokasträucher aus und machten Pläne für die Modernisierung ihrer Zuckerrohrmühle, die noch von einem Pferd angetrieben wird, und deren Kessel deutliche Risse aufweist. Von den 60 Millionen Pesos, die die Regierung ihnen versprochen hatte, hätten sie aber bisher nur 20 Millionen bekommen. "Sie haben uns betrogen", sagt Daniel Arévalo.

Oft ist die Bürokratie das Problem. Doch Kritiker geben auch dem Präsidenten die Schuld, der lieber mit Gewalt statt mit Überzeugungskraft vorgehe. Duque hat Soldaten in die betroffenen Regionen gesandt, um Zehntausende Hektar Kokapflanzen auszureißen. Sein Ansatz erntete Lob aus Washington. Doch die Erfahrung habe gezeigt, dass viele Bauern später einfach neue Sträucher pflanzten, sagt Gouverneur Romero. Mehr als 40.000 Familien in Nariño, die den Koka-Anbau einstellen wollten, hätten überhaupt kein Geld bekommen. "Bei der gegenwärtigen Regierung ist es unwahrscheinlich, dass es eine (freiwillige) Substitution (der Kokapflanzen) geben wird", sagt er. Bogotá weist den Vorwurf zurück.

Legalisierung von Kokain als Ausweg?

In einem weiteren radikalen Schritt bemüht sich die Regierung um die Erlaubnis des Nationalen Drogenrates, die Kokafelder aus der Luft mit dem Pestizid Glyphosat spritzen zu dürfen, um die Pflanzen abzutöten. Doch das Verfassungsgericht hält die strengen Regeln zum Einsatz des Unkrautvernichters aufrecht, den die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" einstufte. Auch der Nutzen ist fraglich. Von 2005 bis 2014 wurden im Auftrag der damaligen Regierung in Nariño rund 3,8 Millionen Liter Glyphosat versprüht. Dennoch wuchs die Anbaufläche für Koka im selben Zeitraum um 4000 Hektar, sagt Romero. Harold Ruiz, ein Experte der Regionalregierung in Nariño, hält Kolumbiens Anti-Drogen-Politik für "einen kompletten Reinfall". Seiner Ansicht nach könnte die Legalisierung von Kokain ein Ausweg sein.

Die geplante ländliche Entwicklung in Nariño bleibt allem Anschein nach aus. Die Einwohner klagen über schlechte Verkehrswege, Trinkwasserknappheit sowie schlechte Bildungsmöglichkeiten und eine mangelhafte Gesundheitsversorgung. Schlimmer noch, bewaffnete Gruppen bedrohen und töten zuweilen auch die Befürworter der Substitutionspolitik, die auf alternative Anbauprodukte setzt. Einige Beamte und Bauern haben nach eigenen Angaben bereits Leibwächter, und die von Verbrechen geplagte Stadt Tumaco wird von Soldaten bewacht. Der Kampf gegen den Koka-Anbau ist noch lange nicht vorbei, wie Yesenia Montano andeutet, die im Dorf Chilvicito einen landwirtschaftlichen Verband führt: "Manche Leute sagen, dass sie vielleicht wieder Koka pflanzen werden."

Quelle: n-tv.de, Sinikka Tarvainen, dpa

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