Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv"Vielerorts die Grenze des Machbaren erreicht"

17.11.2021, 16:22 Uhr
Unbenannt
Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

In manchen Regionen machen Covid-Patienten schon 60 Prozent der Belegung auf den Intensivstationen aus. Von Triage will Intensivmediziner Uwe Janssens nicht sprechen. Doch er rät dringend dazu, aus dem Regelbetrieb der Krankenhäuser auszusteigen.

In manchen Regionen machen Covid-Patienten schon 60 Prozent der Belegung auf den Intensivstationen aus. Von Triage will Intensivmediziner Uwe Janssens nicht sprechen. Doch er rät dringend dazu, aus dem Regelbetrieb der Krankenhäuser auszusteigen.

ntv: Wie ist die aktuelle Situation auf den Intensivstationen?

Uwe Janssens: Heute werden über 50.000 Neuinfektionen gemeldet. Das ist ja ein sensationell trauriger Rekord. Wir gehen davon aus, dass etwa 0,8 Prozent dieser infizierten Personen 10 bis 13 Tage später leider intensivpflichtig wird - also rund 400 Menschen. Das ist in der Tat eine große Menge. Wenn Sie auf die Deutschlandkarte des DIVI-Intensivregisters blicken, dann sehen Sie noch deutlich die lokalen Unterschiede. Der ganze Süden ist rot eingefärbt. Dort haben wir zum Teil Covid-19-Patienten anteilig 30 bis 60 Prozent auf den Intensivstationen liegen. Dort ist eigentlich schon die Grenze des Machbaren erreicht.

Was können wir jetzt tun, um zu verhindern, dass in den nächsten Monaten noch mehr Menschen auf die Intensivstationen kommen?

Die Antworten auf diese Frage geben wir schon seit Monaten. Gut ist ja in der Medizin immer, Prophylaxe zu betreiben. Wir sagen den Leuten, sie sollen nicht rauchen, damit sie keinen Lungenkrebs bekommen. Wir sagen den Menschen seit Wochen und Monaten - das macht ja auch die Politik - lasst euch impfen, damit können wir wirklich das Schlimmste abwenden. Aber das hat ja nicht so ganz gezogen in Deutschland. Was es bringt, sieht man in Spanien und Portugal, da haben wir jetzt nahezu biblische Verhältnisse, was die Sieben-Tage-Inzidenz betrifft. Hinzu kommen die AHA+L-Regeln, die Unterscheidungen bei Zutritt zu bestimmten Bereichen nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete. Das, in der Kombination, hätte man viel früher anschieben müssen. Jetzt machen wir das zu einem Zeitpunkt, wo wir schon mit dem Oberkörper unter Wasser stehen. Und das Wasser steigt unaufhörlich.

Was halten Sie von der 2G-Regel, die jetzt in vielen Bundesländern eingeführt wird?

Die mathematischen Modellierungen zeigen, dass das - zusätzlich zu den Impfungen, die jetzt wirklich einsetzen müssen, vor allen Dingen die Booster-Impfungen - ein richtiger und wichtiger Weg sein wird. Wir in der Intensivmedizin beziehen uns in unseren Aussagen natürlich immer ganz klar auf die Krankenhäuser und die Intensivstationen. Aber Sie haben natürlich vollkommen recht. Es soll ja erst gar nicht zu einer Ausbreitung der Infektion kommen. Aber wir haben viele Geimpfte und auch Genesene, wo wir ja mittlerweile Durchbruchsinfektionen durch nachlassenden Schutz der Impfung feststellen. Deshalb muss man an dieser Stelle in einigen sehr kritischen Bereichen zusätzlich auf Testverfahren zurückgreifen. Ganz zurücklehnen mit 2G kann man sich also nicht, aber trotzdem ist das richtig - so traurig das auch ist für die Ungeimpften. Das ist wirklich eine Katastrophe, wie ich finde: Wir befürchten sehr stark, dass die Gesellschaft dadurch noch stärker geteilt wird. Ich denke, wir müssen auch diese Menschen mitnehmen, nicht nur mit dem Finger auf sie zeigen, sondern sie noch einmal stimulieren, dass es wirklich einen guten Weg gibt, gemeinsam aus dieser Krise herauszukommen: die Impfung.

Die Landeskliniken im Bundesland Salzburg in Österreich haben ein Triage-Team zusammengestellt. Mediziner müssen dann entscheiden, wem man hilft. Wird auch Deutschland an diesen Punkt kommen?

Wir benutzen bewusst nicht das Wort Triage. Das ist ein Begriff aus der Militär-Medizin oder der Katastrophen-Medizin. Wir haben allerdings in Deutschland Bereiche, die den Kliniken in Not noch helfen können mit der Übernahme von Patienten. Wir haben das Kleeblatt-System: Deutschland wird in fünf große Bereiche aufgeteilt, die einzelnen Regionen unterstützen sich dann untereinander. Dazu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Im Gegensatz zum vergangenen Jahr höre ich von der Politik nicht, dass die Krankenhäuser aufgefordert werden, angesichts regionaler Überlastungen mit Covid-19- und Nicht-Covid-19 Patienten aus dem Regelbetrieb auszusteigen. Das heißt: Herunterfahren der sogenannten elektiven Operationen, damit das Freisetzen von Personalkapazitäten, also Fachpflegepersonal, die in der Anästhesie arbeiten, und auch Intensivärztinnen und -ärzte können durchaus das Personal auf den Intensivstationen unterstützen. Dadurch können andere Bereiche ausgebaut bzw. unterstützt werden.

DIVI-Chef Gernot Marx hat einen interessanten Vorschlag gemacht: Für das Pflegepersonal braucht man keine Impfpflicht, sondern man könnte über eine Gehaltserhöhung nachdenken, zur Anerkennung des Pflegeberufs. Was braucht die Pflege jetzt?

Gelder sollten nicht selektiv bestimmten Berufsgruppen bei den Pflegenden zugeteilt werden. Und wenn, dann müssen wir ein gesamt gültiges Konzept erarbeiten für die Pflegekräfte in allen Bereichen der stationären und ambulanten Medizin, dass ihnen tatsächlich für ihre großartige Arbeit das Geld zukommt, was sie tatsächlich verdienen. Und da gibt es Lücken und das, muss ich ganz ehrlich sagen, hat die Politik in den letzten Jahren völlig übersehen: Dass wir hier ein Auseinanderdriften von Leistung, von wirklicher Leistung, von Fachqualifikation und der Vergütung auf der anderen Seite haben.

Mit Uwe Janssens sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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