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Wie entstand Omikron? Virologe Stöhr hält HIV-These für plausibel

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Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr - hier im Gespräch mit Nele Balgo - hält eine Impfung auch gegen die neuartige Omikron-Variante für wirksam.

Woher Omikron genau stammt, ist unbekannt. Und das dürfte laut Virologe Klaus Stöhr auch so bleiben. Im ntv-Interview erklärt er, was an der These dran sein könnte, dass die Mutation in einem HIV-Patienten entstanden ist.

ntv: Es gibt die These, dass die Omikron-Variante in einem HIV-Patienten entstanden sein könnte. Was spricht dafür?

Klaus Stöhr: Die These könnte Substanz haben, weil sogenannte Immunescape-Varianten dann entstehen, wenn sehr viele Geimpfte existieren - also Personen, die schon einen Immunschutz haben. HIV-Patienten können Immunschutz nicht so gut aufbauen, da können sich mutierende Erreger stärker vermehren. Dadurch ist die Möglichkeit da, dass hier häufiger solche Varianten entstehen. Allerdings ist das nur eine These. Belegen kann das nur jemand im Labor. Woher der Erreger kommt - er wurde offensichtlich eher in Botswana als in Südafrika festgestellt - das bleibt wohl für immer ein Rätsel.

In Südafrika sind ja vor allem bereits Genesene von der Omikron-Variante betroffen. Können sich Geimpfte genauso leicht anstecken oder gibt es beim Immunschutz noch einmal einen Unterschied zwischen Genesenen und Geimpften?

Es gibt tatsächlich einen Unterschied. Das Coronavirus besteht aus sehr vielen Proteinen. Das Spike-Protein ist das, was immunologisch sehr aktiv ist. Aber die anderen spielen auch eine Rolle. Und wenn jetzt so ein ganzes Virus die Immunantwort in einer Person anstößt, ist das Spektrum der Reaktion des Körpers viel größer, als wenn man "nur" dieses Spike-Protein spritzt. Die Breite der Immunantwort bei Genesenen sollte also eigentlich viel größer sein. Allerdings kann man bei der Impfung viel besser boostern.

Biontech prüft, ob der Impfschutz reicht bei der Omikron-Variante. Moderna arbeitet schon an einem angepassten Impfstoff. Wann können wir mit diesen Impfstoffen auf dem Markt rechnen?

Die Laborarbeit ist dort schon erledigt, denke ich. Bevor man aber den Startschuss für die Impfstoffproduktion gibt, müssen noch die klinischen Daten kommen. Das dauert jetzt noch 10 bis 14 Tage und dann könnte man mit der Impfstoffproduktion beginnen nach Neujahr. Aber dann läuft die Produktion erst Schritt für Schritt an, mit größeren Mengen kann man dann im März oder April rechnen.

Warum ist es besonders wichtig, sich angesichts der neuen Varianten jetzt noch impfen zu lassen und nicht auf einen neuen Impfstoff zu warten?

Das Problem ist jetzt existent. Ob die Variante aus Südafrika tatsächlich jemals die Dominanz erreichen wird, weiß keiner. Und auch wenn das passiert, wirken die Impfstoffe noch sehr gut. Selbst eine Reduktion um 10 bis 15 Prozent würde immer noch eine Wirksamkeit gegen schwere Verläufe ergeben, von der wir im letzten Jahr nur hätten träumen können.

Impfskeptiker argumentieren immer wieder: Es gibt so viele Impfdurchbrüche, dann würden die Impfstoffe ja gar nicht richtig wirken gegen eine Infektion. In der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen liegt der Anteil der Impfdurchbrüche bei etwa 49 Prozent. Warum macht es trotzdem so einen großen Unterschied, ob man geimpft ist oder nicht?

Ein Impfdurchbruch kann bedeuten, trotz Impfung einen Schnupfen zu bekommen oder auf dem Friedhof zu liegen. Da muss man genau unterscheiden. Impfdurchbrüche mit leichten Erkrankungen sind normal. Das ist bei Atemwegserkrankung so. Bei über 60-Jährigen lässt der Impfschutz nach, das kann man mit einem Booster verhindern. Auf den Intensivstationen liegen jetzt 35 bis 40 Prozent geimpfte über 60-Jährige, die sich nicht haben boostern lassen. Und ungefähr 60 Prozent Ungeimpfte, die schwer betroffen sind - ein sehr großer Anteil aus einer verhältnismäßig kleinen Gruppe. Deswegen ist es vernünftig, jetzt nochmal darüber nachzudenken, ob es nicht doch richtig wäre, sich zu impfen. Das sind tolle Impfstoffe. Viele Milliarden Dosen sind schon verimpft worden. Sowas hat es noch nie gegeben in der Menschheitsgeschichte, dass so viele Impfdosen in so kurzer Zeit mit so hoher Aufmerksamkeit auf Nebenwirkungen benutzt wurden. Und die Langzeitnebenwirkungen sind alle sehr gut bekannt.

Mit Klaus Stöhr sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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