Panorama

Dolmetschen für die Justiz Von Tätern bedrängt, von Richtern ignoriert

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Türkisch-Dolmetscherin Zehra Kübel empfindet ihre Arbeit oft als beunruhigend.

(Foto: picture alliance/dpa)

Immer häufiger sind Polizei und Gerichte auf Dolmetscher angewiesen. Die Sprach-Experten übersetzen für Straftäter, hören Telefonate ab und tauchen in fremde Leben ein. Dabei fühlen sie sich oft schutzlos und nicht genug wertgeschätzt.

Eine Stunde hatte Zehra Kübel in der Dunkelheit gewartet - irgendwo auf dem ostdeutschen Land. Dann hielt ein Wagen mit verdunkelten Scheiben vor dem einsamen Haus. "Ich hatte Gänsehaut", erinnert sich die 56-jährige Türkisch-Dolmetscherin. Aus dem Wagen brachte die Kriminalpolizei einen Zeugen herein. Kübel sollte seine türkischen Antworten übersetzen. Nach dem Termin verließ der Mann den geheimen Ort unter Polizeischutz durch einen Seitenausgang, Kübel setzte sich allein in ihr Auto. "Das war wirklich kein gutes Gefühl, denn all das Wissen des Zeugen hatte ich in dem Moment ja auch."

Seit zehn Jahren arbeitet Zehra Kübel als offiziell beeidigte Dolmetscherin in Berlin. Polizei und Gerichte sind für die studierte Sprachwissenschaftlerin wichtige Auftraggeber. Doch die Arbeit mit Tätern, Opfern und Zeugen empfindet sie oft als beunruhigend und belastend. Besonders nahe gehen ihr Mordprozesse und Verfahren, die das Schicksal gefährdeter oder misshandelter Kinder aufarbeiten. "Ich denke, dass manchmal eine Supervision von Nöten wäre, um mit den Bildern im Kopf klarzukommen", sagt Kübel. Während Polizisten Psychologen an ihrer Seite haben, müssen Dolmetscher ihre Einsätze allein bewältigen.

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Justina Loos muss häufig in Gefängnissen arbeiten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wie es sich anfühlt, eine solche Einzelkämpferin zu sein, weiß auch Justina Loos. Die 47-Jährige wuchs in einer deutsch-polnischen Familie auf und ist seit zwölf Jahren als gerichtlich anerkannte Dolmetscherin tätig. Häufig ist sie bei Vernehmungen in Berlins Gefängnissen dabei. Einmal, erzählt sie, musste sie für einen polnischen Sexualstraftäter dolmetschen. "Ich saß sehr nah bei ihm, wir hatten nur einen kleinen Tisch. Er hat Anspielungen gemacht und sich auch körperlich angenähert", erzählt sie. "Die Beamten haben das gesehen, aber konnten nichts machen. Das war für mich als Frau unangenehm."

Zahl der Aufträge wächst

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer kennt solche Sorgen seiner Mitglieder. "Das Leid, die Gewalt, die Ungerechtigkeit und Ohnmacht, die Dolmetscher bei ihrer Arbeit erleben, sind oft sehr belastend", sagt Svetlana Altuhova-Ossadnik, Vorstandsmitglied im Landesverband Berlin-Brandenburg. Leider würden Dolmetscher in ihrer Ausbildung nur selten auf solche Situationen vorbereitet. "In der Regel sind sie auf ihre eigenen Erfahrungswerte angewiesen und lernen so, sich persönlich und emotional von der Arbeit abzugrenzen."

Auf die mündlichen Dienstleistungen von Dolmetschern und die schriftliche Arbeit von Übersetzern sind Polizei und Gerichte Berlins immer häufiger angewiesen. Die Ausgaben der Berliner Polizei für solche Aufträge sind in den vergangenen fünf Jahren um knapp 80 Prozent gestiegen. Wurden im Jahr 2013 noch gut 1,4 Millionen Euro für Dolmetscher und Übersetzer ausgegeben, waren es 2017 bereits 2,6 Millionen Euro. In diesem Jahr könnte die 3-Millionen-Euro-Marke geknackt werden.

Angriffe und Willkür

Angesichts dieser Entwicklung verwundert es umso mehr, dass sich Dolmetscher gerade bei Polizei und Justiz immer wieder auch Angriffen oder Willkür ausgesetzt sehen. Richter lassen Dolmetscher mitunter lange warten und reagieren Berichten zufolge mürrisch, wenn nicht simultan gedolmetscht wird. "Aber das ist ohne die entsprechende Technik wie eine Dolmetscherkabine gar nicht möglich", sagt Justina Loos. Schließlich gibt es Anwälte, die Dolmetscher bewusst angreifen. "Immer mal wieder versucht der Anwalt der Gegenseite, den Dolmetscher zu verbiegen, ihm vorzuwerfen, dass er falsch übersetzt", sagt Zehra Kübel.

Für ihren anspruchsvollen Job erhalten freiberufliche Dolmetscher bei der Berliner Polizei 55 Euro pro Stunde. Außerdem steht ihnen eine Entschädigung für entstandene Fahrtkosten zu. Bei den Berliner Gerichten liegt der Stundensatz mit 70 bis 75 Euro deutlich höher. Doch längst nicht alle gehen mit dem vollen Lohn nach Hause. Mit Sorge beobachtet der Dolmetscher-Verband, dass Berliner Gerichte Dolmetscher zunehmend über Agenturen statt direkt anfordern. Dabei behalten die Agenturen laut Verband bis zu einem Drittel des Honorars ein.

Trotz der Herausforderungen mögen Kübel und Loos ihren Job. In aller Regel würden sich die Menschen über die Sprachhilfe freuen, sagt Loos. "Die meisten sind dankbar, wenn ich dabei bin." Und Kübel verrät, was ihr nach schwierigen Gerichtsverfahren oder belastenden Polizeiverhören besonders guttut: "Ich bin oft als Dolmetscherin bei Eheschließungen dabei. Ja zu sagen und mit glücklichen Menschen zusammen sein, das ist einfach schön."

Quelle: n-tv.de, Janne Kieselbach, dpa

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