Panorama

Künstler in Zeiten von Corona Von der Angst, kaputtzugehen

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Daniel Friedl (links) ist unter anderem in der Netflix-Serie "Wir sind die Welle" zu sehen.

(Foto: imago images/Prod.DB)

Das Corona-Virus trifft auch die Schauspiel-Branche hart. Viele Schauspieler passen in kein gängiges Beschäftigungsraster. Und erhalten deshalb auch keine der nun aufgelegten Hilfen. Daniel Friedl mit einem schonungslosen Einblick in seinen Beruf in Zeiten von Corona.

Keine Proben, keine Vorstellungen, keine Gastspiele - nichts! Mein Beruf ist nicht systemrelevant und jetzt, wo ich, neben vielen Kolleg/innen zu Hause bin, versuchen wir natürlich uns nicht unterkriegen zu lassen und irgendwie kreativ zu bleiben. Wir halten Online-Lesungen ab oder spielen Stücke, an denen wir zuvor geprobt hatten. Aber auch im Alltag spüre ich, wie die Corona-Krise die schlimmsten und egoistischsten Facetten der Menschen fördert, aber auch irrationale Ängste wie zu verhungern und kaputtzugehen. In meiner Branche verschärft sich diese Angst nicht nur ob des wirtschaftlichen Schadens - viele Theater bleiben ja geschlossen - sondern auch, dass der Beruf nicht nur eingeschränkt, sondern in vielen Fällen ganz verloren gehen könnte.

Ich selbst kann noch von Glück reden, ich habe ein festes Engagement an einem öffentlichen Theater. Im Gegensatz zu vielen anderen meiner Zunft bin ich also mehr als privilegiert, nicht nur, weil ich ein weißer, mitteleuropäischer Cis-Mann bin. Im schlimmsten Fall droht mir Kurzarbeit. Gravierender ist es bei meinen Kolleg/innen, die als Freelancer tätig sind, die quasi von Gastvertrag zu Gastvertrag an die Theater gehen oder fürs Fernsehen und Kino drehen. Die haben zurzeit überhaupt keine Einnahmen.

Bist du nicht in der KSK, bist du kein Künstler

Von einigen freischaffenden Kolleg/innen weiß ich beispielsweise, dass sie leider nicht unter den Rettungsschirm können, den manche Landesregierung beschlossen hat. Der Grund dafür - und das ist wirklich pervers: Sie sind nicht in der Künstlersozialkasse. Es ist ein hartnäckiger Irrglaube anzunehmen, dass Schauspieler/innen, die ja Künstler/innen sind, gleichzeitig bei der KSK versichert sind. Als Schauspieler/in ist man weisungsgebunden, das schließt die KSK-Mitgliedschaft aus. Aber bist du nicht in der KSK, wirst du offiziell auch nicht als Künstler anerkannt! Und deswegen können die auch keine Hilfen beantragen. Im Grunde ein totaler Quatsch, denn viele dieser Kolleg/innen sind seit über zehn Jahren im Schauspielberuf tätig und finanzieren damit ihren kompletten Lebensunterhalt. Nach den geltenden Regeln aber fallen sie aufgrund ihres Status durchs Hilfsraster.

Für Film- und Theaterprojekte sind diese Kolleg/innen kurzfristig angestellt, zahlen also auch ihre Sozialabgaben, verdienen aber in den seltensten Fällen genug, um etwas auf die Seite zu legen. Sie leben von Projekt zu Projekt, bilden dabei das Rückgrat der deutschen Schauspielkunst und kommen dennoch nicht einmal auf die erforderlichen Tage, um ALG I beantragen zu können.

Somit haben sie weder die Berechtigung unter den Rettungsschutz für Angestellte zu gelangen, noch sind sie selbständig genug, um nachweisen zu können, diesen oder jenen Ausfall zu haben. Ich hoffe, dass die Landesregierungen ihre Angebote für die Betreffenden korrigieren. Denn bei Musikern, Kulturtätigen und Kleinkünstlern ist die Situation nicht besser. Das Privileg eines festen Vertrages ist in diesen Tagen gerade auch für Kulturschaffende pures Gold.

Kafka lesen, Arbeit als Auffüller im Lager

Viele Kollegen versuchen natürlich, sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Einige fangen an, ihre digitalen Angebote auszubauen. Ideen wie: Ich wollte schon immer mal Kafkas "Brief an den Vater" als Lesung vorführen, werden jetzt umgesetzt. Im Internet. Schauspieler, deren Vorführungen gecancelt wurden, tragen ganze Gedichtbände online vor. Es ist ein Quell an Ideen, der hier zu Tage tritt. Kreativität, die unsere Zunft durch die Quarantäne bringt. Ich habe unter anderem lustige Videos gemacht, in denen ich Songs performt habe, die eigentlich in eine Corona-Playlist gehören. Irgendetwas künstlerischer Natur muss man einfach machen, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt.

Aber wie viele andere Berufsgruppen in Zeiten von Corona, nehmen auch wir unsere soziale Verantwortlichkeit wahr und versuchen die Zeit, in der wir nicht auf die Bühne oder vor die Kamera können, sinnvoll zu nutzen. Kolleg/innen von mir gehen unter anderem für ältere Menschen einkaufen oder sie geben Lebensmittel an Hilfsprojekte wie die "Arche" oder die "Tafel" ab. Ein Bekannter, der eigentlich Filmschauspieler ist, arbeitet zur Zeit als Zulieferer und Lager-Auffüller in Berlin.

Fight-or-Flight-Syndrom: Erst ich und dann der Rest

Was mich aber, unabhängig von meinem Beruf als Schauspieler erschreckt, ist dieses Fight-or-Flight-Syndrom: Erst ich und dann der Rest. Ich habe miterlebt, wie im Supermarkt Klopapierrollen aus den Wagen geklaut worden sind oder wie sich Hamsterkäufer mit Kassiererinnen angelegt haben. Und das ist bitter zu sehen, wie viele, die eh schon überarbeitet sind, statt Wertschätzung zu erhalten, unverschämt angeschrien werden.

Deswegen finde ich es wichtig, neben den vielen derzeit beängstigenden Informationen den Fokus auf positive Aspekte der Krise zu legen, wie etwa die Digitalisierung. Was die Politik hier jahrelang nicht geschafft hat, ist zumindest einigen Schulen in Eigenregie ein Stück weit geglückt. Klar ist dieses Angebot vielerorts noch nicht perfekt, aber so etwas innerhalb einer Woche überhaupt auf die Beine zu stellen, verdient Lob. Ich kann mir vorstellen, dass das auch fürs Theater gelten könnte. Wir müssen überlegen, wie wir das nutzen könnten.

Was ich mir persönlich am meisten wünsche: Dass Europa an dieser schweren Prüfung nicht kaputtgeht. Gerade in diesem Zusammenhang ist es großartig, dass Bundesländer, die noch Kapazitäten an Intensiv-Betten haben, schwere Corona-Fälle aus Frankreich, Spanien und Italien aufnehmen. Das ist gelebte europäische Solidarität. Aber gemäß #leaveNoOnebehind sollte diese Solidarität auch den Schwächsten wie in Moria auf Lesbos gelten.

Zusammenhalt ist jetzt wichtig. Nachbarschaftshilfe, Zuhören, füreinander da sein: Das sind die Geschichten, die ich gerne am Theater erzählen möchte. Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, zum Denken anregen. Damit die Menschen rausgehen, das Denken anwenden und ihr Leben reflektieren. Dieses Wirrwarr, das mit diesem Virus einhergeht, ist vielleicht der beste Weg um herauszufinden, wer und wie wir sein wollen.

Mit Daniel Friedl sprach Verena Maria Dittrich

Quelle: ntv.de