Unterhaltung

Literatur in Zeiten von Corona Ferdinand von Schirach hat keine Angst

Schirach Interview Tanit Koch.JPG

Tanit Koch und Ferdinand von Schirach

(Foto: ntv)

Theater zu, Konzerte abgesagt, Lesereisen verschoben - Corona hat den Kulturkalender radikal geleert. Doch der Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach ("Schuld") hält auch Literatur für "systemrelevant" und hat deshalb eine Lesung aus seinem jüngsten Buch "Kaffee und Zigaretten" bei ntv gehalten. Zuvor sprach der ehemalige Strafverteidiger mit ntv-Geschäftsführerin Tanit Koch über Hamstern, Händeschütteln und welche tatsächlichen Sorgen Corona ihm bereitet.

ntv: Warum sitzen Sie jetzt nicht in Ihrer Berliner Wohnung und schreiben Ihre Seite pro Tag? Warum eine Lesung im Fernsehen?

Ferdinand von Schirach: Wir haben eine ganze Reihe von Unternehmen und Geschäften und Berufen, die systemrelevant sind oder als systemrelevant eingestuft werden. Die Literatur wird gerade ein bisschen vergessen. Aber natürlich ist Literatur auch systemrelevant, wenn auch auf ihre ganz eigene Art. Und ein bisschen ist es so, dass der Zuhörer oder Leser gerade in diesen Zeiten auch ein bisschen Kultur verdient.

Sie haben mal in einem "Zeit"-Interview gesagt, dass Ihnen die Welt oft zu laut, zu bunt und zu angespannt sei. Wörtlich sagten Sie: "Ich finde sie etwas anstrengend." Ist die Welt des Social Distancing, der Ausgangsbeschränkungen, ist das für Sie weniger anstrengend?

Nein, das ist genau so anstrengend. Eigentlich ist es viel, viel anstrengender. Das Social Distancing ist ja auch immer ein bisschen falsch übersetzt. Man soll ja keine soziale Distanz haben, sondern nur eine räumliche Distanz. Die räumliche Distanz finde ich sehr angenehm. Sie wissen das ja, auch Männer umarmen sich inzwischen. Dabei ist es üblich, dem anderen mehrmals auf den Rücken zu hauen. Das fand ich immer sehr unangenehm. Das ist vielleicht eines der positiven Dinge nach dieser Krise, dass dieses Händeschütteln auch mal aufhört.

Nutzen Sie Facetime? Hamstern Sie?

Das Hamstern hat bei mir keinen Sinn, weil ich nicht kochen kann. Ich bin auf Take-away angewiesen. Und Facetime und so etwas ist mir tatsächlich alles zu nah. Ich will den Anderen dann nicht zu Hause so sehen. Ich habe gestern mit Alexander Kluge ein langes Skype-Gespräch geführt. Ich telefoniere tatsächlich lieber. Ich finde das unangenehm, wenn das Bild wackelt und dann läuft irgendwie eine Angestellte von ihm im Hintergrund rum. Das mag ich nicht.

Das Beuteverhalten ist ein neues Symptom von Corona. Sie haben als Strafverteidiger so ziemlich jeden menschlichen Abgrund erleben oder zumindest adressieren müssen. Was für Ur-Instinkte werden in Menschen ausgelöst, die sich im Supermarkt wegen Klopapier prügeln oder die in der Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppe andere, die den Abstand nicht einhalten, denunzieren?

Man kann sich schwer darüber erheben. Das ist ja so ein Ur-Instinkt, dass man die Dinge beisammenhaben will, und dass man Angst hat, dass plötzlich etwas knapp wird. Das wird auch wieder vorbeigehen. Das mit dem Klopapier kann ich mir nicht erklären, aber das muss man einfach mal so hinnehmen. Fotografieren von Leuten an der Eisdiele, das mag ich nicht, ehrlich gesagt. Dieses Verpetzen hat etwas sehr Unangenehmes. Das sind merkwürdige Instinkte. Viel ernsthafter ist, glaube ich: Was passiert, wenn die Leute so lange eingesperrt sind? Es gibt diesen bekannten Satz: Für Strafverteidiger ist Weihnachten das, was für Handchirurgen Silvester ist. Das ist die schlimmste Zeit, weil sich die Leute, wenn sie nur zwei oder drei Tage aufeinandersitzen, böse Dinge antun. Die Leidtragenden werden Frauen und Kinder sein. Es gibt viele Leute, die, wenn sie so eingesperrt sind, nach zwei Tagen unter enormer Anspannung stehen, und das sucht ein Ventil. Deswegen darf man das auch nicht zu lange machen und muss da vorsichtig sein."

Gibt es Mittel, dieser Gefahr vorzubeugen?

Das weiß ich nicht. Eingesperrt sein, ist eingesperrt sein. Diese Gewaltakte, die entstehen ja meistens daraus, dass irgendwann das Sprechen endet. Die Leute können sich nicht mehr ausdrücken, und dann wird es schlimmer und schlimmer. Dann wird geschrien, dann wird geschubst. Und dann wird geschlagen und dann passieren furchtbare Dinge. Da kommen wir zu einer interessanten Frage.

Welcher?

Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach

(Foto: ntv)

Im Grunde genommen ist es ja so, dass es nicht nur ein Shutdown des öffentlichen Lebens ist, sondern es ist auch gleichzeitig ein Shutdown der Grundrechte. Es wird sozusagen alles, was wir an Errungenschaften in den letzten 75 Jahren erreicht haben oder in den letzten 200 Jahren, wenn Sie noch weitergehen wollen, fast auf null runtergefahren. Im Grunde genommen sind die Rechte in der Verfassung Abwehrrechte gegen den Staat. Und jetzt schränkt der Staat diese Grundrechte ein. Darüber muss man nachdenken. Jede dieser Maßnahmen, die jetzt getroffen worden sind, muss verhältnismäßig sein - muss also unter anderem geeignet, zielführend und legitim sein. Bei der Geeignetheit wird es sehr schwierig. Wir haben eine Situation, in der niemand genau weiß, was richtig ist. Wir haben wunderbare Wissenschaftler. Sie sind praktisch jeden Tag im Fernsehen, machen Podcasts. Es ist alles wahnsinnig vernünftig, was sie sagen. Aber das Wesen der Wissenschaft ist der Streit, sozusagen das Ringen um die richtige Theorie. Es gibt aber keine Theorie, die bleibt, sondern das Wesen von Theorien ist, dass sie widerlegt werden, und das ist das Wesen von Wissenschaft. Wir haben auf der einen Seite keine genauen Erkenntnisse, was richtig ist. Und wir müssen jetzt tun, was der Politik vollkommen fremd ist, und das sozusagen mit Versuch und Irrtum lösen. Und das ist natürlich, wenn Sie Grundrechte einschränken, etwas Schreckliches.

Wie lange, glauben Sie, halten wir das aus?

Ich glaube, nicht sehr lange. Es entstehen Schäden bei den Menschen, psychologische Schäden. Ich rede überhaupt nicht von der Wirtschaft, sondern von zwischenmenschlichen Schäden, die kaum mehr zu korrigieren sind. Wir haben das in China gesehen. Nachdem alle eingeschlossen worden waren, sind die Standesämter überrannt worden, wo man die Scheidung beantragen kann. Das mag man jetzt irgendwie für lustig halten, aber es ist etwas sehr Tiefes. Die Kanzlerin und die Bundestagsabgeordneten wissen das ziemlich genau, und es ist ja auch so, dass wir sehen werden, wie das überprüft wird. Jetzt ist es wohl ein bisschen früh noch, um das abzuschätzen. Aber was tun wir, wenn wir begreifen, dass diese Maßnahmen nicht zielführend sind? Machen wir dann noch härtere Maßnahmen? Lassen wir es dann sein? Das sind schwierige Fragen. Da wir alle keine Wissenschaftler sind, können wir sie kaum beantworten.

Löst das bei Ihnen einen Schreibimpuls aus? Haben Sie jetzt die nächste Romanvorlage im Kopf?

Ich mache das tatsächlich ein bisschen langweilig und fast beamtenhaft. Ich schreibe jeden Tag eine Seite - und es ist gleichgültig, wenn das jetzt alles passiert. Auf die Literatur überhaupt, da bin ich mir ganz sicher, wird es großen Einfluss nehmen. Der Vergleich, der in dieser Krise am nächsten liegt, ist das Erdbeben von Lissabon 1755. In Lissabon gab es die meisten Kirchen. Das war eine streng katholische, sehr gläubige Stadt. Und plötzlich kommt dieses Erdbeben und vernichtet vier Fünftel der Menschen, die dort leben, 30.000 Leute. Plötzlich stellt man sich in ganz Europa die Frage: Wie kann ein gütiger Gott so etwas zulassen? Ausgerechnet in der Stadt, die am heiligsten ist und wo die Menschen am gottesfürchtigsten sind. Warum bringt er diese Menschen um? Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten alle, aus Gottes Hand können wir nicht fallen. Danach war es sozusagen vollkommen klar: Es ist ein bisschen schwierig zu beantworten. Das nennt man in der Philosophie die Frage der Theodizee, die gab es schon lange. Aber plötzlich war es mitten in der Bevölkerung.

Und daraus wurde dann?

… letztlich die Aufklärung. Plötzlich musste man einen Ersatz finden für diesen seltsamen Gott, der diese bösen Dinge auch tun kann. Man setzte an seine Stelle die Vernunft. Und heute, 200 Jahre später, wissen wir, dass die Vernunft auch nicht das Allheilmittel ist. Aber was entsteht aus dieser Krise? Da bin ich sehr gespannt. Es können, glaube ich, zwei vollkommen entgegengesetzte Dinge entstehen. Etwas sehr Strahlendes: Die Politik ist plötzlich fähig, alles zu tun, was wir vorher nicht geglaubt haben. Wir haben immer geglaubt, es gibt wirtschaftliche Fragen, die der Politik vorgehen. Und plötzlich sehen wir, wenn wir wirklich wollen, reagiert die Politik.

Also eine Art neuer Staatlichkeit?

Ja. Stellen Sie sich mal vor, Sie sagen Greta: Nein, Umweltschutz in der Form, wie du den willst, können wir nicht machen. Das geht heute nicht mehr. Wir sehen, es ist alles möglich. Die Leute könnten sagen, wir wollen jetzt weltweit ein Primat der Menschlichkeit oder der Würde des Menschen und setzen sie höher als alle wirtschaftlichen Überlegungen. Aus so etwas könnte eine europäische Verfassung entstehen. Auf der anderen Seite, ganz negativ, könnte die Politiker lernen: Wir können alles mit dieser Bevölkerung machen. Sie stimmen uns zu, wenn wir es nur richtig erklären. Und das könnte etwas ganz Schlimmes bedeuten. Beides ist möglich. Diese Krise selbst ist eine echte Zäsur. Auch noch in 30, 40 Jahren wird man sich daran erinnern. Die Welt wird danach eine andere sein als vorher.

Diese Zäsur hat natürlich auch mit der existenziellen Bedrohung durch das Virus selbst zu tun. Sie sind altersgemäß nicht in der Risikogruppe, aber als Raucher doch irgendwie.

Das ist noch die Frage (lacht).

Sehen Sie sich als Teil einer Risikogruppe? Haben Sie in irgendeiner Weise Angst vor Corona?

Also, 1918 bei der Spanischen Grippe zog sich Le Corbusier mit großen Mengen an Zigaretten und Alkohol in seine Pariser Wohnung zurück, weil damals behauptet worden ist, dass Rauch das Virus tötet. Wir werden noch sehen, ob das stimmt. Nein, ich habe tatsächlich keine wirkliche Angst vor dieser Krankheit. Das liegt aber an meiner persönlichen Verfasstheit. Ich weiß nicht, ob ich das bekomme oder schon hatte, es verläuft ja manchmal auch ganz mild.

In Ihrem Theaterstück "Terror" geht es um einen Luftwaffe-Piloten, der die Passagiere einer Linienmaschine opfert zugunsten zigtausender Menschen in einem Fußballstadion. Was löst es in Ihnen aus, wenn Fiktion in gewisser Weise zu Wirklichkeit wird? Wir sehen in Italien, und das kann uns in Deutschland auch drohen, dass Krankenhausärzte abwägen müssen, wer lebensrettende Maßnahmen bekommt und wer nicht.

ANZEIGE
Kaffee und Zigaretten
20,00 €

Es sind zwei Dinge dazu zu sagen. Das eine ist, dass unser Grundgesetz, unsere Verfassung, Gott sei Dank eine Abwägung Leben gegen Leben nicht kennt und nicht kennen darf. Wir haben keinen Utilitarismus. Das bedeutet, wir sagen nicht: Gut ist, was den meisten nützt. Es gibt ja Äußerungen von Wirtschaftsführern, die sagen: Was ist das für ein Blödsinn, was wir hier machen? Wir wollen doch nicht die ganze Wirtschaft riskieren, wegen den alten Leuten. Es muss umgekehrt sein. Es wird in Amerika sogar ganz hart verfochten, in manchen Staaten, in Texas, zum Beispiel wird verlangt, dass sich die Alten opfern. Das ist natürlich vollkommen grotesker Blödsinn, und das wollen wir nicht in unserem Staat. Das ist weit entfernt von allen Gedanken der Verfassung. Die andere Frage, wie man einem Arzt hilft, der das entscheiden muss, ist eine der schwierigsten überhaupt. Das läuft unter dem Begriff Triage, also sozusagen in einem Katastrophenfall muss der Arzt entscheiden, wem hilft er. Das haben wir nicht täglich, aber sehr oft, beispielsweise bei einem Busunglück auf der Autobahn. Es sind 46 Menschen verletzt - wen rette ich, wen kann ich nicht retten? Die Kriterien wurden sehr lange in der Rechtswissenschaft, in der Philosophie, in der Ethik diskutiert. In Italien ist es nach meinem Dafürhalten, vielleicht auch nach den Grundsätzen unserer Verfassung, falsch gelöst. Dort sollen Ärzte möglichst viele Lebensjahre erhalten, also lieber einen jungen Menschen retten, der schlechtere Chancen hat, als einen alten Menschen, der ganz gute Chancen hat. Das halte ich für einen völligen Unsinn. Das kennen wir nicht. Unser Ziel ist es, möglichst viele zu retten. Und dann ist es vollkommen egal, ob Mann oder Frau oder Kind oder alter Mann. Das Problem ist trotzdem natürlich jedes Mal absolut schrecklich, aber es gibt Leitlinien, nach denen die Ärzte sich richten müssen.

Noch eine konkrete Frage zu dem ersten Text Ihrer Lesung aus "Kaffee und Zigaretten". Sie schildern darin Ihre eigene Kindheit, Ihre eigene Jugend. Fällt es Ihnen schwer, über etwas so Intimes wie über Ihren Suizidversuch im Alter von 15 Jahren zu schreiben?

Ja, natürlich fällt mir das schwer! In 'Kaffee und Zigaretten' gibt es eine ganze Reihe von persönlichen Erlebnissen. Die schildere ich oft in der dritten Person, weil es mir sonst zu nahe ist, und weil man auch ein bisschen Social Distancing zu sich selbst braucht - also ich jedenfalls.

Im zweiten Text der Lesung geht es um ein skurriles Erlebnis aus Ihrer Zeit als Anwalt. Vermissen Sie den Beruf des Strafverteidigers?

Manche Dinge vermisse ich schon. Das Schöne ist ja, dass man in seinem Büro sitzt und die Tür geht auf, man bekommt eine Geschichte geliefert. Und das ist natürlich immer herrlich. Was ich auch vermisse ist die Auseinandersetzung im Gerichtssaal, die ja bei der Strafverteidigung eine große Rolle spielt, weil man dort ja in einer David gegen Goliath Situation ist. Also alle haben mehr Macht als der Strafverteidiger. Das Gericht kann alle möglichen Dinge beschließen, die Staatsanwältin kann Anträge stellen. Aber Sie haben nur die Sprache, und das mochte ich sehr gerne. Ich vermisse das ganze Administrative überhaupt nicht, was damit verbunden ist. Die Abrechnungen, das ist schon eher mühsam und ein großer Teil des Berufs. Aber das Gericht und die Geschichten vermisse ich.

Mit Ferdinand von Schirach sprach ntv-Geschäftsführerin Tanit Koch

Die Lesung aus "Kaffee und Zigaretten" und Verfilmungen der Werke von Schirachs finden Sie bei TVNOW.

Quelle: ntv.de