Panorama
Männer wissen oft nicht, wie sie sich heutzutage gegenüber Frauen verhalten sollen.
Männer wissen oft nicht, wie sie sich heutzutage gegenüber Frauen verhalten sollen.
Samstag, 03. März 2018

Zwischen Feminist und Macho: Wann ist ein Mann heute ein Mann?

Von Diana Sierpinski

Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um Heim und Herd - so war das früher. Dass die Geschlechterrollen durcheinander geraten sind, ist allen klar. Der Macho ist eine im Aussterben begriffene Spezies. Doch wie muss der "neue Mann" aussehen?

Was ist nur mit den Männern los? Seit Jahren überwiegt der kritische Blick auf die "Herren der Erschöpfung". Die "Süddeutsche" titelte 2017 "Der Mann in der Krise" und outete den Mann als "gesellschaftlichen Problemfall". Die "Zeit" hatte bereits einige Monate zuvor "Das geschwächte Geschlecht" ausgemacht und die aktuelle "Not am Mann" beschworen. Männer sind öfter krank, werden eher arbeitslos, trinken mehr Alkohol, nehmen sich öfter das Leben oder arbeiten sich zu Tode. Männer, so heißt es, halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr Schritt. Hat der Mann von heute seine Männlichkeit verloren?

Mark Lambert glaubt, dass seine Generation die erste ist, für die es keine klar definierte Rolle als Mann gibt.
Mark Lambert glaubt, dass seine Generation die erste ist, für die es keine klar definierte Rolle als Mann gibt.(Foto: Foto: privat)

Ja, glaubt Mark Lambert. Der Buchautor ist überzeugt, dass es noch nie so schwer für Männer war, die eigene Rolle zu finden und zu definieren. Nachdem die Bewegung des Feminismus alte Geschlechterrollen aufgebrochen habe, werden typisch männliche Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Stärke, von Frauen nicht mehr auf dieselbe Weise geschätzt wie früher. Andererseits sei der softe Typ aber auch nicht das, was Frauen wollen. "Das führt zu einer Schwammigkeit bei Männern, wie ihre Rolle als Mann aussieht und folglich, wie sie sich denn nun im Kennenlernen mit Frauen verhalten sollen", sagt Lambert n-tv.de.

Früher ging der Mann arbeiten, die Frau kümmerte sich um die Erziehung und den Haushalt. Schwäche, Verwundbarkeit und Emotionen schränkten den Mann bei seiner Arbeit ein. Deswegen lernte er, keine Emotionen zu zeigen und Härte zu demonstrieren, um Frauen anzuziehen. Das Männerbild unserer Gesellschaft sei ein vererbtes Leiden, schreibt der britische Journalist Jack Urwin in seinem Buch "Boys don't cry". Männer würden von Männern aufgezogen, die emotional nicht kommunizieren können.

"Du brauchst doch keinen Mann"

Doch die Ansprüche der modernen, emanzipierten Frauen haben sich geändert. Sie wollen selbst arbeiten gehen, ja sogar Karriere machen, und sich auch nicht allein um die Erziehung oder den Haushalt kümmern. Das stellt die Männer laut Lambert vor ein Problem. "Den Selbstwert durch ihre Arbeit zu definieren und Frauen basierend auf der Rolle des Versorgers anzuziehen, reicht nicht mehr aus. Und Frauen einfach ihr Interesse zu gestehen, geht oft nach hinten los."

Mark Lambert

Mark Lambert (M.Sc.) ist Buchautor, Blogger und Coach in Lebensfragen. Seit mehr als sieben Jahren schreibt er über die Herausforderungen der heutigen Zeit auf die Geschlechterrolle und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Auf seiner Seite gibt er Frauen und Männern Rat in Sachen Dating, Beziehung und Leben.

Dafür macht der Lebenscoach drei Gründe aus: Erstens wird Frauen durch die Aufrufe des Feminismus impliziert: Du brauchst doch keinen Mann. Dies führt bei Frauen dazu, die Annäherungsversuche eines Mannes häufiger als billige Anmache zu empfinden und ihn abzublocken. Ein weiteres Problem ist die Multioptionsgesellschaft - alles haben zu können und sich mit nichts zufrieden geben zu wollen. Auch dies beeinflusst Frauen darin, Männer an einem höheren Maßstab zu bewerten. Und drittens verstößt ein Mann damit gegen ein in uns allen verankertes psychologisches Konzept: das nicht zu schätzen, was wir zu einfach haben können.

Männer wissen oft nicht, wie sie sich heutzutage gegenüber Frauen verhalten sollen. Auf der einen Seite soll der Mann immer noch in traditioneller Manier der Bestimmer sein, der die Hosen anhat und in Machomanier auch bereit ist, auf den Tisch zu hauen. Aber auf der anderen Seite hat sich ein postmodernes Klischeebild von einem Frauenversteher herausgebildet, einem Mann, der nicht mehr hart wie Stahl ist, sondern weich, kommunikativ, reflektiert und aufmerksam.

"Der Mann ist nur noch ein Schatten seiner selbst"

Vor zwei Jahren stellte Jens Lönneker, Chef eines Marktforschungsinstitus, den Teilnehmern seiner Studie eine ganz einfache Frage: "Was fällt Ihnen spontan zu Männern ein?" Die zaghaften Antworten lauteten:

"Frauen wollen gerne Karriere machen. Manche Männer kommen damit nicht klar."

"Ich hatte Glück mit meiner Frau: die putzt, kocht und kümmert sich um das Kind."

"Der Mann ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Er versucht nur noch, es den Frauen recht zu machen."

Anfangs sei es immer nur darum gegangen, wie sich die Männer von Frauen abgrenzen, berichtet Lönneker. Meist schön politisch korrekt. Erst nach gut einer Stunde ging es dann wirklich um den Mann selbst und das, was ihm Spaß macht.

"Wir stellen einen Kasten Bier in einen Bach. Und der hält da auch - da müssen wir nicht noch dreimal schauen, ob der Kasten noch steht."

"Mit Freunden zusammen sein. Fußball, Alkohol."

"Geile Autos mit megamäßig PS."

"Mit den Kindern alleine zu Hause sein - und im Wohnzimmer aus Pappschachteln essen."

Lönneker stellt fest: "Spricht man mit Männern über ihr Mannsein, dann zeigen sich die meisten Männer sicher und selbstbewusst, wenn man über ihren Beruf und ihre Arbeit spricht. Die hier erlebte Funktions-Potenz kippt jedoch in eine Art Privat-Insolvenz, sobald man mit den Männern über ihr Beziehungsleben spricht."

"Männer müssen ihr Ding durchziehen"

27 Prozent der Männer fallen Lönneker zufolge heutzutage unter den Typ "Schoßhund": Dieser habe kein klares Selbstbild, stelle aber jede Anwandlung der "alten Männlichkeit" bei sich selbst unter Machismo-Verdacht. Aus Angst, die Liebe seiner Frau zu verlieren, verhält er sich häufig brav und folgsam. Zugespitzt formuliert, gibt dieser Typ Mann nett Pfötchen und zerbeißt allenfalls auf seinen kleinen Fluchten im Internet mal einen Pantoffel. Die Studie habe gezeigt: Erst langsam dämmert es den Männern, dass sie auch im privaten Bereich ihr Terrain erobern müssen. Und es gebe eine große Sehnsucht, das wiederzufinden, was als typisch männlich gilt.

Lambert fordert seine Geschlechtsgenossen auf, authentischer zu sein, sich nicht für ihre "typisch männlichen" Eigenschaften zu schämen, aber auch ihre feminine Seite zu akzeptieren, also sensibel und emotional zu sein. Männer, sagt Lambert, müssen lernen, ihr Ding durchzuziehen, und das aus ihrem Leben zu machen, was ihnen persönlich wichtig ist. Sie müssen aufhören zu versuchen, Frauen durch ihren "gesellschaftlichen Wert" anzuziehen. Stattdessen sollten sie auf ihren Selbstwert setzen.

"Früher war 'Stärke' vielmehr gleichzusetzen mit 'Härte und Emotionslosigkeit', heute dadurch, dass aus sich zu machen, was man will, und auf diese Weise die Führung zu übernehmen", klärt Lambert seine Geschlechtsgenossen auf. Denn eines habe sich bis heute nicht geändert: Die meisten Frauen wollen noch immer, dass der Mann die Führung übernimmt, auch wenn die Frau sich Gleichberechtigung wünscht.

Quelle: n-tv.de